Kann eine Mannschaft Meister werden, die sämtliche fünf Penaltys einer Saison verschiesst? In der Bundesliga schon.

Kann absteigen, wer in der Winterpause 14 Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz hat? In der Bundesliga schon.

Ist es möglich, einen aufregenderen Fussballnachmittag zu erleben, als wenn die Bundesliga zum Abstiegskampf bläst? Nein.

Nervenschwache Menschen taten jedenfalls gut daran, das Geschehen weder am Fernsehen noch am Radio oder im Liveticker des Internets zu verfolgen. Zu aufwühlend war, was sich in Hoffenheim, Hamburg und Dortmund abspielte, wo Wolfsburg, Mönchengladbach und die Frankfurter Eintracht um ihre Erstligaexistenz spielten. Mit einer Schlussphase, die derart hektisch verlief mit Torjubel im Minutentakt, dass es schwierig war, den Überblick über die aktuelle Tabellensituation zu bewahren.

Am Ende aber, nach ständigen Positionswechseln, war alles wieder so, wie es beim Anpfiff um halb vier gewesen war. Frankfurt mit dem Schweizer Internationalen Pirmin Schwegler hatte es nicht verstanden, eine 1:0-Führung durch Rode zu verwalten, und war schliesslich dem grossen Meister Borussia Dortmund 1:3 unterlegen. Obwohl dieser es fertiggebracht hatte, durch Barrios und Dede zwei Elfmeter nicht ins Tor zu bringen. Aber zwei Tore des Paraguayers und ein Eigentor von Russ brachen den Hessen das Genick und besiegelten deren vierten Abstieg.

Dass der 21-jährige Titsch-Rivero 43 Sekunden nach seiner Einwechslung wegen einer Notbremse vom Platz gestellt worden war und damit einen Ligarekord aufgestellt hatte, passte ins Bild der schlechtesten Rückrunde der Vereinsgeschichte. Mit weit aufgerissenen Augen sagte Christoph Daum: «Es ist eine grosse Leere da. Die Enttäuschung ist riesig.» Wie ein Messias war der frühere Stuttgarter Meistertrainer bei seinem Amtsantritt sieben Runden vor Schluss gefeiert worden. Gestern stieg er sieglos und erstmals in seiner Trainerlaufbahn ab.

Ganz anders Lucien Favre. Auch er war im Februar vom Tabellenletzten Borussia Mönchengladbach als Hoffnungsträger verpflichtet worden. Aber anders als Daum hatte er Erfolg und sorgte dafür, dass der zuletzt in Deutschland etwas angekratzte Ruf der Schweizer Trainergilde mächtig aufpoliert wurde.

Gestern schien gar die definitive Rettung der Borussia möglich. Weil aber der VfL Wolfsburg mit Diego Benaglio im Tor in Hoffenheim aus einem 0:1-Rückstand einen 3:1-Sieg machte, reichte den Gladbachern ein 1:1 (Torschützen Arango und Ben-Hatira) beim HSV nicht dazu. Jetzt müssen sie in zwei Barragespielen am 19. und 24.Mai gegen Bochum oder Fürth ihren Bundesligaplatz sichern. «Ich bin zwar nicht unzufrieden mit der Situation», sagte Lucien Favre, «doch ich sage nicht, wir seien nun der Favorit. Die Chancen stehen 50:50.»

Dass die Wolfsburger, die gestern zwischenzeitlich hinter Frankfurt auf einem Abstiegsplatz lagen, Moral zeigten, war nicht selbstverständlich. Wenige Stunden vor dem Spiel war es im Teamquartier zum Eklat gekommen, als der brasilianische Starspieler Diego abhaute, weil er nur als Reservist nominiert worden war. «Es ist ein Traum, dass wir dieses Spiel noch gedreht haben», sagte Magath, «heute werde ich tanzen.»

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