Der 27-jährige Stachowski hatte sich bis dahin keinen Namen als Riesentöter gemacht. Im Gegenteil. Erst in seinem 21. Match gegen einen Top-Ten-Spieler glückte ihm der erste Sieg. Damit beendete Stachowski eine unglaubliche Serie von Federer.

36-mal in Folge, neun Jahre lang, hatte er keinen Viertelfinal bei einem Grand-Slam-Turnier verpasst. «Das ist ganz einfach Wahnsinn, es ist ja schon schwierig, 36 Grand Slams in Folge zu spielen», sagt sein Kumpel Tommy Haas. Begonnen hatte Federers Serie 2004 bei seinem zweiten Wimbledonsieg. Zum Vergleich: Die Weltnummer eins, Novak Djokovic, bringt es im Moment auf zehn Viertelfinals in Folge. Er kann Federers Rekord in sechs Jahren beim US Open einstellen.

Diese Niederlage ist ein Signal, dass auch für einen begnadeten Mann wie Federer die Zeit nicht stehen bleibt. Das gibt es morgen in einer Woche schwarz auf weiss. Federer fällt in der Weltrangliste aus den Top vier. Auf Rang fünf rutscht er zurück, gewinnt Tomas Berdych in Wimbledon, gar auf Platz sechs. Die Nummer fünf der Welt war er letztmals vor zehn Jahren, am 23. Juni 2003, vor seinem ersten Wimbledonsieg.

Am 8. August wird Federer 32 Jahre alt. Ans Ende seiner Karriere denkt er nicht. Er hat 2013 als Übergangsjahr bezeichnet, nach dem stressigen 2012, in dem er fast pausenlos spielte und sich die Nummer eins zurückholte. Als Fernziel gibt er Olympia 2016 in Brasilien an. Das ist auch eine Art Selbstschutz, damit würgt er Fragen nach seinem Rücktritt ab. Die kommen wieder, wenn er in nächster Zeit weitere Niederlagen gegen No-Names einsteckt. Damit rechnet der Baselbieter keinesfalls. «Hart trainieren und stärker zurückkommen», sagt er. «Das ist nicht das Ende einer Ära, ich plane, noch ein paar Jahre zu spielen.» Erst die Hälfte der Saison sei vorüber, er sei gesund und schaue vorwärts.

Läuft es normal, stellt er in wenigen Wochen den nächsten Rekord ein. Beim US Open spielt er sein 56. Grand-Slam-Turnier in Folge, das schaffte bisher nur der Südafrikaner Wayne Ferreira. Den absoluten Rekord hält der Franzose Fabrice Santoro mit 70 Grand Slams.
Tennislegende Ivan Lendl glaubt, dass mit dem Alter die Sehkraft nachlässt und Federer deshalb immer mehr Mühe mit dem Return bekommt. Tatsache ist, dass Federer seit Monaten oft schlecht retourniert. Das kann aber auch am Racket liegen. Kein Spieler der Weltelite trifft den Ball öfters mit dem Rahmen als Federer. Die Schläger seiner Konkurrenten sind allerdings etwas grösser. Zumindest testen sollte Federer, ob er nicht auch umsteigt.

Viel spricht aber dafür, dass ihm das grenzenlose Selbstvertrauen fehlt, das ihn früher auszeichnete. Dazu passt seine Körpersprache auf dem Platz, von Lockerheit war gegen Stachowski nichts zu sehen. Dadurch wirkt Federer nicht mehr unbezwingbar. Seine Coaches, Severin Lüthi und Paul Annacone, haben ihn nicht zufällig darauf angesprochen. «Er hat doch auch deshalb in der Vergangenheit Matches gewonnen, die er nie hätte gewinnen dürfen», sagt Ex-Profi Heinz Günthardt. Und wäre seine Serie von Viertelfinals vor fünf Jahren gerissen, wäre die Diskussion um Federers Ende deutlich kleiner. Für Günthardt ist Federers Pleite jedenfalls die kleinere Sensation als das Aus von Maria Scharapowa gegen Michelle Larcher de Brito. «Es fehlten bei Federer ja nur Zentimeter – und etwas Glück gehört halt auch dazu», sagt Günthardt. Mitentscheidend sei, ob Federer die Kraft aufbringe, neben dem Spiel viel Zeit ins Training einzubringen. Dass man in dem Alter topfit sein kann, beweise der 35-jährige Haas.

«Bevor er nicht zurücktritt, darfst du ihn nicht abschreiben», betont Martina Navratilova, die 18-fache Grand-Slam-Siegerin. Und die 81-jährige Trainerlegende Nick Bolletieri meint: «Dieser Kerl ist ein Zauberer und Zauberer zaubern nun mal.» Bis zum Ende.

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