Plötzlich steht Roger Federer in Madrid im Mittelpunkt. «Grossartig, Sie stammen aus dem Land von Federer», ruft David euphorisiert. «Er ist der Zidane des Tennis. Der Beste der Geschichte.» Eigentlich wollen wir mit David über Fussball sprechen. Über Real Madrid, die Galaktischen. Über «La Décima», den im letzten Frühling gewonnenen zehnten Titel im europäischen Meistercup (respektive der Champions League). Und vielleicht auch noch ein paar Fragen zum FC Basel und zur Champions League stellen. Immerhin gastiert der FCB am Dienstag beim Titelverteidiger. Aber eben: Wenn ein Schweizer zu Besuch ist, dann kann die Bewunderung für Federer nicht warten.

Der Herbst naht auch in Madrid. Aber das merkt der Besucher nur, wenn er die Blätter der Bäume betrachtet. Grün und Rostrot wechseln sich ab. Aber warm ist es noch immer. Gut 27 Grad misst das Thermometer am Nachmittag. David, 35-jähriger Ordnungshüter, steht am «Plaza de Cibeles». Auf vier Spuren in jede Richtung donnern Autos, Busse und Taxis vorbei. Der Verkehr ist – wie immer in Madrid – zahlreich. Auch mitten in der Stadt.

In der Mitte des Platzes thront der Brunnen, der so wichtig ist für Real Madrid. Zwei Löwen flankieren die Göttin Cibeles. Hier feiern die Stars der Galaktischen ihre Titel. Zuletzt am 25. Mai 2014. Morgens um sechs Uhr startete der Korso. 500 000 Fans bejubelten die zwölf Jahre lang ersehnte «Décima». Eigentlich ist es üblich, dass der Captain von Real der Göttin Cibeles eine Klub-Flagge um den Hals bindet. Aber Iker Casillas liess Sergio Ramos den Vortritt. Schliesslich war er es, der die Königlichen im Final gegen den Stadtrivalen Atlético mit seinem 1:1 in der Nachspielzeit überhaupt in die Verlängerung rettete.

Und nun am Samstagabend also die Revanche. Vor 81 044 Zuschauern im ausverkauften Santiago Bernabeu. Für Madrid gibt es nur dieses eine Spiel. Dass die Champions League kommende Woche beginnt – interessiert hier keinen. «Wer verliert, kann sich die Liga abschreiben!», titelt die Sportzeitung «Marca». Auf 16 Seiten stimmt sie die Stadt aufs Derby ein. «Wer befiehlt in der Stadt?», fragt «AS». Worte über den FC Basel? Fehlanzeige. Taxifahrer José betont auf dem Weg in die Innenstadt: «Real Madrid denkt immer nur an heute.» Und was hält er vom FC Basel? «Es gibt keine Kleinen mehr im Fussball.» José hört sich an, als wäre er Trainer Carlo Ancelotti und müsste seine Stars warnen.

Zurück zu David. Bei ihm tönt es ganz anders. Bei der Frage, wer das Spiel gewinne, denkt er automatisch an das Derby. Nein, nein, am Dienstag! David bricht in schallendes Gelächter aus. «Basel – ich denke, wir können sie mit Rayo Vallecano vergleichen.» Soll wohl heissen: Keine Chance.

Der Vergleich mit Vallecano ist nicht zufällig gewählt. David ist in Vallecas, dem Stadtteil im Süden von Madrid, geboren. Er unterstützt die «Blitze» von Rayo Vallecano von jeher. Den Abend will er mit Kollegen in Bars verbringen. Seine Frau und sein Vater leiden derweil im Bernabeu mit. «Wenigstens sie sind echte ‹Madridistas›», sagt David.

Um den Mittag sind auf den Strassen erste wenige Fussball-Trikots zu sehen. Zwei Kroaten mit Nationaltrikots laufen den Schaufenstern der «Gran Via» entlang. Real gegen Atlético ist eben auch Modric gegen Mandzukic. Einer versucht mit einem Pfannen-Schlagzeug einen Zustupf zu verdienen. Auf der anderen Seite der Strasse ist die spanische Version des Alphorns zu bestaunen. Und in einem Souvenirshop ist Real dem verhassten FC Barcelona plötzlich ganz nah. Autogrammkarten von den Stars beider Teams sind Seite an Seite ausgestellt.

Wir gehen etwas weiter ins Zentrum, um dem Verkehr zu entfliehen. Bald serviert Paulo die köstliche Paëlla. Und bald wird sein Lächeln etwas melancholisch. «Ich hatte drei Jahre eine Freundin, Eveline aus Interlaken, sie war so schön wie die Berglandschaft rundherum.»

Paulo ist ein «Atleti», Fan des aktuellen Meisters. Wenn Atlético einen Titel gewinnt, steigt die Feier am Neptun-Brunnen, nur einen (schwungvollen) Steinwurf von Cibeles entfernt. Beim Gedanken an den letzten Titel scheint der Liebeskummer wegen Eveline wieder verflogen. Paulo verabschiedet uns mit dem Versprechen, Atlético werde das Derby auf jeden Fall gewinnen. Wenn nicht, sind wir später auf einige Bier eingeladen.

Es ist Abend geworden. Aber kein bisschen weniger warm. Wir machen uns auf den Weg ins Santiago Bernabeu, zu diesem grossartigen Stadion. Bernabeu war ein Visionär des Weltfussballs. Er tätigte als einer der ersten Präsidenten Transfers von ausländischen Spielern. Nicht zuletzt diese standen am Ursprung der grossen Real-Erfolge Ende der 50er-Jahre. Die ersten fünf Meistercup-Titel nach der Gründung des Wettbewerbs wurden alle von Real gewonnen. «Damit hat die Faszination Real Madrid vielerorts auf der ganzen Welt begonnen», sagt der Schweizer Schriftsteller und bekennende Real-Fan Pedro Lenz.

Vor dem Stadion prangt ein grosses Bild von Alfredo Di Stéfano, dazu die Worte «Gracias Alfredo». Die Real-Legende ist diesen Sommer beim Spazieren an Herzversagen gestorben.

Kurz vor dem Spiel treffen wir vor dem Stadion Francisco Vetter. Der 24-jährige Schweizer ist übers Wochenende mit seiner Freundin nach Madrid gereist. Seit er ein Kind ist, verehrt er Real. Niemanden so sehr wie Stürmer Raúl. Francisco ist zum achten oder neunten Mal für ein Spiel extra angereist, «so genau weiss ich das nicht mehr».

Die Zuschauer bekommen ein packendes Spiel zu sehen. Aber am Ende müssen die allermeisten von ihnen enttäuscht nach Hause. 2:1 gewinnt Atlético. Es verdiente sich den Sieg mit seinem bekannten, leidenschaftlichen Kampf. Ein guter Eckball und ein schöner Angriff reichten für zwei Tore.

Real Madrid aber liegt nach drei Spieltagen bereits sechs Punkte hinter dem grossen Rivalen Barcelona. Das ist nichts weniger als eine Katastrophe. Da ist es auch nur ein kleiner Trost, dass Cristiano Ronaldo nach einer Verletzung sein Comeback gab und gleich der auffälligste Real-Spieler war. Der Auftritt als Ganzes war alles andere als königlich. Vor dem Spiel am Dienstag gegen Basel ist bei den Galaktischen bereits das grosse Zweifeln ausgebrochen.

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