VON FELIX BINGESSER (TEXT) UND CHRIS ISELI (BILDER)

Eine Frau an der Spitze eines Formel-1-Rennstalls. Das ist, bei allem Respekt, eine aussergewöhnliche Konstellation.
Monisha Kaltenborn: Das ist vor allem für Aussenstehende aussergewöhnlich. Es gibt beispielsweise in der Organisation von Bernie Ecclestone einige Frauen. Im juristischen Bereich, in dem ich ja seit Jahren für den Sauber-Rennstall tätig bin, war ich zu Beginn die einzige Frau, das ist so. Klar, für Aussenstehende bin ich als erste Frau in einer solchen Funktion sicher eine Pionierin.

Man hat Sie jahrelang für die Übersetzerin von Peter Sauber gehalten?
Mit dieser Frage bin ich einmal konfrontiert worden, ja. Aber das war ein Einzelfall. Vor elf Jahren, als ich bei Sauber begann, war es schon ungewöhnlich, dass eine Frau bei den Verhandlungen am Tisch sitzt. Die Akzeptanz war aber bald da. Und ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich mich als Frau speziell beweisen muss oder es allen zeigen muss. Das ist der falsche Weg, da verkrampft man sich nur.

Hat Frau Kaltenborn auch Benzin im Blut?
Ich hoffe nicht. Wenn man so eine Firma führt, dann ist es auch wichtig, eine gewisse Distanz zur Sache zu haben. Wenn man extrem nahe im Team drin ist und dem Rennsport zu emotional verbunden ist, dann kann man gewisse Dinge nicht mit der nötigen Objektivität sehen.

Aber Sie wissen, wie viele Zylinder und wie viele PS ein Rennwagen von Sauber hat?
Das weiss ich. Aber das wusste ich schon, bevor ich CEO bei Sauber geworden bin. Vor allem, weil ich ja seit Jahren alle Verträge gemacht habe. Da gehören ja beispielsweise auch die Motorenverträge dazu. Von daher war bin sich schon seit Jahren auch in technischen Bereichen involviert. Man muss sich in diese Bereiche einarbeiten und genau Bescheid wissen. Vor allem dann, wenn man wieder einmal beim internationalen Automobil-Weltsportverband in Paris vorsprechen muss. Da muss man sich dann in die Materie einarbeiten.

Was war denn Ihr erster Berührungspunkt mit dem Motorsport?
Das war in meiner Jugend in Indien. Da ist es ja schon eine sportliche Herausforderung, wenn man sich im Alltagsverkehr bewegt. Ich komme aus einer Gegend, wo das Vorgebirge zum Himalaja beginnt. Da gab es in der Monsunzeit immer Rallyes und die Strecke führte nicht weit von unserem Haus vorbei. Da fuhren zum Teil alte und aufgemotzte Militärautos. Es war in einer Zeit, als es in Indien noch kaum ausländischen Autos gab.

Ist Ihr Engagement an der Spitze eines Formel-1-Teams in Ihrer indischen Heimat ein grosses Thema?
Es gibt schon immer wieder Geschichten in den indischen Medien. Viel mehr Resonanz gab es in Österreich, das ja meine neue Heimat geworden ist.

Stichwort Österreich: Sie hätten derzeit wohl weniger Sorgen, wenn Sie die Chefin beim Team Red Bull wären.
In meiner Funktion bin ich ja nicht unmittelbar von den Resultaten abhängig. Ich sorge primär für ein gutes Umfeld, damit das Team erfolgreich arbeiten kann. Natürlich muss ich mir nun auch die Frage stellen, ob uns das gelingt.

Und natürlich muss man seine Arbeit in einer solchen Phase ohne Erfolge auch kritisch hinterfragen. Aber man darf jetzt nicht den Fehler machen, in Panik zu verfallen. Wir machen eine schlechte Phase durch. Aber da muss man durch. Auch Toyota ist lange Jahre nur hinterhergefahren. Und auch Red Bull hat eine lange Durststrecke hinter sich.

Sauber hat schwierige Monate hinter sich und steht nach dem BMW-Ausstieg wieder als Privatteam da. Ist es im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld überhaupt realistisch, dass es den Rennstall in dieser Form in den nächsten Jahren noch gibt?
Früher gab es praktisch nur Privatteams, dann kamen die grossen Hersteller und die gehen jetzt wieder. Das sind immer zyklische Bewegungen. Derzeit ist der Trend ja klar: Die grossen Hersteller wie BMW, Toyota und Honda haben sich zurückgezogen und die Privatteams kommen wieder. Die Fota, in der alle Teams vereint sind, hat sich jetzt freiwillige Beschränkungen auferlegt, was die Kosten betrifft. Das ist der richtige Weg. Die Formel 1 muss billiger werden und dann haben die Privatteams eine gute Zukunft.

