Kommt die Tour de France, müssen die Velos weg. «Alle Fahrräder werden bis Freitag entfernt», steht auf den Schildern entlang der Strecke. Und tatsächlich haben sich da am Tag vor dem grossen Tag velofreie Zonen gebildet. Sie fallen auf: Das Zweirad sind allgegenwärtig im historischen Stadtkern – ob geparkt oder in Bewegung. Selbst die Polizeipatrouille, die am Vorabend der Tour inmitten der Festivitäten einen Mann verhaftet, fährt Rad und fordert nur für die Abführung einen Kastenwagen an. «In Utrecht wird man auf dem Velo geboren», vermutet die französische Zeitung «Le Parisien».

Mit Abstand am beliebtesten ist das Modell «klassisches Damenrad», oder «Omafiets», wie der Holländer salopp sagt. Wahlweise mit nur einem Gang oder mit Nabenschaltung, aber immer mit hohem Lenker und aufrechter Sitzposition. So gemütlich also, dass niemand auf die Idee käme, sich zum Fahren einen Helm aufzusetzen. Und man versteht, warum Fabian Cancellara beissenden Spott aus den Niederlanden über sich ergehen lassen musste, als er im Rahmen einer Kampagne zur Unfallprävention über Twitter für das Helmtragen im Veloalltag einsetzte.

Die Diskrepanz könnte kaum grösser sein zwischen dem Omafiets und den topmodernen Zeitfahrmaschinen, auf welchen die Tour-de-France-Profis im Prolog in aerodynamischer Position durch die Stadt flitzen. Und doch passt die Kombination perfekt: Wenn Le Tour, das Radrennen par excellence, in Holland zu Gast ist, dem Veloland schlechthin, dann lässt das keinen kalt.

Bereits in den Tagen vor dem Start vibriert die Stadt. Selbst abgebrühte Profis sind überwältigt von der Ambiance bei der Teampräsentation am Donnerstagabend, wo die Fahrer in einem Boot durch die Gracht geschickt werden. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Chris Froome, der britische Toursieger von 2013, der in diesem Jahr wieder zu den grossen Favoriten gehört. «Besser könnte man nicht spüren, dass das Radfahren hier ein zentraler Bestandteil der Kultur ist.» Am Tag des Prologs zieht es dann fast eine Million Menschen in die Innenstadt. «Als Kind habe ich die Tour einmal in den Ferien in der Schweiz vorbeiziehen sehen», sagt eine Studentin. «Der ganze Spuk war damals ziemlich schnell vorbei, Aber das hier einfach ein gigantisches Fest.»

Diese Leidenschaft für den Radsport ist auch einer der beiden wichtigsten Gründe, warum die Tour immer wieder nach Holland kommt. 1954 startete sie in Amsterdam erstmals ausserhalb Frankreichs, nun findet der «Grand Départ» bereits zum sechsten Mal in den Niederlanden statt. In keinem anderen Land ist die Tour mit ihrem Start öfter fremdgegangen. «Wir wollen dorthin, wo die Passion für den Radsport ist», sagt Tourdirektor Christian Prudhomme im «Figaro».

Der andere Grund ist, dass man in Holland bereit ist zu zahlen für die Tour de France. Mehr als 15 Millionen Euro beträgt das Budget von Utrecht für den «Grand Départ», davon gehen 4 Millionen an den Tour-Veranstalter ASO. «Utrecht könnte sein Selbstbewusstsein als Velostadt nicht besser demonstrieren», sagt Bürgermeister Jan van Zanen zum Meilenstein in der Geschichte der Domstadt, um den sie sich mehr als zehn Jahre lang bemüht hat. Der Tourauftakt ist begehrt, nicht nur in Holland. An Bewerbern mangelt es nicht, aus Grossbritannien, Belgien, Dänemark, Deutschland – und der Schweiz, wo Bern seine Kandidatur für einen «Grand Départ» in den kommenden Jahren eingereicht hat.

Kritische Stimmen sind in der kollektiven Euphorie kaum zu vernehmen. Der dunkelhäutige Bootsunternehmer, der in der Gracht ein Protest-Transparent aufhängt, ist die Ausnahme. «Sie haben mir meine Boote weggenommen», klagt er sein Leid. «Der Bürgermeister und die Tour mögen keine schwarzen Männer.»

Die Fahrer können auf ihrem Ritt durch die Stadt ohnehin nichts hören. Trotz Rekordhitze stehen an jedem Meter des 13,8 km langen Auftaktzeitfahrens Zuschauer auf beiden Seiten der Strasse, der Geräuschpegel ist enorm hoch. «Ich habe kein Wort davon verstanden, was mir der sportliche Leiter im Begleitauto während des Rennens über Funk mitgeteilt hat», sagt der Schweizer Marcel Wyss nach seinem Einsatz. «Aber die Stimmung war unglaublich. Ich habe die Fahrt einfach genossen.» Den Höhepunkt erreicht die Lautstärke bei der Fahrt des grossen holländischen Hoffnung Tom Dumoulin, der den Tagessieg aber verpasst.

«Das ist einer grosser Tag für Holland und für den Sport», sagt der niederländische Willem-Alexander, als das Rennen vorbei ist. Das Fest geht noch weiter. Und ab heute wird Omafiets die Stadt wieder ganz in Beschlag nehmen.

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