Samstag, 12.30 Uhr, Yas Marina Circuit, Abu Dhabi. Die Wüstensonne brennt: 31 Grad und nirgendwo Schatten. «Der Sonntag» setzt sich mit Peter Sauber unters Sonnendach. Im zweiten Stock der Team-Hospitality, mit Blick aufs glamouröse Yas-Nobelhotel. Dort, wo die Formel-1-Piloten heute 55-mal mit 200 Sachen untendurch rasen. Die Stimmung: entspannt. Die Atmosphäre: märchenhaft.

Peter Sauber, Sie kommen direkt von der Siegerehrung.
Peter Sauber: Ja. Es war ein tolles Gefühl, die Schweizer Nationalhymne zu hören.

«Ihr» Mann hat das GP2-Rennen gewonnen: Fabio Leimer. Und der sitzt am Dienstag in Ihrem C30.
Ja, das freut mich natürlich sehr. Wie immer, wenn ich die Schweizer Nationalhymne höre. Früher, zu Sportwagenzeiten, durfte ich das fast alle 14 Tage erleben. In der GP2 oder der Formel 1 ist das natürlich seltener bis gar nie der Fall. Ich mag es daher Fabio Leimer von Herzen gönnen, dass er hier gewonnen hat. Deshalb wollte ich mir auch die Siegerehrung nicht entgehen lassen.

Sie wirken entspannt und gut erholt. Wie waren die Ferien?
Danke für die Nachfrage, die Ferien waren schön. Wann immer es sich ergibt, nutze ich während der langen Saison die Möglichkeit, ein paar Tage freizumachen. Die Zeit zwischen Neu-Delhi und Abu Dhabi war ideal. Ich habe im Oman ausgespannt. Eine tolle Destination.

Zurück zu Fabio Leimer: Der 22-Jährige schlägt sich gut.
Dass Fabio Leimer in der GP2 immer stärker wird, konnte so nicht erwartet werden. Die Vereinbarung, dass er im Rahmen der Young Driver Tests nach dem GP Abu Dhabi für uns testen darf, besteht seit dem Monza-Wochenende. Dass er nun vor dem Test das erste von zwei GP2-Rennen gewann, macht natürlich doppelt Freude.

Trotzdem: Dieser Testtag kostet Leimer viel Geld. Man spricht von 300000 Franken. Warum zeigt sich da Sauber mit einem viel grösseren Budget nicht spendabler?
Grundsätzlich bestätige ich diese Zahl nicht. Nur so viel: Mit den Young Driver Tests haben wir die Möglichkeit, Talente von morgen zu testen. Solche Tests ergeben sich nicht oft, die Zeitfenster hierzu sind extrem eingeschränkt. Es ist aber völlig normal, dass ein Fahrer bei den Kosten anteilsmässig partizipiert.

Weshalb?
Nun: Von unserem Team steht für einen solchen Testtag ein grosser Teil der Mannschaft im Einsatz. Hinzu kommt das Material. Das ist sehr teuer. Leimer muss die Chance, die wir ihm bieten, nutzen. Die bekommt er nicht jeden Tag. Er kann dabei eine Menge lernen. Der Testtag ist ausschliesslich für ihn, nicht für das Sauber F1 Team.

Welche Erkenntnisse werden aus einem solchen Testtag gezogen, was passiert danach?
Wenn Kamui Kobayashi oder Sergio Pérez testen, oder unser offizieller Ersatz- und Testpilot Esteban Guttièrrez, sprechen wir da nicht vom selben wie wenn ein Jungtalent seine erste Formel-1-Chance erhält. Wenn Leimer nun am Dienstag testet, geht es darum, dass er das Auto kennen lernen kann, die ganzen technischen Systeme und die Abläufe. Dann muss er den C30 auf seine Bedürfnisse abstimmen. Ziel ist, dass Leimer möglichst viele Runden drehen kann – um Erfahrung zu sammeln. Das Team wertet die Daten dann aus. Ein ganz normaler Ablauf.

