VON FELIX BINGESSER

Die Welt hält heute Abend den Atem an. Rund 800 Millionen Leute sitzen vor dem Fernseher, wenn Holland und Spanien um die Krone spielen. Es ist, wie vor vier Jahren, ein europäisches Finalspiel. Die Südamerikaner sind nach fulminantem Start eingebrochen, die Afrikaner haben bei ihrer Heim-WM erneut keinen Schritt nach vorne gemacht. Die Asiaten und Ozeanier haben sich gut geschlagen. Am Ende aber sind die Europäer unter sich. Spanien, das vielleicht die beste Liga der Welt hat. Und Holland, das zwar keine herausragende Meisterschaft hat. Aber immer wieder ganze Generationen von hochbegabten Spielern hervor bringt. Die meisten davon aus der Ajax-Schule. Der grössten Talentschmiede der Welt.

Zum Ende stehen bei dieser WM in Südafrika zwei Teams im Endspiel, die den Erfolg mit spielerischen Mitteln angestrebt haben. Die Spanier etwas ausgeprägter als die Holländer. Diese Tendenz ist positiv und war in der K.-o.-Phase immer klarer zu beobachten. In der Gruppenphase gab es viel Kalkül, viel Realismus, viel Taktik und wenig Spektakel. Das ist kein neues Phänomen. Gut werden die Spiele erst, wenn es nicht mehr genügt, nicht zu verlieren. Sondern wenn man gewinnen muss.

Südafrika und der Fussball standen während eines Monats im Fokus der Welt. Am Ende kann nur einer jubeln. «Sieg oder Niederlage entscheiden für den Fussballfan, was für ein Mensch er ist. Ein fröhlicher, ein umgänglicher oder ein grimmiger, unleidlicher. Ein Spiel, das so stark über Befindlichkeiten herrscht, ist nicht nur ein Spiel, es ist eine Macht. Da diese Macht weltweit herrscht, ist Fussball eine Weltmacht», schreibt der deutsche Schriftsteller Dirk Kurbjuweit. Der heutige Abend soll zu einer weiteren Machtdemonstration werden.

Ein WM-Final ist auch immer wieder eine Bühne für Geschichten und für Helden und für tragische Figuren. Und ein WM-Final kann auch eine historische Dimension haben. Weit über den Sport hinaus. Das «neue» Deutschland ist nach dem Wunder von Bern 1954 in die Welt zurückgekehrt. Es gab das Wembley-Tor 1966. Oder den verschossenen Elfmeter von Roberto Baggio 1994. Oder den Fehlgriff von Oliver Kahn 2002 in Yokohama. Oder den fatalen Kopfstoss von Zinédine Zidane zum Ende des deutschen Sommermärchens 2006 in Berlin. Momente für die Ewigkeit.

Gesucht wird also nicht nur ein neuer Weltmeister. Gesucht wird auch ein neuer Held. Oder eine neue tragische Figur. Wer schreibt in Südafrika Geschichte? David Villa? Arjen Robben? Oder ein Torhüter? Oder vielleicht gar der Schiedsrichter? Egal, wie es ausgeht. Die Faszination für dieses Spiel bleibt. «Fussball ist dem Leben näher als Basketball oder Handball, wo das Spiel aus der sturen Konfrontation von Angriff und Abwehr besteht. Beim Fussball gibt es ein Mittelfeldspiel, und das Mittelfeld ist der Ort des Lebens.

Aus dem Mittelfeld heraus entwickeln sich Sieg oder Niederlage, Triumph oder Depression, im Mittelfeld droht das Leben zu versacken, im Mittelfeld verbringt man wartend seine Zeit, gleichsam mit müssigem Ballgeschiebe, bis sich vielleicht doch eine Chance ergibt. Aber Tore sind selten, im Leben wie im Fussball», schreibt Kurbjuweit weiter. Spanien ist im Mittelfeld stärker besetzt als Holland. Und gewinnen die favorisierten Spanier den Titel, dann können in der Schweiz neue T-Shirts gedruckt werden. Mit dem Aufdruck: «Weltmeisterbesieger».

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