Ein junger Mann im grauen Kapuzenpulli sitzt allein an einem Tisch im Café des Sportzentrums von Romanel VD, zehn Autominuten von Lausanne entfernt. Stanislas Wawrinka wirkt wie ein Student, tippt auf seinem Apple-Laptop, daneben liegen die Zeitungen «Le Matin» und «24 heures». Es ist Freitag, 9.30 Uhr.

Stanislas Wawrinka, dass sich ein Tennisspieler schon um diese Zeit interviewen lässt, ist ziemlich aussergewöhnlich.
Ich stehe gern früh auf. Seit meine Tochter Alexia zur Schule geht, beginnt der Tag normalerweise gegen 7 Uhr. So hat man noch etwas vom Morgen. Während der Turniere schlafe ich länger.

Ihre Tochter ist dreieinhalb – und geht schon zur Schule?
Ja, seit September. An der Schule gibt es eine Klasse für Kinder ab dreieinhalb Jahren. Die Kleine geht ganz gern hin, auch wenn wir uns alle noch etwas an den Stundenplan gewöhnen müssen.

Sie spielen an Turnieren in aller Welt. Sehen Sie Ihre Familie genug?
Nein, ich wünschte mir, ich würde meine Frau und meine Tochter öfter sehen. Aber mein Beruf ist es nun mal, Tennis zu spielen, und dazu gehört das Reisen. Eine Tennis-Karriere ist kurz, darum muss man akzeptieren, dass es in dieser Zeit gewisse Opfer braucht.

Normalerweise nehmen Sie Ihre Familie nicht mit an die Turniere. Wird das in Basel anders sein, wo morgen Montag die Swiss Indoors beginnen?
Ja. Wir fahren gemeinsam im Auto von Lausanne nach Basel – wie in die Ferien! (Lacht.)

Sie haben Feriengefühle?
Für meine Familie ist es wie Ferien, für mich natürlich nicht. Aber es ist viel angenehmer, in der Nähe zu spielen als weit weg. Wir wohnen im selben Hotel, wenngleich wohl in zwei Zimmern; in den Nächten und mit meinem Zeitplan ist das einfacher.

Stimmt es, dass Sie ein Autofan sind?
Ja. Aber glauben Sie nicht, dass ich zu schnell fahre! Ich bin mit Ilham und Alexia gemütlich mit unserem Jeep unterwegs. Daneben habe ich ein Sponsorenauto.

2013 ist Ihr erfolgreichstes Jahr, die Erwartungen an Sie sind in Basel enorm. Was macht Sie so stark?
Es ist eine kontinuierliche Entwicklung. Meine Karriere hat immer aus kleinen Schritten bestanden. Ich habe immer hart gearbeitet, aber dieses Jahr fühle ich mich besonders sicher, besonders wohl. Das hat bestimmt auch damit zu tun, dass in meinem Privatleben zurzeit alles stimmt. Und ich hatte dieses Jahr einige Erfolge, die mein Selbstvertrauen gestärkt haben.

Ihr Trainer Magnus Norman sagte noch in Paris, dass Sie mehr Selbstvertrauen haben dürften. Wie haben Sie das nun gewonnen?
Ich war nie sehr selbstbewusst. Vor allem nicht, wenn ich auf dem Platz stand. Das hat sich komplett geändert, die knappe Niederlage gegen Novak Djokovic in Australien Anfang Jahr und der Finalsieg in Portugal gegen David Ferrer haben mir viel Selbstvertrauen gegeben. Seither weiss ich: Jetzt kann ich jeden schlagen.

Auch Rafael Nadal?
Auch Nadal, ja. Das ist im Moment sicher der härteste Gegner. Ich denke, wenn alles stimmt, könnte ich auch ihn schlagen, so wie ich Roger Federer oder Djokovic schlagen könnte.

Wie weit können Sie es noch bringen, wo sehen Sie Ihre Grenzen?
Ich kann durchaus noch weitere Fortschritte machen. Grenzen? Gibt es eigentlich keine. Vielleicht werde ich sie nächstes Jahr sehen. Zurzeit kann ich mich noch steigern. Daran arbeite ich.

Sie sind 28, da ist noch einiges möglich.
Das Tennis hat sich entwickelt, die Generation, die jetzt dominiert, ist zwischen 25 und 30 Jahre alt. Und auch mit 30 muss man nicht stehen bleiben. Unser Sport ist viel professioneller und physischer geworden. Physisch ist bis 37 vieles möglich.

