Die Sonne brennt an diesem Morgen unerbittlich auf den Kunstrasen des Fussballplatzes Bodenweid in Bern. Wald umgibt die Sportanlage mitten im Berner Bümpliz-Quartier auf zwei Seiten und sorgt auf der Sportanlage in unmittelbarer Nähe der Autobahn für idyllische Ruhe. Von der ausgelassenen Aufstiegsfeier vor ein paar Tagen zeugen nur noch vereinzelt herumliegende, im Sonnenlicht glitzernde Alu-Konfetti zwischen den Plastikhalmen.

Es war ein rauschendes Fest, das Spieler, Vereinsmitglieder, Klubleitung und Fans des FC Prishtina Bern am vorletzten Samstag feierten. Begonnen hatte es mit dem Abspielen der Schweizerischen und der albanischen Nationalhymne vor dem Rückspiel zu Hause gegen den FC Courroux aus dem Jura. Das 0:0 reichte nach dem 1:1 im Hinspiel dank der Auswärtstoreregel. Die rund 2500 Zuschauer auf der prall gefüllten Bodenweid sorgten vor, während und nach der Partie für einen einmaligen Rahmen für den Aufstieg eines Klubs aus der 3. in die 2. Liga – die höchste regionale Spielklasse. Zum Vergleich: In der Challenge League besuchten in der vergangenen Saison durchschnittlich 1863 Zuschauer die Spiele. Was beim FC Prishtina Bern mit 200 bis 300 Zuschauern pro Spiel begann, gipfelte in dieser letzten Saisonpartie in einem rekordverdächtigen Fan-Aufmarsch.

Mehid Topalli, Sportchef des Klubs, lässt seinen Blick über den Hauptplatz der Bodenweid schweifen. Seine Augen leuchten, wenn er an den Tag des Aufstiegs denkt. Die Szenerie hat sich in seine Erinnerung eingebrannt: Ganze Familien tanzten zu albanischer Musik über den Fussballplatz, Fans umarmten die Spieler und schwenkten die roten Fahnen mit dem schwarzen Doppelkopfadler. Es war der Höhepunkt von Topallis zweieinhalbjähriger Vorstandslaufbahn beim FC Prishtina Bern. «Das war sehr emotional. Der Aufstieg ist eine riesige Belohnung für all die Arbeit, die wir in den Klub stecken», sagt der 32-Jährige in breitem Berndeutsch. Bevor er jedoch weiter sprechen kann, wird er vom Klingeln seines Handys unterbrochen. Es geht ums Geschäft. «Ich erhalte täglich bis zu 200 Anrufe», sagt der selbstständige Bauunternehmer. In seinen beiden Firmen beschäftigt er insgesamt 14 Angestellte.

Dann kommt Topalli auf die viele Arbeit zurück, die er und seine Vorstandskollegen in den Klub stecken. Denn dass der FC Prishtina Bern in diesem Frühsommer in die höchste regionale Spielklasse aufsteigen würde, war nicht geplant und schon gar nicht abzusehen gewesen. Ganz im Gegenteil: Vor zweieinhalb Jahren stand der 1990 gegründete Migranten-Klub – der FC Prishtina Bern war der erste kosovarisch-albanische Klub in der Schweiz – in erster Linie wegen fehlenden Finanzen kurz vor dem Aus. Zusammen mit weiteren Berner Unternehmern mit kosovarisch-albanischen Wurzeln übernahm Mehid Topalli den FC Prishtina. «Wir waren uns einig, dass es das nach 23 Jahren Klubgeschichte nicht gewesen sein kann.» Also schoss der neue Vorstand eine beträchtliche Summe ein, sorgte für neue Ausrüstung und Trainingslager und wagte einen Neuanfang. «Wir wollten, dass sich die Gegner freuen, gegen uns spielen zu dürfen.» Das dürfte Topalli und Co. gelungen sein. Denn der FC Prishtina Bern bringt auch an Auswärtsspiele rund 500 Zuschauer mit. «Vor solchen Kulissen spielt jeder gern. Zumal sich die Fans vorbildlich verhalten», sagt Topalli. «Wir haben etwas komplett Neues aufgebaut. Wir wollten nur ‹Giele› in der Mannschaft, die hier integriert sind.»

