VON MARCEL KUCHTA

Beat Forster ist ein Bär von einem Mann. Knapp 100 Kilogramm Lebendgewicht verteilen sich auf 1,86 Meter Körpergrösse. Auf dem Kopf wuchert eine wilde Haarmähne. Ein furchteinflössendes Erscheinungsbild. Furchteinflössend ist er auch auf dem Eis. Beat Forster ist ein Typ, der – martialisch ausgedrückt – den klassischen Krieger verkörpert. Ein Mann, den man in Playoff-Schlachten liebend gerne in seinen Reihen hat. Ein Mann, der den Gegner mit seiner Unerschrockenheit physisch und psychisch an die Grenzen bringt.

Beat Forster kann nicht nur körperlich austeilen, sondern auch verbal. Wenn es in der entscheidenden Meisterschaftsphase auf dem Eis hart auf hart geht, dann werden die Umgangsformen unter den Spielern rauer. Dann haben die Trash-Talker, die die Kunst des verbalen Provozierens des Gegners beherrschen, Hochkonjunktur. Forster selbst bezeichnet sich nicht als klassischen «Trash-Talker»: «Ich bin nicht so der ‹Schnorri›.» Und doch nimmt er in der Hitze des Gefechts bisweilen kein Blatt vor den Mund. Als Beat Forster im Januar auf der Strafbank sitzend Schiedsrichter Brent Reiber vor laufender Kamera lauthals als «fette Sau» betitelte, da untermauerte er sein Image als einer der grössten «Buhmänner» der Liga.

Ein Buhmann ist er besonders in Zürich seit seinem überstürzten Wechsel nach Davos in der vergangenen Saison. Im Zürcher Hallenstadion ist er das Feindbild Nummer eins. Doch wenn immer die gegnerischen Zuschauer voller Inbrunst pfeifen, dann kommt der Verteidiger erst recht in Fahrt. «Wenn man ausgepfiffen wird, dann heisst das ja, dass der Gegner Respekt vor einem hat», sagt der Sohn eines Kranzschwingers.

Beeinflussen lässt er sich von derlei Unmutsbekundungen sowieso nicht. «Ich bekomme das in der Regel gar nicht mit», sagt er. Mit einer Ausnahme: In Lugano wurde er im Januar im ersten Meisterschaftsspiel nach dem Spengler-Cup während 60 Minuten fast ununterbrochen mit feindseligen Gesängen der Tifosi eingedeckt. Er hatte während des Traditionsturniers den Lugano-Kanadier Boyd Deveraux mit einem harten Check niedergestreckt. Für Deveraux, der beim Rencontre eine Nackenverletzung erlitt, war die Saison beendet. Beat Forster gehört zu den Spielern, die auf dem Eis stets die Grenzen ausloten. Dass dabei auch mal die Fetzen fliegen und Spieler verletzt werden, gehört zum Business. Der Appenzeller betont jedoch, dass «ich noch nie in meiner Karriere einen Spieler absichtlich verletzt habe. Wer so was tut, muss sich ernsthafte Gedanken machen.»

Natürlich weiss auch Beat Forster, dass der Grat zwischen gesunder Härte und gesundheitsgefährdender Aktion oft ein ganz schmaler ist. Besonders in den Playoffs. Aber das ist gewollt. «In dieser Phase ist Provokation des Gegners wichtig. Man muss immer Stärke markieren», sagt er. «Schwächen zeigen geht nicht. Man muss den Gegner beeindrucken, wo es nur geht, ihm zeigen, wo ‹der Bartli den Most holt›. Und wenn mir einer im nächsten Einsatz aus dem Weg geht oder mit Angst aufs Eis kommt, dann habe ich schon gewonnen.» Forster glaubt, dass er seine Emotionen «recht gut im Griff» habe. HCD-Trainer Arno Del Curto hat dem damals noch wilden, erst 17 Jahre alten Beat Forster zu Beginn dessen ersten Gastspiels in Davos (im Jahr 2000) schnell beigebracht, dass «Nachschlagen nicht zählt». Del Curto habe ihm sehr dabei geholfen, zu lernen, einzustecken, ohne gleich die Nerven zu verlieren.

Während Beat Forster auf dem Eis in der öffentlichen Wahrnehmung der Prototyp des Bösen entspricht, so ist er daneben das pure Gegenteil. Umgänglich und unkompliziert im Umgang mit den Medien, ein liebevoller Vater einer Tochter (Chiara, 2 Jahre alt). Aufgrund der in der kommenden Woche anstehen-den Geburt des zweiten Kinds verzichtete Forster freiwillig auf einen Karrierehöhepunkt – die Olympischen Spiele in Vancouver. Und er wird der Nationalmannschaft auch in Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen. «Mit dem Nationalteam wäre ich aufs ganze Jahr gerechnet zwei Monate unterwegs. Eine lange Zeit, die ich in Zukunft lieber mit meiner Familie verbringen will.» Die Familie bedeutet dem 27-Jährigen alles. So ungehobelt er bisweilen auf dem Eis auftritt, so sanft ist er in eigenen vier Wänden. Dann wird aus dem Trash-Talker der Märchenonkel.

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