Als Ottmar Hitzfeld im August 2008 seine erste WM-Qualifikation als Schweizer Nationaltrainer startete, da konnte er sich auf seine Stürmer verlassen. Sie schossen Tor um Tor – bis sich die Schweiz für die WM in Südafrika qualifizierte. 11 von 18 Schweizer Toren gingen in der Qualifikation auf ihr Konto. Auf Alex Frei und Blaise N’Kufo war Verlass. Wie so häufig in den letzten Jahren war der Angriff die Schweizer Stärke. Sei es dank Frei, Stéphane Chapuisat, Kubilay Türkyilmaz oder Adrian Knup.

Diese Zeiten sind vorbei. Seit der WM 2010 haben die Schweizer Stürmer in 17 Qualifikations- oder Endrunden-Spielen gerade noch zwei Tore erzielt. Alex Frei und Marco Streller sind zurückgetreten. Eren Derdiyok ist als Nachfolger überfordert.

Die Schweiz hat das Glück, dank ihres torgefährlichen offensiven Mittelfeldes um Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Tranquillo Barnetta viele Spiele zu gewinnen, die sie früher wegen fehlender Stürmer-Toren nicht gewonnen hätte. Ihre Leistungen überdecken aber auch das Problem des fehlenden Skorers ganz vorne. Und es stellt sich die Frage: Wie gut wäre die Schweiz erst, wenn sie auch noch einen Top-Stürmer zu Verfügung hätte?

Der Schweizer Verband hat sein Stürmer-Problem erkannt. «Wir haben festgestellt, dass wir uns schon im Junioren-Bereich viele Chancen erarbeiten, aber zu wenig effizient sind», sagt Dany Ryser. Er war Trainer der U17-Weltmeister von 2009, betreut jetzt die U15-Nationalmannschaft und ist der Verantwortliche für sämtliche Nachwuchs-Auswahlen. «Als Folge davon haben wir vor vier Jahren begonnen, spezielle Stürmer-Trainings anzubieten. In den Nationalteams, aber auch in den Vereinen.»

Ein Vorbild ist Holland. Das Land, das Weltklasse-Stürmer wie Van Basten, Gullit, Bergkampf, Kluivert, Van Nistelrooy oder nun Van Persie und Huntelaar hervorgebracht hat, setzt sein Augenmerk schon seit mehr als 30 Jahren auf eine gezielte Stürmer-Ausbildung. «Allerdings kopieren wir nicht einfach blind die Ausbildung von Holland, sondern schauen, was Sinn macht für unsere Fussballkultur», sagt Ryser. Eine erste Verbesserung hat er bereits festgestellt: «Heute haben wirpro Jahrgang sechs bis acht hoffnungsvolle Talente, früher waren wir froh, um einen oder zwei gute Stürmer.»

Als Stürmer-Trainer fragte der Verband ehemalige Schweizer Spitzen-Stürmer an. Deshalb helfen nun auch Adrian Knup und Stéphane Chapuisat mit, die nächste Generation von guten Schweizer Stürmern aufzubauen. Knup leitet beim FC Basel bis zu drei Trainingseinheiten pro Woche für die Stürmer der U16, U17, U18 und U21. Chapuisat betreut neben seiner Tätigkeit als Scouting-Chef für die Young Boys die jungen Berner Stürmer.

Konkret arbeiten die beiden mit ihren Talenten vor allem im Strafraum. «Es geht darum, im grössten Stress-Moment die beste Leistung abzurufen», sagt Knup, «das lernt man nur durch x-fache Wiederholung.» Chapuisat sagt: «Wer die ganze Woche vor dem Tor steht und Bälle einschiebt, der tut das auch am Wochenende ohne zu überlegen.»

Wer dereinst den Weg vom Talent zum Weltklasse-Stürmer wirklich schafft, bleibt lange unklar. Dany Ryser sagt: «Wer mit 15 ein Riesen-Talent ist, kann trotzdem schon mit 18 von der Bildfläche verschwunden sein.» Als Beispiel nennt er seine U17-Weltmeister. Nur 8 von 22 Spielern waren schon bei der U15 dabei. «14 Talente entwickelten sich nicht mehr weiter. Und 14 nicht Berücksichtigte machten plötzlich einen entscheidenden Sprung nach vorne.»

Einig sind sich Ryser, Chapuisat und Knup, wie wichtig die Karrierenplanung ist. «Der Weg an die Spitze führt über die Super League», sagt Ryser. Chapuisat legt Talenten gar ans Herz, auf dem Weg in die Super League einen Abstecher in die Challenge League zu machen. Er selbst hat einst bei Malley in der NLB gespielt, Frei beim FC Thun und Türkyilmaz bei Bellinzona. «Ein Problem der Schweiz ist, dass Talente zu früh ins Ausland gehen – und versauern», sagt Chapuisat.

Die Erfahrung eines Transfers ins Ausland, der nicht reibungslos verläuft, haben alle vier aktuellen Nationalstürmergemacht. Immerhin: Gavranovic (Schalke, Mainz) und Ben Khalifa (Wolfsburg) haben nun in der Schweiz beim FCZ und GC neuen Schwung geholt. Mehmedi in Kiew und vor allem Derdiyok in Hoffenheim stehen in der wichtigsten Phase ihrer Karriere – und sitzen auf der Ersatzbank. Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld sagt: «Wir müssen Geduld haben, es bleibt ja nichts anderes übrig.»

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