Zu diesen «Gielen» gehört ohne jede Frage auch Ervin Gashi. Seines Zeichens Trainer des FC Prishtina Bern. Der 24-Jährige empfängt uns über Mittag auf einer Baustelle in Murten. Der gelernte Metallbauer hat auf Brandschutz-Installateur umgesattelt und erledigt dort gerade einen entsprechenden Auftrag für seinen Arbeitgeber. Er weiss sofort, welche Frage uns unter den Fingernägeln brennt: Wie kommt ein 24-Jähriger dazu, das Fanionteam eines Klubs zu führen? «Das ist ganz einfach. Ich habe schnell gesehen, dass ich den Durchbruch als Spieler kaum schaffen werde. Also habe ich mich für den Weg als Trainer entschieden.» Als Spieler stand Gashi für die U21-Teams des FC Thun und der Young Boys im Einsatz, trug die Captainbinde. Bei den Berner Oberländern schaffte er es sogar ins Super-League-Kader, zu einem Einsatz kam er dort aber nicht.

Weil er sein Geld in absehbarer Zeit abseits der Baustelle mit dem Fussballsport verdienen will, begann er mit den Trainerausbildungen. «Mein Ziel ist es dereinst, das Nachwuchsteam eines Klubs aus der Super League oder der Challenge League zu übernehmen.» Das klingt für einen jungen Erwachsenen reichlich ambitioniert. Doch Gashi verfolgt seinen Plan konsequent. Vor anderthalb Jahren übernahm er für eine halbe Saison einen Klub in der 5. Liga. «Ich wollte ein Team auf den hinteren Rängen in der tiefsten Schweizer Liga trainieren. Um zu sehen, wie es ganz unten läuft.» Es funktionierte. Deshalb übernahm er im Sommer 2014 den FC Prishtina Bern und machte ihn innert nur einer Saison vom Mittelfeldklub in der 3. Liga zum Aufsteiger. Unmittelbar nach dem Aufstieg verlängerte er seinen Vertrag um eine weitere Saison.

Gashi trug die Philosophie des Vereins von Beginn weg mit. Er liess das gesamte Kader in einer seiner ersten Teamsitzungen eine Erklärung mit Verhaltensregeln unterschreiben. Wer dagegen verstösst, wird gebüsst oder aus dem Klub ausgeschlossen. Wie auch der Vorstand wollte der Trainer das Image des flegelhaften Migrantenteams auf keinen Fall tolerieren, nein, es nicht einmal aufkommen lassen.

Einer, der sich vor seinem Wechsel zum FC Prishtina Bern mit ebendiesem Image auseinandersetzte, ist Alex Bertschi. Der Stammtorhüter ist einer der Pfeiler des Aufstiegserfolgs und gleichzeitig einer von gerade einmal drei Spielern ohne Wurzeln auf dem Balkan. Als der 38-Jährige im Sommer auf Klubsuche war, wurde er beim FC Prishtina Bern fündig. «Ein Grossteil meines Umfelds riet mir von einem Wechsel zu diesem Migrantenteam ab. Weil ich ein gutes Gefühl dabei hatte, unterschrieb ich dennoch», sagt der 1,94-Meter-Hüne im Büro des von seinem Vater gegründeten Familienunternehmens in Burgdorf.

Das gute Gefühl sollte ihn, der sich einst für ein Jahr in den USA als Profi versuchte, nicht täuschen. Seine Kollegen kamen immer häufiger an die Spiele, Bertschi fühlt sich keineswegs als Aussenseiter. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Der Torhüter gehört zu den Lieblingen der Fans, ist im Team sehr beliebt. «Beim FC Prishtina wird jeder akzeptiert – und zwar so, wie er ist.» Deshalb spielt es auch keine Rolle, dass Bertschi zehn Jahre älter als das zweitälteste Teammitglied ist. Zu seinem 38. Geburtstag schenkte ihm der Klub sein Ersatzdress – unterschrieben von der gesamten Mannschaft. «So etwas habe ich in einem ‹Schweizer› Klub noch nie erlebt. Dieser familiäre Zusammenhalt ist wunderbar.» Natürlich gibt es Dinge, an die er sich gewöhnen musste. So herrscht in der Pause beim FC Prishtina Bern jeweils ein ziemliches Tohuwabohu, während es Bertschi eher ruhiger mag. «Aber damit kann ich mich arrangieren», sagt er lachend. Trotz seiner 38 Jahre will Bertschi unbedingt beim FC Prishtina weitermachen. «Die Signale sind auch von Klubseite gut, nun müssen Trainer und Vorstand entscheiden», sagt Bertschi.

Sollten sich Klub und Torhüter einig werden, kann Bertschi seiner Laufbahn vielleicht bald eine nächste Aufstiegsfeier hinzufügen. Denn der FC Prishtina Bern will sich nicht nur in der 2. Liga halten, sondern angreifen – und dann sehen, wozu es reicht. Und wer weiss, vielleicht liegen bald schon wieder glitzernde Konfetti als vereinzelte Überreste einer rauschenden Party zwischen den Plastikhalmen des Kunstrasenplatzes auf der Bodenweid.

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