Andere brechen am Leistungsdruck zusammen. Für Feuz bildete die Rekordkulisse zusätzliche Motivation: «Die vielen Zuschauer bauen mich auf. Siegen ist überall schön, aber hier noch etwas schöner – das bleibt ein Leben lang in Erinnerung. Es ist irrsinnig, dass ich das erleben darf.» Mit 24 Jahren hat Feuz in Wengen sein eigenes sportliches Denkmal gesetzt. Der Bauernsohn aus Schangnau besitzt Nerven wie Drahtseile. Ihn kann nichts erschüttern, wie sein Vorgänger auf dem Lauberhorn, Carlo Janka, den Sieger von 2010. Während Iceman Janka der damalige Zweite Manuel Osborne-Paradis auf dem Siegerpodest die Mundwinkel breitzog, um ihm ein Lächeln zu entlocken, strahlte die Frohnatur Feuz übers ganze Gesicht. Sein Trumpf ist die Unbeschwertheit, die alles an ihm abperlen lässt.

Der brillanten Kombi-Abfahrt vom Freitag, die TV-Experte Bernhard Russi kaum mehr für steigerungsfähig hielt, liess er eine noch perfektere Spezialabfahrt folgen, «ohne die geringste Schwierigkeit» (Originalton Feuz). Dabei bildete die Startnummer 16 doch schon eine gewisse Hypothek, da Markenkollege Hannes Reichelt mit der Nummer 1 eine fantastische Bestzeit vorgelegt hatte. Feuz blieb locker und übertraf diese noch um 44 Hundertstel. Für seine Nervenstärke hat Feuz eine spezielle Erklärung: «Pokern ist für mich wie mentales Training. Man darf in diesem Spiel genauso wenig die Nerven verlieren wie auf der Piste.» Was für Russi und Co. einst das Jassen bedeutete, ist für die neue Ski-Generation das Pokerspiel, wo Feuz und Janka zu den gefürchtetsten Playern zählen.

Bis zum Haneggschuss lag Reichelt noch vor Feuz. «Aber bei der Ausfahrt aus dem Hanegg», erklärt Feuz, «wählte ich eine andere Linie, weil ich bei der Besichtigung festgestellt hatte, dass es aussen herum weniger Schläge hatte.» Dazu erwischte er erneut das Ziel-S optimal. Worauf er schmunzelnd meinte: «Damit sollten die Fragen nach meinen Konditionsdefiziten wohl für immer beantwortet sein.»

Der einstige Minimalist, den Trainer Sepp Brunner mal aus dem Team werfen wollte, fährt einen extrem ökonomischen Stil und braucht deshalb selten seine Reserven anzuzapfen – selbst auf der längsten Abfahrt der Welt nicht. Die Siegerzeit betrug 2:35,31. Seit Helmut Höflehner und Peter Wirnsberger im Jahr 1985 war kein Sieger mehr so lange unterwegs.

Franz Klammer fuhr bei seiner Rekordfahrt 1975, als er den Rekordvorsprung von 3,54 Sekunden herausholte, sogar zwölf Hundertstel schneller als Feuz. Grund ist neben dem «langsameren» Schnee auch eine etwas weitere Linienführung, die Techniker eher bevorteilt. Carlo Janka gelang mit seinem 4. Platz das beste Abfahrtsresultat seit genau einem Jahr. Damals war er in Wengen Dritter gewesen.

Der Obersaxer vergab im Schlussteil den möglichen Podestplatz um zwölf Hundertstel. «Es geht aufwärts», fand Janka, «aber auf einer Piste, auf der man schon mal gewonnen hat, möchte man natürlich mehr.» Auf dem Weg zu einer Sensation befand sich Marc Gisin mit der Nummer 25. Ausgangs Haneggschuss war der Engelberger noch Fünfter: «Ich fuhr mit der Wut im Bauch, weil ich beide Trainings und auch die Kombi-Abfahrt verhauen hatte und zum fünften Mal in Serie eine hohe Nummer zugelost erhielt.» Gisin, der Feuz von morgen?

Eine schwere Enttäuschung erlebte der dreimalige Zweite Didier Cuche (16.), der den Traum vom ersten Lauberhorn-Sieg schon bald entschwinden sah: «Ich fuhr zu hart. So kann man in Wengen nicht gewinnen. Der Frust ist gross.» Er erteilte zwar dem Material eine Absolution, trotzdem fiel auf, dass sich nur Bode Miller als einziger Head-Pilot in den Top Ten klassierte. «Schon einige Male bin ich in Wengen schlecht gefahren, und eine Woche später sah in Kitzbühel alles wieder ganz anders aus», tröstete sich der 37½-Jährige.

Dort wird Feuz erneut zu den Favoriten zählen und erstmals im roten Trikot des Abfahrtsleaders antreten. In Wengen begleitete ihn seine österreichische Freundin Katrin Triendl, die er einst an der Junioren-WM 2006 in Kanada kennen gelernt hatte. Im Weltcup waren beide wechselweise immer verletzt, Triendl beendete nach einem Kreuzbandriss ihre Karriere. Am nächsten Freitag, wenn in Kitzbühel der Super-G stattfindet, feiert Katrin ihren 25. Geburtstag. Feuz braucht für ein Geschenk nicht mal zwingend in eine Geschenkboutique zu gehen . . .

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