Sind Steffi Buchlis Haare zu rot und Rainer Maria Salzgebers Hosen zu grün? Ist Matthias Hüppis Dauerstrahlen breitbildkompatibel? Und führt Bernhard Russis Ideallinie nicht in die Sackgasse?

Die Sportsendungen im Schweizer Fernsehen bewegen die Gemüter und spalten die Nation. Wenn 22 Männer einem Ball nachjagen, tollkühne Skirennfahrer der Mausefalle entkommen oder die Formel-1-Boliden den Sonntagnachmittag beschleunigen, werden mit der Berichterstattung die Emotionen ins Wohnzimmer getragen. Jeder Zuschauer fühlt sich als Fachmann und plädiert auf Mitspracherecht.

Erklärt ein Hochschulprofessor die Quantenphysik oder doziert ein Wissenschafter über die Protonenbeschleunigung im Cern, wagt kaum jemand, zu widersprechen. Doch wenn sich Claude Jaggi nach dem Eishockey-Final voller Demut beim Siegtorschützen über dessen Gefühlslage erkundigt, Stefan Bürer im Flüsterton Roger Federers Ass-Statistik der TV-Gemeinde zugänglich macht oder Alain Sutter im Bahnhof-Buffet-Olten-Dialekt über die semi-esoterische Komponente beim Penaltyschuss doziert, hat jeder Zuschauer einen Diskussionsbeitrag und die staatlich gewährte Meinungsfreiheit. In den Billag-Gebühren ist schliesslich das Recht auf Kritik und Häme inbegriffen.

Der Vorwurf, die Wortführer im Sport würden sich den Kritikern verschliessen, wäre ungerecht. Mit dem Format «Hallo SRF» schufen sie eine Plattform, die dem Zuschauer die Gelegenheit zum Einwurf bietet. Auch wenn die Premiere im November ähnlich seicht war wie ein durchschnittliches Schweizer Fliessgewässer nach dem Rekordsommer, kam etwas klar zum Ausdruck: Der Sport (und seine Kommentatoren, Moderatoren und Experten) ist der grösste Stein des Anstosses. Hauptkritik: Es wird zu viel gelabert und zu wenig geliefert.

Klammert man die persönliche Meinung so gut wie möglich aus, fällt vor allem etwas auf: Im Schweizer Fernsehen wird mit Phrasen und Floskeln um sich geworfen, dass beinahe der LED-Screen explodiert. Das runde Leder hat die Erfindung des Kunststoffballes ebenso überlebt wie der Pausentee die Markteinführung von Isostar. Der Pfostentreffer wird einem auch im Aluminiumzeitalter noch als Holzschuss verkauft. Eine sprachliche Übermotivation ist besonders bei der jüngeren Generation festzustellen.

Den Steilpass lieferte Sascha Ruefer, ein früher Hobbyfussballer aus dem Seeland, der gelegentlich zum Schreier wird. In seinem Windschatten befördert etwa Patrick Schmid jeden Fünf-Meter-Pass oder Doppelstock-Einsatz zur olympischen Heldentat, oder betont Steffi Buchli die Worte so stark, dass selbst am Goethe-Institut die Tonspur überlastet wäre. Wenn ein(e) Schweizer Skirennfahrer(in) wieder einmal als Erste(r) im Ziel abschwingt, wird der Jubel zur patriotischen Pflicht. Die Lautstärke schraubt der (fachlich wie sprachlich einwandfreie) öffentlich-rechtliche Chefjubler Hüppi gelegentlich bis an die Schmerzgrenze hoch. Das nennt man Service public.

Antizyklisch verhält sich Michael Stäuble: Er transportiert den Temporausch der Formel 1 mit dem Enthusiasmus eines Sonntagsschullehrers. Und auch Claude Jaggi lässt sich vom Geschehen nicht gross beirren: Er kann stundenlang von Radrennen berichten – ohne dabei den Mund richtig aufzumachen. Ein Meldeläufer der Heilsarmee verbreitet mehr Emotionen.

Da lobt man sich Hans Jucker selig. Die Reporterlegende sprach zwar manchmal, bevor sie richtig nachgedacht hatte, mit Witz und Schlagfertigkeit fand sie aber einen Weg aus jeder Einbahnstrasse (und während der Tour de Tour de France immer eine Burgruine oder ein Schloss, das eine touristische Bemerkung wert war).

