Die Taktik will Viktor Röthlin nicht verraten. «Die Konkurrenz hört mit», sagt er und meint damit auch, dass dem cleveren Umgang mit dem Kräftehaushalt im EM-Rennen eine bedeutende Rolle zukommt – mehr noch, als dies beim Marathon ohnehin immer der Fall ist.

Der Grund dafür liegt im Streckenprofil, das für ein Meisterschaftsrennen aussergewöhnlich ist. Vier Mal haben die Athleten den abschnittsweise steilen Aufstieg vom Central zur Polyterrasse zu bewältigen. Gleich darauf folgt die längere Abwärtspartie zum Bellevue. Diese Kombination stellt für die Muskulatur eine grosse Belastung dar. Dies führt dazu, dass die reine Schnelligkeit für den Erfolg nicht allein ausschlaggebend ist.

Röthlin sollte dies in die Karten spielen. Der 39-jährige Obwaldner hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er das Rennen unterwegs zu lesen weiss und antizipieren kann. Zudem könnte die Streckenführung den Heimvorteil der Schweizer Truppe verstärken. Gemeinsam mit seinen Teamkollegen hat Röthlin im Vorfeld der Europameisterschaften auf der Originalstrecke Laktat- und Herzfrequenztests durchgeführt, um herauszufinden, wie die Schlüsselpassage mit Auf- und Abstieg optimal zu bewältigen ist. Athleten anderer Nationen zeigten sich nach der Besichtigung des Parcours teilweise überrascht über die Steilheit des Aufstiegs – obwohl die Streckenführung eigentlich bereits seit über zwei Jahren bekannt ist.

Der taktische Spielraum nützt allerdings nur dann etwas, wenn die Form stimmt. «Es wird keinen Überraschungssieger geben. Der körperlich Stärkste wird gewinnen», sagt Röthlin, der sich diesbezüglich bereit fühlt: «Ich konnte mein Trainingsprogramm wie geplant durchziehen», sagt er. Auch die Werte der Leistungstest in der Vorbereitung waren ermutigend.

Nationaltrainer Fritz Schmocker ist überzeugt, dass Röthlin in dieser Verfassung einen flachen Marathon unter 2:10 Sunden laufen könnte. Das ist eine gute Voraussetzung, auch wenn die Zeit in einem Meisterschaftsrennen wie den EM sekundär ist. Erst recht, da die Strecke aufgrund der Topografie keine superschnellen Zeiten zulässt, obwohl die Siegerin des Frauenmarathons, die Französin Christelle Daunay, gestern auf dem gleichen Parcours einen neuen EM-Rekord aufstellte.

Röthlin, der mit der goldenen Startnummer des Titelverteidigers antritt, darf sich berechtigte Hoffnungen auf einen Medaillengewinn machen. Vor vier Jahren hatte er in Barcelona überraschend den Titel gewonnen, nachdem er lange offen gelassen hatte, ob er überhaupt antreten würde. Nach gesundheitlichen Problemen mit zwei Lungenembolien und einer Fersenoperation war unsicher, ob der Wiederaufbau für die Titelkämpfe gelingen würde. Es gelang und Röthlin durfte sich im August bei «Weltklasse Zürich» im Letzigrund vom Publikum feiern lassen.

Heute erneut? «Es gibt zehn bis zwölf Läufer, die für eine Medaille infrage kommen», glaubt Röthlin. «Es ist alles möglich.» Einer der härtesten Konkurrenten kommt aus dem eigenen Lager: Tadesse Abraham, der erst im Juni den Schweizer Pass erhielt, geht als europäische Nummer eins und damit neben dem Polen Henryk Szost als Topfavorit ins Rennen. Die Beine für eine Medaille oder gar den Titel hat der 32-jährige Abraham zweifellos, ob er auch den taktischen Anforderungen gewachsen ist, wird sich zeigen. «Er kann sich nur selber schlagen», sagt Röthlin über den gebürtigen Eritreer, für den er zwei Jahre lang die Trainingspläne geschrieben hat. «Der Sieger wird im Kopf gemacht», ist auch Abraham selber überzeugt.

Im optimalen Fall könnten Röthlin und Abraham der Schweizer Delegation sogar drei Medaillen bescheren. So sind sie nicht nur Konkurrenten im Gerangel um Edelmetall in der Einzelwertung, sondern auch Mannschaftskollegen in der Teamwertung, für die erstmals EM-Medaillen vergeben werden. Für das dritte Schweizer Zählresultat soll ein Athlet aus dem Trio Adrian Lehmann, Christian Kreienbühl und Michael Ott sorgen. Eine Mannschaftstaktik gibt es aber nicht. «Es ist sicher kein Nachteil, einen starken Teamkollegen wie Tadesse zu haben», sagt Röthlin. «Aber im Rennen sind wir letztlich alle Einzelathleten.»

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