Heimsiege zählen für Didier Cuche zu den emotionalsten Ereignissen. Bis Crans-Montana durfte er dieses Gefühl erst einmal erleben, beim Riesenslalom 2002 in Adelboden, wo er mit über einer Sekunde Vorsprung gewann. Und als er am Freitag im Wallis endlich seinen zweiten Heimsieg errang, flachste er: «Eigentlich ist es ein Hahnenkamm-Sieg. Es handelt sich schliesslich um das Ersatzrennen von Kitzbühel. Am Samstag ist das richtige Heimrennen.»

Und in diesem musste er sich, wie schon so oft, mit einem Ehrenplatz begnügen. In der Lauberhorn-Abfahrt war er schon dreimal Zweiter geworden. In Crans-Montana standen ihm Benjamin Raich, am Vortag Dritter, und der Franzose Adrien Théaux im Weg, der von Cuches Ex-Coach Patrice Morisod trainiert wird.

Emotionale Höhenflüge erlebte diesmal der eher introvertierte Pitztaler Benjamin Raich, bei dem es viel braucht, bis ihn die Gefühle überwältigen. «Doch dieser Erfolg ist schon etwas Besonderes», meinte er, «ich mache nicht gerne eine Wertung der verschiedenen Erfolge, aber auf dieses Ziel habe ich enorm lange hingearbeitet. Wenn man das endlich erreicht, löst das schon eine grosse Befriedigung aus.» Letztmals siegte Raich, der an der WM 2011 in Garmisch einen Kreuzbandriss erlitt, 2009 in Val d’Isère.

Im 374. Weltcup-Einsatz gelang dem 34-jährigen Österreicher endlich der erste Sieg in einem Speed-Rennen. Auf dem Podest stand er schon einige Male, doch ganz zuoberst stand der einstige Slalom- und Riesenslalom-Spezialist nie. Nun wuchs der Österreicher einmal mehr in einem Schweizer Rennen über sich hinaus.

Was für Cuche Kitzbühel ist, wo er schon sechsmal gewann, stellt für Raich die Schweiz dar. «Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl», sagte er, «meistens fahre ich auch sehr gut.» Und stellte die rhetorische Frage: «Hat jemand die Siege schon gezählt?» Worauf ihm Cuche ins Wort fiel: «Auf jeden Fall sind es viel zu viele!»

Es sind genau zehn. Zehnmal stand Raich in der Schweiz zuoberst auf dem Podest, fünfmal in Wengen, dreimal im Slalom und zweimal in der Kombination, dreimal in Adelboden, einmal auf der Lenzerheide und nun erstmals in Crans-Montana. Damit stellt er einen neuen Schweizer Rekord auf. Bisher war er ex-aequo-Rekordhalter mit Ingemar Stenmark, der einst in der Schweiz (Adelboden, Wengen und Parpan) neun Siege feierte. Dahinter folgt Ivica Kostelic, der acht Erfolge feierte.

Da muss Cuche mit seinen zwei Siegen neidlos hinter Raich anstehen, dem er, im Bezug auf dessen Ambitionen in der Abfahrt, die aufmunternden Worte auf den Weg gibt: «Du bist ja noch jung». In der Tat hat Cuche mehr als die Hälfte seiner Siege errungen, als er schon über 34 war. Raich, inzwischen 36-facher Weltcupsieger, hat also die Karriere noch vor sich.

Für ihn sei die Ausgangslage im zweiten Rennen in Crans-Montana deutlich anspruchsvoller gewesen, meinte Cuche: «Der Druck war höher. Ich war auch nervöser, weil ich wusste, ich kann wieder gewinnen. Am Vortag habe ich ehrlicherweise nicht mit einem Sieg gerechnet.» Er habe gestern im unteren Teil, zwei-, dreimal nachdrücken müssen, was die entscheidenden Sekundenbruchteile im Kampf um den Sieg kostet habe: Auf Théaux fehlten ihm 12 Hundertstel, auf Raich 36.

Weltcup-Aspirant Beat Feuz konnte sich um genau 10 Ränge verbessern und wurde Zehnter, womit er aber erneut zu den Verlierern zählte. In seiner Domäne schaffte er es nicht, den Rückstand auf Hirscher und Kostelic, die immer noch 3 beziehungsweise 15 Punkte vorausliegen, gross zu verkürzen – und heute steht ein Riesenslalom an. «Wenn einer auch nur leicht angeschlagen ist, hinterlässt das eben Spuren», meinte Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann: «Beat sind vor dem Rennen vier Spritzen Flüssigkeit aus dem Knie entzogen worden. Es spricht für Beat, wenn er das nicht an den grosse Glocke hängen wollte». Es hätte ihn im Rennen nicht gestört, fand Feuz, «dafür aber in der Vorbereitung. Nun werde ich halt nächste Woche in Kvitfjell umso mehr Gas geben.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!