Grundsätzlich gilt: je jünger der Wortakrobat, desto deutlicher der Hang zur «Teutonisierung» der Sprache. Die Vorbilder aus unserem nördlichen Nachbarland scheinen so präsent, dass die Eigenheiten der helvetischen Sportsprache verloren gehen. Es wird geköpft statt geköpfelt (obwohl die Todesstrafe 1937 in der Schweiz abgeschafft wurde), der Corner wird zur Ecke, der Goalgetter zum Torjäger und der Penalty zum Strafstoss. Der Verteidiger fährt die «Blutgrätsche» aus, der Stürmer trifft im «Doppelpack» – Leistungen werden nicht mehr erbracht, sondern «abgerufen». Bei Dani Kern kann es vorkommen, dass der Aussenseiter selbst im Abendspiel «Morgenluft wittert». Und gelegentlich überschreitet der Ball die Torlinie, ohne dass er (der Ball) je gelernt hätte zu gehen.

Da erinnert man sich sehnsuchtsvoll an den jungen Bernard Thurnheer. Mit Wortwitz, sprachlicher Souplesse und überragender Schlagfertigkeit führte er die Schweizer TV-Berichterstattung vom medialen Mittelalter in die Moderne. Danke Beni!

So verschieden die TV-Exponenten, so unterschiedlich sind die Geschmäcker des Publikums. Das Tennis-Doppel Bürer/ Günthardt wird von vielen Zuschauern für Kompetenz und Insiderwissen geschätzt. Andere greifen beim «Dauer-Geplauder» sofort zur Fernbedienung und gönnen sich Federers Finessen auf alternativen Kanälen.

Die Ausnahme, die die Regel bestätigt, scheint Rainer Maria Salzgeber. Der ehemalige Spitzentorhüter trifft mit seinem Charme, Humor und Kleidergeschmack den Nerv des Publikums. Daniela Milanese und Paddy Kälin stehen für Kompetenz sowie erhellende Zurückhaltung und Unaufgeregtheit.

Am anderen Ende der Richterskala bewegt sich Novize Olivier Borer. Ihm würde man das Meerschweinchen bedenkenlos für zwei Wochen in die Ferien geben, eine kompetente Informationslieferung nimmt man ihm aber nicht so richtig ab. Dabei gehört ein Hang zum Exhibitionismus zur erfolgreichen TV-Karriere wie der Flatscreen in die moderne Stube. Selbst der als bescheiden und bodenständig wahrgenommene Jann Billeter führt über seine Bildschirmpräsenz akribisch Statistik. Es könnte ihm ja plötzlich ein übermotivierter Kollege vor dem Scheinwerferlicht stehen.

Mit anderen Worten: Entscheidend für den Platz vor der Kamera sind nicht immer die journalistische Kompetenz und das Fachwissen. Profilierungsbereitschaft und das Gespür für die Windrichtung sind im Zirkus der Eitelkeit ebenso wichtig. Seit die Hintergrundsendung «Time Out» vor ungefähr einem Jahrhundert aus dem Programm genommen wurde, überlässt SRF das Parkett der journalistischen Basisarbeit praktisch kampflos der Konkurrenz – Infotainment statt Recherche.

Glücklicherweise gibt es noch den Branchenzweig der Experten. Ohne Fachmeinung und Stellungnahme von Direktinvolvierten würde der TV-Sport still stehen. Nur ein früherer Torhüter kann schliesslich aus erster Hand bestätigen, dass der Schuss wirklich unhaltbar war, bloss der Ex-Stürmer weiss, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht – und wer behauptet, dass der Rasen grün ist, verliert ohne Bestätigung des Platzwarts jegliche journalistische Glaubwürdigkeit. Das Genre des Experten füllt nicht nur Wissenslücken, es ist auch eine Arbeitsvermittlung. Wer als Trainer oder Ex-Profi zu lange weg vom Fenster ist, kann sich mit Bildschirmpräsenz problemlos im Gespräch halten.

