Trotz der ersten Goldmedaille durch Nicola Spirig – die Schweiz ist an den Olympischen Spielen eine kleine Nummer. Wenn es ums Sportliche geht. Doch politisch spielt sie im Poker um das höchste Sportfunktionärsamt der Welt eine Schlüsselrolle. Es ist nicht auszuschliessen, dass ein Schweizer Nachfolger des Belgiers Jacques Rogge (70) wird, des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Rogge ist seit 2001 im Amt und verzichtet im September 2013 auf eine erneute Kandidatur.

In London rücken zwei mögliche Schweizer Kandidaten in den Vordergrund: René Fasel und Denis Oswald. Der Fribourger Fasel (62) ist seit 1994 Präsident der Internationalen Eishockey-Föderation (IIHF) und in dieser Funktion bereits IOC-Mitglied. Der Neuenburger Denis Oswald (65) ist Präsident des Weltruderverbandes Fisa und ebenfalls Mitglied des IOC.

Es ist einfacher, vom Papst ein Statement zur neusten Entwicklung der Pornoindustrie zu bekommen, als eine Aussage eines IOC-Mitgliedes zur anstehenden Präsidentenwahl. Deshalb sagen René Fasel und Denis Oswald nichts. So wie es die IOC-Benimmregeln vorschreiben. Denn es ist nicht nur verboten, mit Geschenken die Wahl zu beeinflussen. Es ist offiziell auch nicht gestattet, das persönliche Beziehungsnetz für den Wahlkampf zu nutzen – und es ist untersagt, öffentlich über die Wahl zu debattieren. Das führt dazu, dass keiner offen über seine Ambitionen spricht. Natürlich werden diese Benimmregeln, wo nützlich, einfach ignoriert.

Und so erfährt man doch einiges. Fasels und Oswalds Vertraute plaudern schon. Verbürgt ist, dass die beiden für die Tage nach London ein Treffen vereinbart haben, um die Strategie festzulegen. Entscheidend ist dann, dass sich die fünf Schweizer IOC-Mitglieder (nebst Fasel und Oswald sind dies Sepp Blatter, Gian-Franco Kasper und Patrick Baumann) auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Was fast nicht möglich sein wird: Sepp Blatter hält sich für den König der Welt, von Gian-Franco Kasper heisst es, er sei Fasel spinnefeind, weil er ihm das Präsidium der Olympischen Wintersportverbände neide, und Patrick Baumann (Basketball) gilt nicht als politischer Global Player.

Trotzdem spricht einiges für die beiden Schweizer. René Fasel hat zwar den Nachteil, als Hockeyvertreter ein Wintersportler zu sein. Aber durch sein Charisma, seinen Charme und seine Sprachkenntnisse (Spanisch, Französisch) hat er Zugang zur lateinischen Sportwelt. Und Denis Oswald, in London für die Spiele verantwortlich, gilt wegen seiner Integrität und Diplomatie für viele als Geheimfavorit – wenn er denn antritt. Und sowohl Fasel als auch Oswald sitzen bereits in der 15-köpfigen IOC-Exekutive.

Natürlich ist die Konkurrenz gross. Sie besteht aus einem buntscheckigen Feld von Kandidaten, nicht alle Ehrenmänner vor dem Herrn. Am heftigsten weibelt der Deutsche Thomas Bach, ein ehemaliger Fecht-Olympiasieger. Der Wirtschaftsanwalt und -Lobbyist nervt mit seinem Ehrgeiz und hat das Charisma eines Baumaschinenführers. IOC-Finanzchef Richard Carriôn (Puerto Rico), Afrikas erste Olympiasiegerin Nowa El Maoutawakel (Marokko), Stabhochsprung-Popstar Sergej Bubka (Ukraine) und Ng Ser Miang, ein Milliardär und Diplomat aus Singapur, werden auch als Kandidaten genannt.

Gewählt wird der neue Präsident durch die 140 IOC-Mitglieder. Das IOC gibt sich gern modern, global, weltoffen und liberal. Aber im Grunde ist es immer noch eine stockkonservative eurozentrische Organisation, und in der 15-köpfigen IOC-Regierung (Exekutivkomitee) sitzen nur drei Frauen. In 118 Jahren hat es nur einen aussereuropäischen Präsidenten gegeben. Die beiden Schweizer Vertreter könnten eine Alternative sein – zum unbeliebten Thomas Bach und zur wenig erbaulichen Aussicht, dass sich das Machtzentrum durch den neuen Präsidenten nach Asien, in die Karibik, nach Afrika oder nach Osteuropa verschieben könnte. Das Schachern um den höchsten Posten im Weltsport erreicht in London eine erste heisse Phase.

Die Aufgabe des Internationalen Olympischen Komitees ist die Organisation der Olympischen Spiele. Mitglieder des Vereins mit Sitz in Lausanne sind 205 nationale Komitees.

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