Bundestrainer Joachim Löw ging schnurstracks auf Ottmar Hitzfeld zu. Dieser hob beide Arme, als wollte er sagen: «Sorry, ich weiss selbst nicht, wie wir das geschafft haben.» Löwgratulierte seinem Landsmann, der soeben, auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel gewesen war, mit dem 5:3 einen seiner grössten Prestige-Erfolge als Coach der Schweizer Nationalmannschaft eingefahren hatte. «Meine Spieler haben heute eine sensationelle Leistung gezeigt», sagte Hitzfeld später.

Weil die Voraussetzungen für die Schweizer Mannschaft nach einer Mini-Vorbereitung und den kurzfristigen Ausfällen von Blerim Dzemaili und Xherdan Shaqiri reichlich schlecht gewesen waren, war ihre phasenweise brillante Vorstellung wie aus dem Nichts gekommen. Sie nützte die Gunst der Stunde, auf einen ohne acht Bayern-Spieler antretenden und ziemlich demotiviert wirkenden Gegner zu stossen, um diesen erstmals seit dem 21.November 1956 wieder zu schlagen. Und es war nicht etwa ein «erknorzter» Sieg, sondern ein hochverdienter. Dass sie aber gegen Deutschland gleich fünf Tore erzielen würde, war dann das Tüpfelchen auf dem i. Seit dem 6:0 gegen die Färöer im September 2004 waren den Schweizern nicht mehr als vier Tore gelungen, seit dem 28. April desselben Jahres und einem 1:5 in Rumänien hatten die Deutschen nie mehr fünf Gegentore kassiert. «So eine Leistung ist nicht erklärbar», sagte Miroslav Klose, der für den geschonten Philipp Lahm die Captainbinde getragen hatte.

Dass den Schweizern im 19. Anlauf gegen den mächtigen Nachbarn der ersehnte Sieg gelungen war, hatte gewiss nicht nur mit der vor allem in der Abwehr desolaten Vorstellung des Gegners zu tun, sondern mit einer selten gesehenen Offensivwirkung. Wenn Hitzfeld die Effizienz seiner Mannschaft herausstrich, so war dies nur die halbe Wahrheit. Denn bevor Eren Derdiyok (21./23.) eine 2:0-Führung herausschoss, hatte er bereits mit einem Kopfball eine Riesenchance vergeben. Und kurz nach dem 2:0 hatte er die Möglichkeit gehabt, innert vier Minuten einen echten Hattrick zu erzielen, war aber am überraschend von Löw ins Tor gestellten Debütanten Marc-André ter Stegen gescheitert.

Nein, die Schweizer hatten durchaus Chancen für das eine oder andere Tor mehr; wie bei einem Schlenzer von Admir Mehmedi und einem Lattentreffer von Gelson Fernandes.

Damit indes keine falschen Vorstellungen aufkommen, oder suggeriert wird, die Schweizer hätten die Partie klar dominiert: Deutschland hatte 58 Prozent Ballbesitz, einen Torschuss mehr (13:12) und 10:3 Ecken. Für die Differenz aber sorgte der förmlich explodierende Eren Derdiyok, dem kurz nach der Pause mit einem Kopfball das 3:1 gelungen war. Wie bei seinem ersten und zweiten Treffer hatte der nach einem Jahr Pause ein überragendes Länderspielcomeback gebende Tranquillo Barnetta die Vorarbeit geliefert.

Mit dem dritten Tor hatte Derdiyok den deutschen Anschlusstreffer von Mats Hummels kurz vor der Pause gekontert, und noch zwei weitere Male zeigten die Schweizer ungewohnte Nehmer-Qualitäten, als sie durch Stephan Lichtsteiner (67.) zum 4:2 und Admir Mehmedi (76.) zum 5:3 postwendend die jeweiligen Anschlusstore von André Schürrle (64.) und Marco Reus (72.) korrigierten. Dass der Schweizer Goalie Diego Benaglio beim Flatterball Schürrles schlecht ausgesehen hatte, war somit nicht ins Gewicht gefallen.

«So stelle ich mir Spieler vor, die sich aufdrängen wollen», sagte Hitzfeld zu Derdiyoks Galaauftritt. Er lobte das gesamte Team für eine teilweise sehr gute Ballzirkulation. Die Schweiz ist nun aber gefordert, am Mittwoch gegen Rumänien ihre Leistung zu bestätigen, um mit einem nächsten Erfolgserlebnis in die Sommerpause zu gehen und im September gefestigt und mit Selbstvertrauen die WM-Qualifikation anzugehen.

Hitzfelds Gegenüber Löw dagegen dürfte mit gemischten Gefühlen das Flugzeug zurück nach Südfrankreich ins Trainingslager bestiegen haben. Er sagte zwar: «Ich mache mir wegen dieser Niederlage keine grossen Sorgen.» Doch er räumte auch ein: «Es hat nicht viel gepasst heute. Wir haben unheimlich viele Fehler gemacht.» Wenn Deutschland, das 1908 sein allererstes Länderspiel in Basel gegen die Schweiz ebenfalls 3:5 verloren hatte, am Donnerstag gegen Israel die EM-Hauptprobe bestreitet, kann Löw auf die acht geschonten Bayern-Spieler zurückgreifen. «Wir werden uns verbessern und in die Spur kommen», ist Löw überzeugt.

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