VON FELIX BINGESSER AUS WHISTLER MOUNTAIN

Oben auf der Tribüne staunte der amerikanische Vizepräsident Joe Biden. Und Bundesrätin Doris Leuthard hüpfte aufgeregt von ihrem Sitz auf. Simon Ammann, der Vogelmensch aus dem Toggenburg, hat in diesem Moment ein Sportmärchen geschrieben. Er, der vor acht Jahren als unbekümmerter Jüngling in Salt Lake City zweimal Olympiagold gewonnen hat, wird als einer der erfolgreichsten Goldgräber in die nordamerikanische Geschichte eingehen. Mit einem Satz auf 108 Meter degradierte er die Konkurrenz im Whistler Olympic Park im zweiten Durchgang zu Statisten. «Fliiiiiig Simi», schrien die wohl hundert anwesenden Schweizer Fans. Und «Simi» flog, als wären ihm Flügel gewachsen.

Vor acht Jahren katapultierte sich der unbekümmerte Ammann in den Sport-Olymp. Gestern waren die Voraussetzungen andere. Der Weltcupleader kam als Favorit, es lastete ein ungeheurer Druck auf ihm. «Ich bin nicht mehr der Junior», hat er im Vorfeld gesagt. Ammann holte sich Mumm im geglückten Probesprung, er schuf sich im ersten Durchgang ein kleines Polster und er hielt dem Druck im Stile des ganz grossen Champions stand. Am Ende lagen «Welten» zwischen ihm und der Konkurrenz. Adam Malysz und Gregor Schlierenzauer gewannen die weiteren Medaillen. Die besten der Welt standen bei Olympia auf dem Podest. Der Beste ganz zuoberst.

Ammann ist mit diesem Triumph hinter Matti Nykänen (viermal Gold) der erfolgreichste Skispringer der Olympia-Geschichte. Und auf der Grossschanze wird der Sieg wieder über den Toggenburger führen. Gestern jubelte Ammann nicht mehr so unbekümmert wie noch in Salt Lake. Obwohl er sagte: «Ich war aufgewühlter als damals.» Er warf sich dem «abgestürzten» Andreas Küttel in die Arme. Und danach kniete er in den pflotschigen Schnee und schaute fast andächtig und ehrfürchtig hinauf zur Schanze. Eine Schanze, die ihm die sportliche Unsterblichkeit beschert hat. «Ich habe keine Worte, diesen Wahnsinn zu beschreiben», hat er gesagt.

Später, bei der Pressekonferenz, war der neue König der Lüfte cool wie gewohnt. «Nach acht Jahren wieder diese Energie auf die Schanze zu bringen, ist schon unglaublich. Es war alles anders als vor acht Jahren. Die Erwartungen waren enorm und die wollte und musste ich erfüllen. Dieser Erfolg ist mit nichts zu vergleichen.» Und was ging ihm vor dem zweiten Durchgang durch den Kopf: «Ich sagte zu mir: Ich bin der Weltcupleader, ich bin der Letzte, der springt. Alles ist angerichtet.» Und dann ist er gesprungen.

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