Im Zentrum von Kloten steht ein überdimensionierter Puck. Das Logo der Kloten Flyers prangt auf dem schwarzen Monument, welches in der Mitte eines viel befahrenen Kreisels platziert wurde. Seit letztem Januar steht das wuchtige Mahnmal da und erinnert die Passanten an das sportliche Aushängeschild der Flughafen-Ortschaft. Verunstaltet wurde der Puck bisher noch nie – aber schon als Protestplattform benutzt. Als im Frühsommer die neuen Konditionen der Saison-Abonnements kommuniziert wurden, da reagierte das Eishockey-Volk erzürnt. Es wurde eine Petition gegen die Preispolitik lanciert, welche von 1700 Leuten unterzeichnet wurde. Ein paar Fans taten ihr Missfallen über den Entscheid mittels Plakat an besagtem Puck kund.

Es war das erste Mal, dass die neuen Besitzer der Kloten Flyers die Emotionen des Umfelds zu spüren bekamen. Das Business-Modell, welches in Nordamerika üblich ist, wonach Playoff-Spiele nicht in der Dauerkarte inkludiert sind, stiess auf wenig Gegenliebe. Da war er – der erste Zusammenprall der Kulturen. Dorfverein gegen ausländische Investoren. Tradition gegen Profitdenken. Eine Konstellation, die gegensätzlicher nicht sein könnte.

Mittendrin in einer Ära, die für alle Beteiligten neu ist, stehen drei Hauptdarsteller, die versuchen, der Erwartungshaltung der Geldgeber ennet des grossen Teichs und derjenigen der Fans und Sponsoren in der Heimat gerecht zu werden: Geschäftsführer Matthias Berner, Trainer, Sportchef und Statthalter Sean Simpson sowie Captain und Identifikationsfigur Victor Stancescu.

Matthias Berner sitzt in seinem kleinen, spartanisch eingerichtet und sauber aufgeräumten Büro in der Geschäftsstelle der Flyers. Der CEO ist das wirtschaftliche Bindeglied zwischen dem Firmensitz der Avenir Sports Entertainment Group in Calgary und der heimatlichen Basis des Klubs. Er muss versuchen, die finanziellen Vorgaben des Businessplans umzusetzen. Bei einer Organisation, die zuletzt Jahr für Jahr tiefrote Zahlen schrieb (in der letzten Saison fast 8 Millionen Franken im Minus) – und eigentlich permanent über ihren Verhältnissen gelebt hat. Ein schwieriger Job. Umso mehr, wenn die ersten Bemühungen, Kosten zu sparen oder Mehreinnahmen zu generieren, gleich in der Öffentlichkeit torpediert werden.

Man kann durchaus den etwas abgedroschenen Vergleich von der Quadratur des Kreises zur Hand nehmen, wenn man die Bemühungen der Flyers, mittelfristig auf einen finanziell grünen Zweig zu kommen und gleichzeitig eine sportlich kompetitive Mannschaft zu stellen, beschreiben will. Denn eigentlich fehlt es an allen Ecken und Enden. Das Team ist eines der teuersten der ganzen NLA. Gleichzeitig ist der Handlungsbedarf bezüglich der Verbesserung der Infrastruktur des Eisstadions am Schluefweg grösser denn je. Und dann ist da noch die Baustelle Nachwuchs: Eine der einst besten Talentschmieden des Landes hat in den vergangenen Jahren viel von ihrem Glanz verloren. Statt konsequent eigene Spieler in die erste Mannschaft einbauen zu können, musste man immer wieder ungleich teurere (Ergänzungs-)Spieler einkaufen. Das soll sich nun ändern. «In unserer Vereinsgeschichte hatten wir immer Erfolg dank unserer Ausbildungsarbeit. Die hat in den letzten Jahren massiv gelitten. Da müssen wir wieder deutlich zulegen und aufholen, um auf den alten Standard zurückkommen. So holen wir auch die Leute zurück ins Stadion», sagt Berner.

Die Leute ins Stadion zurückholen. Das geht am besten mit sportlichem Erfolg. Das wissen auch die Klotener Verantwortlichen. Besonders nach der miserablen letzten Saison, die mit einem totalen Fehlstart begann und mit dem Absturz in die Playouts endete. Der sportliche Schiffbruch kombiniert mit der unpopulären Preispolitik hat zu einem markanten Rückgang bei den Saisonabonnements geführt. Tiefe finanzielle Wunden lassen sich also nur vermeiden, wenn das Produkt auf dem Eis von Anfang an stimmt. «Wir brauchen den Erfolg. Das verlangen auch die neuen Eigentümer – völlig zurecht. Eishockey ist ein emotionales Geschäft. Wenn der Erfolg da ist, dann drückt man auch betriebswirtschaftlich eher mal ein Auge zu, aber nicht zwei», betont Berner.

Man ist sich in Kloten bewusst, dass man in Übersee nicht endlos Geduld haben wird, wenn sich die finanzielle Lage mittelfristig nicht bessert – Traditionsbewusstsein und Eishockey-Kultur hin oder her. Kloten-Captain Victor Stancescu, der die turbulenten Jahre rund um den Schluefweg allesamt hautnah miterlebt hat, sieht die Situation sehr nüchtern: «Die Idee des Dorfklubs hat sich schon lange verabschiedet. Im Jahr 2015 noch von einem Dorfklub zu reden, so wie sich das Eishockey-Business entwickelt hat, ist eine Träumerei. Alles ist so dynamisch geworden, es steckt so viel Geld drin. Es wird in Kloten für die diese Dorfklub-Kultur und das Familiäre weiterhin Platz haben, aber der Business-Teil muss auch mitkommen. Sonst ist das Ganze zum Scheitern verurteilt.»

Einig sind sich alle Beteiligten darin, dass der Neuanfang mit den Investoren aus Übersee eine grosse Chance ist für die Kloten Flyers, wieder zurück in die Spur zu finden. Sean Simpson, als Trainer, Sportchef und erste Bezugsperson der Eigentümer das eigentliche Machtzentrum der Organisation, sagt: «Diese Leute sind ein Glücksfall für die Flyers. Ohne sie wäre es heikel geworden. Es darf nicht sein, dass wir jedes Jahr so viel Geld verlieren. Das müssen die Leute verstehen. Es wird Änderungen geben.»

Verunsicherung ist innerhalb der Kloten Flyers trotz der unumgänglichen Änderungen kaum zu spüren. «Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, gibt es keinen Grund, verunsichert zu sein. Es ist schwierig, in Kloten NLA-Eishockey zu finanzieren. In den letzten Jahren gab es faktisch drei Konkurse. Jedes Mal fanden sich wieder Leute, die sich bereit erklärten, den Spielbetrieb zu sichern und zu finanzieren. Das Umfeld ist schwierig. Aber der Klub lebt und bringt Freude. Die neuen Eigentümer haben keine fadenscheinigen Gründe. Die wollen etwas aus Kloten machen. Jetzt hat eine neue Ära begonnen. Da ist Verunsicherung fehl am Platz», sagt Victor Stancescu und fügt an: «Jede Veränderung bringt für gewisse Leute positive Effekte, andere sehen eher das Negative. Ich habe das Gefühl, dass die neuen Eigentümer sehr motiviert sind. Es wurde vieles angepackt.» Nun liegt es an der Mannschaft, auf dem Eis Zeichen zu setzen.

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