Und was passiert, wenn der Aargauer richtig Gas gibt und tolle Zeiten fährt?
Nun, Tests sind immer mit Vorsicht zu geniessen, Rookie-Tests ohnehin. Ich erinnere da an Daniel Ricciardo: Er testete im Vorjahr bei den Young Driver Tests hier in Abu Dhabi den Red Bull, mit welchem Vettel zwei Tage zuvor Weltmeister geworden ist. Und dann fuhr Ricciardo schneller als Vettel bei seiner Pole-Zeit am Samstag. Sie sehen: Zeiten sind nicht alles.

Werden Sie am Dienstag, wenn der Schweizer auf dem Yas Marina Circuit im Sauber C30-Ferrari auf die Piste geht, an der Boxenmauer stehen?
Nein, da bin ich schon wieder in Hinwil.

Sie sagten letztes Jahr: Mit 70 stehe ich sicher nicht mehr an der Boxenmauer. Wird der Traum noch wahr und es fährt unter Ihnen als Teamchef noch ein Schweizer in einem Sauber-Boliden?
Bei einem englischen Team ist es normal, dass ein Engländer im Cockpit sitzt. Bei den Franzosen ist es so, dass ein Franzose als Stammpilot fast Pflicht ist. Bei einem Schweizer Team sieht das anders aus: Schweizer Rennfahrer haben es nicht einfach. Der Weg in die Königsklasse ist schwierig, die Luft da oben ganz dünn.

Was braucht es denn, um Sauber-Pilot zu werden?
Schauen Sie: Seit wir mit grossen Konzernen zusammenarbeiten, haben wir die Pilotenfrage oft diskutiert. Wir haben mit Red Bull, dann 15 Jahre mit Petronas enge Partnerschaften gepflegt. Bei Sauber sass aber nie ein Red-Bull-Nachwuchstalent im Cockpit – und auch kein Fahrer aus Malaysia. Weshalb? Ganz einfach: weil keiner gut genug war! Wenn wir uns für einen Piloten entscheiden, spielen da viele Faktoren mit: Er muss gut, schnell und konstant sein, er muss Talent haben – und auch der Mensch spielt bei mir eine wichtige Rolle. Dann kommt noch die Lebensgeschichte dazu. All diese Komponenten entscheiden letztlich darüber, ob jemand Stammpilot wird oder nicht. Um den Kreis zu schliessen: Ein Schweizer müsste absolut top sein, um es in ein Sauber-Cockpit zu schaffen. Der Erfolgsdruck wäre immens, auch medial.

Mit Sergio Pérez haben Sie einen Mexikaner, der dank den Telmex-Millionen in die Formel 1 kam.
Halt, das stimmt so nicht. Pérez ist kein Paydriver! Der mexikanische Telekommunikations-Riese hat seit Jahren im Motorsport ein Förderprogramm für junge Talente, primär in den USA. Wir haben ihn lange beobachtet. Wie alle GP3- und GP2-Piloten übrigens. Telmex glaubte, dass Sergio Pérez 2011 reif für die Formel 1 ist. Das glaubten wir auch. Erst dann kam Telmex und bot eine Partnerschaft mit unserem Team an.

Sie hätten Pérez also auch ohne die Millionen der Mexico-Connection genommen?
Ja, das kann ich so sagen. Sergio wurde letztes Jahr Vizemeister in der GP2, hinter Pastor Maldonado, dem aktuellen Williams-Piloten. Das sagt alles.

Für nächstes Jahr sind Kamui Kobayashi und Sergio Pérez bei Sauber fix.
Ja, deshalb mache ich mir derzeit rund ums Fahrerkarussell auch keine Gedanken. Das tue ich erst, wenn es nötig ist. Und das ist derzeit nicht der Fall.

Wie waren Sie mit Ihrem Fahrerduo in dieser Saison zufrieden?
Wir sind als Team hervorragend in die Saison gestartet. Von der Performance her hatten wir ein gutes Auto. Beide Piloten haben in Melbourne, im ersten Saisonrennen, zehn Punkte gewonnen. Dass uns diese aberkannt wurden, war ein herber Rückschlag. Ein Schock fürs ganze Team. Bei Saisonmitte, nach Silverstone, wurde es schwierig: Wir waren nicht mehr konkurrenzfähig genug. Entsprechend gingen die Piloten ein höheres Risiko ein, und das geht nicht immer gut. Sie wissen ja: Läuft es gut, ist es immer einfach, Fahrer zu beurteilen.