Wie sieht Ihr Zeithorizont aus: Spielen Sie noch, vier, fünf Jahre?
Ja, das habe ich vor. Man weiss nie, was passiert, aber meine Idee ist es, noch vier oder fünf Jahre zu spielen.

Sie gelten als ruhiger Typ, dennoch zertrümmern Sie auch mal den Schläger. Wie geht das zusammen?
Also, so oft passiert das ja nicht! Aber es gibt Situationen, wo man sehr angespannt, sehr emotional ist, und dann kann sich ein Frust halt so entladen. Das ist nicht gut, wirkt aber befreiend.

Und zu Hause, wenn die Tochter quengelt, bleiben Sie immer geduldig?
(Lacht.) Sicher, grundsätzlich bin ich ja ein ruhiger und gelassener Mensch. Meine Schwäche ist eher, dass ich hyperaktiv bin. Ich kann nicht ruhig sitzen, muss mich immer bewegen.

Besonders viele Emotionen zeigen Sie im Davis-Cup, da flossen schon Tränen. Was bedeutet Ihnen der Davis-Cup?
Beim Davis-Cup spiele ich als Vertreter der Schweiz, das war immer mein Traum. Das Schweiz-Trikot, die Nationalhymne – das ist jedes Mal etwas Spezielles, ich versuche, dem Land etwas zurückzugeben.

Haben Sie schon von Roger Federer etwas gehört, wird er im Februar beim Davis-Cup gegen Serbien dabei sein?
Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Ich glaube, Rogers Spielplan steht noch nicht definitiv. Vielleicht reden wir jetzt in Basel darüber.

Sie haben auch den deutschen Pass. War für Sie immer klar, dass Sie für die Schweiz spielen?
Ja, weil ich mich als Schweizer fühle. Die Deutschen haben mich vor langer Zeit mal gefragt, ob ich für sie spielen würde, aber für mich war das nie ein Thema. Alles wäre total anders, wenn ich für Deutschland antreten würde.

Sie wären in Deutschland die Nummer eins und würden mit Sponsoring viel mehr verdienen.
Sicher, auch das wäre ganz anders. Aber darüber denke ich nicht nach. Geld ist nicht alles.

Haben Sie sich schon überlegt, in ein Steuerparadies wie Monaco zu ziehen, so wie andere Spitzenverdiener im Sport?
Nein, nein. Ich werde meine Heimat nie des Geldes wegen verlassen. Sonst hätte ich es schon längst getan. Die Frage hat sich mir einige Male gestellt, aber die Antwort war für mich jedes Mal ein klares Nein. Ich möchte da leben, wo es mir gefällt, und nicht da, wo die Steuern am tiefsten sind. Die Schweiz ist schön, es ist ein Privileg, hier zu leben. Das sehe ich, je mehr ich reise.

Was, wenn Sie zur Weltranglisten-Nummer 4, 3, 2 oder gar 1 werden und mehr Geld verdienen?
Das würde nichts daran ändern. Ich könnte schon heute viel sparen, wenn ich wegziehen würde. Nun habe ich hier meine Familie, unsere Tochter besucht die Schule, das soll so bleiben.

In Schanghai und am US Open kamen Sie weiter als Roger Federer. Hat Sie das stolz gemacht?
Ich bin stolz, so gut gespielt zu haben. Aber ich bin nicht stolz, weiter als Roger gekommen zu sein. Ich wünsche mir, dass er wieder brillieren wird.

Sie sagten früher, Federer sei «unerreichbar». Nun haben Sie ihn erstmals überholt und liegen auf
Rang 7, er auf Rang 8.

Irgendwie unglaublich, ja. Doch das ist nur eine Momentaufnahme. (Denkt nach). Roger spielt noch immer auf einem anderen Niveau. Daran ändert sich auch nichts, wenn ich Ende Jahr zufällig auf der Weltrangliste vor ihm platziert sein sollte. Roger hat einfach ein schwieriges Jahr. Er hat einen unerreichbaren Leistungsausweis.

Ist es nervig, dass man Sie in jedem Interview auf Federer anspricht?
Nein. In früheren Jahren wurde ich manchmal bloss interviewt, weil die Medien etwas über Roger und sein Leben herausfinden wollten. Das hat mich schon gestört, aber diese Zeiten sind vorbei.

Auch Sie sind zur Marke geworden. Mögen Sie es, wenn man Sie «Stan the Man» nennt?
Ja, das klingt doch sympathisch.