Von der Sozialkompetenz des Schweizer Fernsehens profitieren (unter anderem) der statistisch äusserst versierte Ex-Vorstopper Andy Egli, die Alt-Basler Huggel und Streller, der ewig junge Snowboard-Pionier Gian Simmen sowie ein ganzes Heer an Schwingerkönigen. Langlauf-Fachmann Adriano Iseppi erklärt die «Hartwachszone» und verbreitet mit seinem Bündner Dialekt selbst unter der Hochnebeldecke Ferienstimmung, Mario Rottaris analysiert Eishockeypartien mit der Nüchternheit eines Versicherungsvertreters. Grundsätzlich gilt: Der Reporter spricht Hochdeutsch, der Experte wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Nur Heinz Günthardt wird der fehlerfreie Umgang mit der Sprache Goethes zugetraut.

Sport ist bekanntlich die wichtigste Nebensache der Welt. Die Schweizer Sportreporter sind in der öffentlichen Wahrnehmung aber weit mehr als Nebendarsteller. Sie spielen gleichzeitig die Rolle des Blitzableiters und des Brandstifters. Die Einschätzung ihrer Kompetenz bleibt jedoch fast immer subjektiv und persönlich gefärbt. Sportjournalisten seien wie Eunuchen. Sie wissen, wie es geht, aber können es nicht, heisst es. Die englische Krimi-Queen Agatha Christie sagte: «Ich habe Journalisten nie gemocht und sie in all meinen Büchern sterben lassen.» Wann müssten Steffi Buchli und Sascha Ruefer abtreten? Spätestens auf Seite 3 und 4. Auch diese Einschätzung ist subjektiv.


Die Jury hat gewählt:
Wer ist der beste Sportmoderator, wer kommentiert live am besten und welcher Experte überzeugt mit seinem Wissen? Die «Schweiz am Sonntag» hat eine Jury bestimmt und gewählt. Klarer Sieger bei den Moderatoren ist Rainer Maria Salzgeber. Der Walliser wurde von fünf der sieben Jurymitglieder auf Rang eins gesetzt. Schon knapper wurde es bei den Kommentatoren. Hier setzte sich Stefan Bürer vor Jann Billeter durch. Billeter zeichnet sich wie Matthias Hüppi als Allrounder aus. Sie belegen sowohl bei den Moderatoren wie auch bei den Kommentatoren Spitzenplätze. Bei den Experten machte Bernhard Russi hauchdünn das Rennen.

Die Jury, bestehend aus den Sportjournalisten Peter A. Frei, Etienne Wuillemin und Klaus Zaugg, der Eishockeyspielerin Florence Schelling, der ehemaligen Sportlerin Conny Kissling, dem Maler Rolf Knie und dem Hotelier Art Furrer, wählte in jeder Kategorie eine persönliche Top fünf. Aus den Rangpunkten entstand so die Gesamtrangliste pro Kategorie.


Moderatoren
1. Rainer Maria Salzgeber: 31 Rangpunkte

2. Jann Billeter: 24 Rangpunkte

3. Matthias Hüppi: 15 Rangpunkte

4. Steffi Buchli, Paddy Kälin (11 Rangpunkte)
6. Lukas Studer (5 Rangpunkte)
7. Sascha Ruefer, Daniela Milanese (4 Rangpunkte)


Kommentatoren
1. Stefan Bürer: 24 Rangpunkte

2. Jann Billeter: 20 Rangpunkte

3. Matthias Hüppi: 15 Rangpunkte

4. Sascha Ruefer (13 Rangpunkte)
5. Beni Thurnheer (12 Rangpunkte)
6. Michael Stäuble (8 Rangpunkte)
7. Dani Wyler, Stefan Hofmänner, Claude Jaggi (4 Rangpunkte)
10. Dani Kern (1 Rangpunkt)


Experten
1. Bernhard Russi: 22 Rangpunkte

2. Heinz Günthardt: 21 Rangpunkte

3. Alain Sutter: 14 Rangpunkte

4. Michael Bont (9 Rangpunkte)
5. Raphael Wicky (7 Rangpunkte)
6. Lars Weibel (6 Rangpunkte)
7. Mario Rottaris, Andy Egli (5 Rangpunkte)
9. Marco Streller (4 Rangpunkte)
10. Diverse (12 Rangpunkte)


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