Damit sind wir beim Thema: Dem Anblas-Diffusor. Dieser kostet Sie vermutlich Millionen.
Das ist gut möglich, ja. Die Sache mit diesem Diffusor kann uns tatsächlich den Konstrukteurs-WM-Rang 6 kosten. Schauen Sie: Im Juli in Silverstone hat der Internationale Automobilweltverband FIA beschlossen, diesen Anblas-Diffusor zu verbieten. Also stellten wir die Entwicklung sofort ein. Ein Rennen später war der Diffusor-Trick wieder erlaubt. Das ist natürlich sehr ärgerlich.

Weshalb haben Sie denn nicht parallel weiterentwickelt?
Weil das viel zu teuer gewesen wäre. Für ein Team wie Sauber ist eine Doppel-Entwicklung unmöglich.

Bei 200 Millionen Budget?
(lacht) Von dieser Zahl sind wir weit weg!»

Im Ernst?
Ja, im Ernst. Mit so viel Geld hätten wir die Parallel-Entwicklung machen können. Und wir hätten auch von den Fortschritten beim Ferrari-Motorenmanagement profitiert. Aber wir verfügen nicht über so viele finanzielle Mittel. Deshalb war es ja auch so frustrierend, in Melbourne sicher geglaubte zehn Punkte zu verlieren. Und dann kamen noch sechs Punkte in Monza mit zwei Getriebeschäden hinzu. Wir könnten heute also locker 16 Punkte mehr auf dem Konstrukteurs-Punktekonto haben.

Der Frust muss tief sitzen.
Ja, sehr. Aus dieser Optik war es wirklich ein frustrierendes Jahr.

Und jetzt droht Ihnen noch ein Millionenloch, falls Sie den angestrebten 6. Konstrukteursplatz verpassen. Rund neun Millionen ist die Differenz zwischen dem sechsten und dem achten Platz.
Das sagen Sie! Ich kenne die genaue Zahl nicht. Erst Ende Jahr wird klar sein, wie die Einnahmen verteilt werden, wie viel es für jeden WM-Rang gibt. Auf jeden Fall ist es für uns sehr viel Geld – ein substanzieller Betrag. Denn bei uns zählt jede Million. Eigentlich jeder Franken, um genau zu sein.

Und das Punktesammeln wird immer schwieriger. Die Autos werden immer zuverlässiger. Bringen Red Bull, McLaren, Ferrari und Mercedes ihre Boliden ins Ziel, sind die ersten acht Plätze weg. Und Sie kämpfen nur noch um die Positionen neun und zehn, also um drei WM-Punkte.
Ja, diese Rechnung stimmt. Es ist schwierig. Deshalb ärgere ich mich ja darüber, wenn wir fahrlässig Punkte verlieren wie in Australien und Italien.

Heute steigt der zweitletzte Saisonlauf. In 14 Tagen endet die Saison in Brasilien. Was bleibt Ihnen von der 62. Formel-1-WM – Ihrer 19. Saison – in zehn Jahren noch in Erinnerung?
Dass wir Kobayashi und Pérez unter Vertrag hatten. Aber es bleibt auch eine gewisse Enttäuschung, doch die werde ich bis in zehn Jahren vergessen haben.

Die Vorbereitungen für 2012 laufen auf Hochtouren. Ihr Technischer Direktor James Key war zuletzt nicht mehr an allen Rennen; er ist mit dem Bau des Sauber C31 beschäftigt. Was erwarten Sie von der nächsten Saison?
Zu James nur so viel: Das war immer so geplant. Wenn man die Entwicklung fürs neue Auto beginnt, ist es wichtig, das von Hinwil aus zu tun. Zu 2012 kann ich nur sagen, dass ich mir erhoffe, ähnlich gut in die Saison zu starten wie in diesem Jahr – nur ohne Disqualifikation. Wichtig wird sein, dass wir mit zwei motivierten Piloten das ganze Jahr über konkurrenzfähig bleiben. Dann kommts gut.

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