DUELL DER GIGANTEN

Heute um 21.35 Uhr kommt es in Berlin zum Gipfeltreffen der Leichtathletik-Könige. Olympia-Sieger Usain Bolt wird über 100 Meter herausgefordert von Weltmeister Tyson Gay.

VON SIMON STEINER

Über 2000 Athletinnen und Athleten kommen dieser Tage in der deutschen Hauptstadt zu einem WM-Einsatz. Doch die öffentliche Wahrnehmung der Leichtathletik beschränkt sich weitgehend auf zwei Protagonisten.

Das Duell der beiden weltbesten Sprinter, das heute mit dem 100-m-Final in die erste Runde geht, stellt den Rest des WM-Programms nicht wenig in den Schatten. Bolt oder Gay?

Das ist die Frage, die wirklich interessiert. Nie mehr seit dem 100-m-Duell zwischen Ben Johnson und Carl Lewis bei den Olympischen Spielen 1988 gab es in der Welt der Leichtathletik eine Affiche, die alles andere derart überstrahlte.

Die Erinnerung an den Kampf der Giganten vor 21 Jahren macht auch gleich deutlich, wie problematisch die Fixierung auf die Königsdisziplin und ihre herausragenden Figuren ist. Johnson, der Lewis damals in 9,79 Sekunden deutlich hinter sich liess, wurde danach bekanntlich des Dopings überführt.

Bösewicht Johnson wurde gesperrt, und Publikumsliebling Lewis erbte Gold, obwohl auch er – wie erst viel später öffentlich gemacht wurde – im selben Jahr positiv getestet worden war.

Der bittere Nachgeschmack jener Affäre beeinträchtigt den Genuss der Sprint-Spitzenleistungen bis heute. Erst recht, seitdem letztes Jahr in Peking der Stern eines jungen Mannes aufging, der den Eindruck hinterlässt, er sei als Kleinkind in einen Topf mit Zaubertrank gefallen.

Wer wie Usain Bolt im Olympiafinal den Weltrekord mit offenen Schuhbändeln und offenkundiger Nonchalance auf 9,69 Sekunden drückt, muss sich nicht wundern, wenn seine Leistung misstrauisch betrachtet wird.

Wie soll einer sauber eine solche Zeit laufen können, wenn Ben Johnson randvoll mit Anabolika eine ganze Zehntelsekunde mehr benötigte? Mit der Materialentwicklung allein lässt sich dieser Quantensprung kaum erklären.

Dennoch: Die Unschuldsvermutung gilt auch im Sport, und so lange die Anzeichen auf unsaubere Machenschaften fehlen, darf man hoffen, dass auch Bolt alles mit seinem unbestreitbaren Talent macht.

Die jüngsten Dopingfälle im jamaikanischen Team werfen zwar ein schiefes Licht auf die Leichtathletik auf der Karibikinsel, hat mit Bolt aber wenig zu tun. Sollte der Superstar tatsächlich gedopt sein, dann wohl kaum mit einem Asthma-Spray.

Lesen Sie die ganze Geschichte in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!

Artboard 1