Auch Sauber?
Sauber hat eine turbulente und schwierige Zeit hinter sich. Wir müssen jetzt wieder Stabilität und Kontinuität ins Unternehmen bringen.

Aber das Auto von Sauber ist noch immer fast frei von Sponsorenlogos. Mittelfristig braucht der Schweizer Rennstall neue Sponsoren und Geldgeber.
Diese Saison ist ja mal gesichert. Aber natürlich müssen wir unsere Zukunft mittelfristig absichern und müssen neue Geldquellen erschliessen. Peter Sauber hat das Team ja erst im Dezember übernommen. Praktisch über Nacht. Wir müssen uns ja die ganzen Marketingkompetenzen erst wieder aufbauen. Das lag ja alles in München. Das braucht natürlich Zeit. Aber die Vision ist klar: Wir wollen langfristig in der Formel 1 dabeibleiben.

Sind Sie eigentlich selber bei den Rennen vor Ort?
Bei mehr als der Hälfte der Rennen bin ich dabei.

Dann könnten Sie ja gleich als Nummerngirl im Einsatz stehen und so Kosten sparen.
Nein (lacht). Diese Damen werden ja nicht von den Teams gestellt. Ich bin meist in der Box, weil es da sehr spannend ist.

Peter Sauber ist mit seiner seriösen Art ja schon ein Exot in der Formel 1. Und jetzt kommt die stilvolle, kultivierte und gebildete Frau Kaltenborn. Das passt doch nicht.
Peter Sauber hat ja heute noch ein anderes Auftreten als andere. Nein, ich habe kein Problem mit der Motorsportwelt und mit den Leuten in der Formel 1.

Aber wenn man Bernie Ecclestone sieht . . .
Das ist ein sehr geschäftstüchtiger und mit allen Wassern gewaschener und weit vorausschauender Mann. Man muss bewundern, was er aus der Formel 1 gemacht hat. Er hat sie in Dimensionen gebracht, die man sich vor zwanzig Jahren nicht hätte vorstellen können. Das kann man nur auf diese Art schaffen, wie er es gemacht hat.

Zwölf Teams, die alle egoistisch denken, unter einen Hut zu bringen, das ist ganz schwierig. Das hätte ein anderer kaum geschafft. Er hat ein Spektakel und einen Zirkus geschaffen, der über den ganzen Globus verstreut ist. Sie haben heute keine andere Sportart, die weltweit so hohe Zuschauerzahlen hat. Die Formel 1 ist konstant oben, der Stellenwert ist immer hoch geblieben.

Flavio Briatore, Norbert Haug und Bernie Ecclestone würden Sie gerne am gleichen Tag zum Abendessen einladen. Welche Einladung nehmen Sie an?
Der interessanteste Abend wäre mit Bernie.

Haben Sie als zweifache Mutter keine ökologischen Bedenken, eine führende Rolle in der Formel 1 zu haben?
Bedenken habe ich keine, nein. Sonst dürfte ich ja auch nicht Auto fahren. Es gibt Bestrebungen, die Formel 1 umweltgerechter zu machen, und ein Projekt, bei dem neue ökologische Standards geschaffen werden. Und man will neue Technologien entwickeln. Es gibt ja auch das Energierückgewinnungssystem KERS. Das ist eines der Projekte. Es wird auch über ein neues Motorenreglement diskutiert, das auch in Richtung Energieeffizienz geht.

Sie haben vor der Saison gesagt, Platz fünf oder Platz sechs in der Konstrukteurswertung sei das Ziel. Danach schaut es nicht aus.
Im Moment müssen wir zuerst schauen, dass das Auto zuverlässig wird. Wenn wir das schaffen, dann werden die Resultate kommen. Ich hoffe, wir können schon hier in Istanbul an die positive Tendenz von Barcelona anknüpfen. Man muss der ganzen Mannschaft gerade in solchen Momenten zeigen, dass eine Führung da ist, die an sie glaubt.

Was fahren Sie selber für ein Auto?
Einen BMW. Das sind ja gute Autos.

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