Die ersten Fussballschuhe hat ihr die Mutter gekauft. Der Vater sollte davon nichts erfahren. Tennis, das hätte er unterstützt, aber nicht Fussball – den Sport für Buben und Männer. Als der Vater trotzdem herausfand, dass seine Tochter der Fussball-Leidenschaft hinter seinem Rücken nachging, führte das zu einem kleinen Ehestreit. Schliesslich akzeptierte er es aber.

Zum Glück für die Schweizer Nationalmannschaft, denn Ana-Maria Crnogorcevic ist mit ihren 24 Jahren zu einer der besten Stürmerinnen des Landes gereift. Das hat sie auch im abschliessenden Länderspiel vor der WM von Ende Mai gegen Deutschland (1:3) bewiesen, als sie das einzige Schweizer Tor erzielte. Wenn die Schweiz morgen Abend im kanadischen Vancouver um 19 Uhr Ortszeit (Dienstagmorgen 4 Uhr Schweizer Zeit) auf Weltmeister Japan trifft, dann ruhen viele Hoffnungen in der Offensive: auf Lara Dickenmann und Ramona Bachmann – aber auch auf Crnogorcevic. Kein Wunder, hat sie doch vor knapp vier Wochen mit ihrem 1. FFC Frankfurt die Champions League gewonnen.

Wenn die Bundesliga-Spielerin mit Wurzeln in Kroatien erzählt, wie sie ihre Fussballkarriere lanciert hat, dann erinnert das sehr stark an den Kinofilm «Bend it like Beckham». In der britischen Produktion aus dem Jahr 2002 wird die Geschichte eines Mädchens indischer Herkunft erzählt, das gegen den Willen der Eltern alle gesellschaftlichen und kulturellen Hürden überwindet und zu einer umworbenen Fussballerin aufsteigt.

Dass der Inhalt von «Bend it like Beckham» nicht einfach aus der Luft gegriffen ist, zeigt nicht nur die Geschichte Crnogorcevics. Auch ein ganz simpler Vergleich der WM-Aufgebote des A-Teams der Frauen für die Endrunde 2015 und des A-Teams der Männer für die Endrunde 2014 lässt nur einen Schluss zu: Für Mädchen, die Wurzeln in ausländischen Kulturen haben, ist der Weg in den Fussballsport beschwerlicher als für Buben mit demselben Hintergrund.

Denn während in Brasilien 15 von 23 Spielern aus dem Kader des damaligen Nationalmannschaftstrainers Ottmar Hitzfeld eine ausländische Herkunft aufwiesen, sind das im aktuellen WM-Team von Martina Voss-Tecklenburg gerade einmal sechs Spielerinnen – neben Crnogorcevic sind dies Eseosa Aigbogun (Nigeria), Gaëlle Thalmann (Italien), Florijana Ismaili (Albanien), Noelle Maritz (USA) und Rachel Rinast (Deutschland). Ein frappanter Unterschied. Während Secondos im Männer-Fussball eine wichtige Rolle spielen – Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka – gilt das im Umkehrschluss nicht für Secondas.

«Die familiäre Hemmschwelle, in den Frauenfussball einzusteigen, ist für Mädchen aus anderen Kulturen sicher höher», sagt Franziska Schild, Chefin des Ressorts Mädchen- und Frauenfussball beim Schweizerischen Fussballverband SFV. «Dasselbe gilt aber teilweise auch für Schweizer Familien.» Auch sind die Verlockungen im Frauenfussball weniger gross, weil man nach wie vor nicht das grosse Geld machen könne, wie Schild weiter ausführt. Deshalb führt der Verband auch keine speziellen Kampagnen, um familiäre Vorurteile abzubauen. «Wir werben stattdessen grundsätzlich für den Frauenfussball.»

Crnogorcevic kann den deutlichen Unterschied zum Männer-Nationalteam nicht erklären. «In den Nachwuchsteams hatte es viele Secondas. Da gab es im Training auch mal das Spiel Schweizerinnen gegen Secondas. Das ging damals ziemlich gut auf», sagt sie. Für Crnogorcevic war immer klar, dass sie dereinst einmal für die Schweiz spielen würde. Im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants gab es um ihre Person kein Seilziehen zwischen den Verbänden der Schweiz und Kroatiens – dem Heimatland ihrer Eltern. «Ich bin sicher mehr Schweizerin. Deshalb musste ich auch nicht überlegen», sagt sie. Ihre Eltern wohnen seit rund 30 Jahren in der Schweiz, entsprechend hat sie ihr Leben bis zum Transfer in die Bundesliga auch in der Schweiz verbracht.

Bei den Fans der Männer-Nationalmannschaft wurde die Akzeptanz von Spielern mit ausländischen Wurzeln erst mit der jungen Generation um Xherdan Shaqiri und Co. etabliert. Bei den Frauen stellt sich diese Frage gar nicht erst. Vielmehr hat Crnogorcevic sogar das Potenzial, als Türöffnerin für Mädchen mit Migrationshintergrund zu dienen. Erfolg macht schliesslich sexy – und das gilt nicht nur für die Person, sondern auch für den Sport an sich. So könnte Crnogorcevic dereinst für den Shaqiri-Effekt im Schweizer Frauenfussball sorgen und den Sport auch für Secondas zu einer valablen Möglichkeit machen.

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