Woher kommt die Wendung?
Das erste Mal hörte ich sie, als ich in New York beim US Open 2007 in die Achtelfinals vorstiess. Da schrieb eine Zeitung von «Stan the Man».

Nun gibts noch eine Steigerung: «Iron-Stan»!
Mein Name eignet sich offenbar für solche Wortspiele. Und ich bin ja auch ein Kämpfer. Ich fighte bis zum letzten Ball, in jedem Match. So wie diesmal im Halbfinal. Das mögen die Fans. Das unterscheidet mich vielleicht von anderen Spielern. Und natürlich gefällt mir ein solcher Ehrenname.

«Stan the Man» tönt wie ein Filmtitel. Mögen Sie Actionstreifen wie «Terminator»?
Ich liebe eher «Batman le dernier – The Dark Knight». Ich mag Science-Fiction-Filme.

Sie haben den Schweizer Nachwuchs kritisiert, weil er zu wenig hart arbeite. Sind die Jungen verweichlicht?
Wer in der Schweiz aufwächst, kann ein tolles Leben führen. Aber wenn du im Sport das höchste Niveau erreichen willst, musst du Opfer erbringen. Diese Haltung vermisse ich bei vielen. Ich habe viele Opfer gebracht, für mich ist das normal.

Viele unserer herausragenden Sportler, darunter die halbe Fussball-Nati, haben ausländische Wurzeln. Hilft das für eine Sportkarriere?
Vielleicht. Wir sind ein kleines Land und haben auffällig viele grossartige Sportler. Denken Sie ans Frauentennis, an den Fussball, ans Eishockey. Ich habe den Eindruck, dass viele dieser Sportler ihren eigenen Weg gegangen und deshalb auch an die Spitze gekommen sind.

Welchen Sport würden Sie bevorzugen, wenn Sie nicht Tennisprofi wären?
Wenn ich jetzt entscheiden sollte, egal, wie gut ich bin, würde ich Eishockey wählen. Das Spiel liebe ich und wir haben eine tolle Liga. Beim HC Lausanne engagiere ich mich im Verwaltungsrat.

«Stan the Man» musste auch um seine Ehe kämpfen. Sie trennten sich von Ihrer Frau, unter lautem Mediengetöse – nun sind Sie wieder zusammen.
Wir hatten in der Vergangenheit grosse Probleme. Nicht alles, was in den Medien stand, war richtig. Aber das ist Vergangenheit, es zählt die Gegenwart. Wir sind wieder zusammen, und wir sind glücklich.

Ihre Trennung wirkte sehr definitiv, wenn man die Zitate Ihrer Frau in den Medien las. Wie war die Versöhnung möglich?
Ich habe im Privatleben viele Fehler gemacht, aber ich habe daraus gelernt.

Was Sie und Ihre Frau geschafft haben, misslingt vielen Paaren in der Krise. Haben Sie einen Rat?
Nein, den habe ich nicht.

Begreift Ihre Tochter, was es bedeutet, dass ihr Vater zu den zehn weltbesten Tennisspielern gehört?
Sie versteht meinen Beruf: viel reisen, Tennis spielen. Aber sie versteht die Bedeutung von Siegen und Verlieren noch nicht. Aber sie weiss: Wenn ich verliere, komme ich schneller nach Hause.

Was ist Ihnen in der Erziehung Ihrer Tochter wichtig?
Zunächst einmal, dass sie die anderen Menschen respektiert. Das tönt vielleicht banal, doch für mich ist ganz wichtig, wie sie mit anderen umgeht.

Wann haben Sie als Kind gemerkt, dass Tennis Ihr Sport ist?
Das kam ganz natürlich. Mit 16, 17 Jahren habe ich gespürt: Ich könnte es schaffen. Und dann ging es Schritt für Schritt vorwärts. Erst kam ich in die Top 200, das war für mich unglaublich, genauso wie dann die Top 100. Jetzt sieht das natürlich ein wenig anders aus. Ich begreife, was möglich geworden ist. Das Wichtigste dazu ist Leidenschaft. Und harte Arbeit.

Was bedeutet es Ihnen, wenn Sie das Masters der besten Acht in zwei Wochen spielen können?
Jeder Tennisprofi träumt davon, dieses aussergewöhnliche Turnier zu spielen. Noch sind es zwei Turniere bis dahin. Wir kämpfen zu fünft um drei Plätze und liegen ganz eng zusammen. Noch ist es ein Traum, aber ein Traum, der für mich in Erfüllung gehen kann.

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