Der Autor Chris Deutschländer verglich den 1. FC Union Berlin einst mit einem Kometen. Alle paar Jahre glänzt der Verein hell am Fussballhimmel. Dann verschwindet er wieder auf seine Umlaufbahn durch die Spielklassen. Heute strahlt dieser Komet nur noch selten. Und wenn doch, dann sind es nicht die Spieler des Zweitligisten, die Aussergewöhnliches leisten, sondern seine Fans. So wie 2008. Damals errichteten über 2000 Anhänger in 140 000 Arbeitsstunden fast ein komplettes Stadion – freiwillig.

«Dit is halt Union», sagt André, 52, seit seinem 18. Lebensjahr Mitglied des Klubs. Wer einmal hierher komme, gehe nie wieder woanders hin. André bohrte, schraubte und hämmerte ein Jahr lang in seiner Freizeit an den drei Stehtribünen des Stadions an der Alten Försterei, tief im Osten Berlins. Der «Kleene» habe auch mitgeholfen, sagt André und zeigt stolz auf seinen siebenjährigen Sohn Sebastian – natürlich gekleidet in einem rotweissen Union Trikot.

So verrückt die Fans sind, so oft scheitern die Vereine an den Finanzen. Einen Stadionumbau hätte sich der klamme Klub Union ohne die freiwillige Hilfe der Fans nie leisten können. Beim Ostklub steht Kommerz erst einmal unter Generalverdacht. Wohl gerade deshalb ist die Liste der wirtschaftlichen Krisen des Vereins länger als die seiner Trophäen. Schon 2004 benötigte der fast bankrotte Verein knapp 1,5 Millionen Euro für die Drittligalizenz. Einmal mehr sprangen die Fans ein – und bluteten für ihren Herzensklub. Um das Geld aufzutreiben, spendeten sie Blut und reichten die so verdiente Kohle an den Verein weiter. Union erhielt die Lizenz – und stieg dennoch am Ende der Saison in die vierte Liga ab.

Doch die Unioner sind Tiefschläge gewohnt, kultivieren gerne ihr Underdog-Image. Bereits zu DDR-Zeiten standen sie im Schatten des von der Stasi protegierten Dauermeisters BFC Dynamo, bis heute das Hassobjekt der Unioner. Wenn der Name des Rivalen fällt, geht ein Raunen durch die Fans. «Der Ausdruck ist hier verboten», sagt Ronny aus dem Plattenbauviertel Marzahn. «Wir nennen sie nur ‹Die Unaussprechlichen›».

Heute ist Union dem einstigen Rivalen sportlich längst enteilt. Doch auch in der Gegenwart kämpft der Verein damit, nur der ewige zweite Berliner Klub zu sein. Als Bundesligist ist Hertha BSC die klare Nummer eins. Aus der einstigen engen Fanfreundschaft zu Zeiten der Berliner Mauer ist deshalb ein Kampf um die Vorherrschaft in der Millionenmetropole entbrannt.

Doch anders als die tiefgehende Feindschaft der Unioner mit dem BFC Dynamo, bei der es oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam, gleicht die Rivalität zur Hertha mehr der zwischen zwei Geschwistern. Nur zu gerne würde Union der grossen Schwester Hertha ein Bein stellen, nur zu gerne würden sie einmal vor dem Westklub stehen.

Doch die Voraussetzungen dafür sind schlecht, zu gross wirken die Unterschiede. Hertha BSC läuft nicht in einem kürzlich von den Fans gebauten Stadion auf, sondern im geschichtsträchtigen Berliner Olympiastadion, einem der grössten Stadien Europas. Hier gewann der schwarze Athlet Jesse Owens 1936 unter den Augen Adolf Hitlers olympisches Gold. Hier stieg der Final zum WM-Sommermärchen 2006 und hier fegte drei Jahre später Sprinter Usain Bolt über die 100-Meter-Bahn, schneller als je ein Mensch vor ihm.

Doch es ist gerade diese Historie, welche die Berliner Fussballklubs zu erdrücken droht. Zwar wurden die ersten Vereine schon in den 1880er Jahren gegründet, doch seit der Wiedervereinigung konnte sich kein Klub oben festsetzen – das ist einzigartig für eine europäische Hauptstadt. Manchen Vereinen mangelt es an Erfolgen, manchen an Tradition (siehe unten).

Seit über 20 Jahren ist Berlin ohne Meister- oder Pokaltitel. Das riesige Olympia-Stadion war oft mehr Bürde als Segen, weil die Teams vor fast leeren Rängen auflaufen mussten.

Hinzu kommt, dass nach dem Mauerfall kaum finanzstarke Unternehmen in die Hauptstadt zogen. Somit fehlten im damals zündenden Sponsoren- und Marketinggeschäft wichtige Partner. Viele namhafte Unternehmen wie Allianz, Deutsche Bank oder AEG wurden zwar in Berlin gegründet, heute hat ausser Siemens aber kein weiterer DAX-Konzern mehr seinen Hauptsitz in der Stadt. Die Wirtschaftsbosse tummeln sich in München, Hamburg oder Frankfurt. Zumindest Hertha BSC fand in der Deutschen Bahn einen namhaften Partner.

Während die grossen Unternehmen fern bleiben, strömen Tausende Deutsche aus allen Landesteilen in die junge Hauptstadt. Doch potenzielle Fans sind nur die wenigsten. Nicht umsonst wird Fussballfans nachgesagt, eher ihre Ehefrau als ihren Verein zu wechseln. Neuzuzüger laufen nicht einfach zu einem Berliner Klub über, sie bleiben ihren Teams treu. Ausserdem graben andere Sportvereine potenzielle Fans ab. Egal ob Basketballer, Eishockey- oder Handballspieler: Alle feierten in den letzten Jahren nationale Erfolge.

So sind in den oberen Fussballligen mittlerweile nur Union und Hertha übrig geblieben. «Wer in Berlin Fussballfan sein will, der muss leiden können», sagt selbst Donato Melillo, Fanbeauftragter von Hertha BSC. Erfolge wie die Champions-League-Teilnahme 1999 und das Erreichen der Europa League 2011 endeten für Hertha 2012 im Abstieg. «Das war ein herber Rückschlag», erinnert sich der Schweizer Fabian Lustenberger, der in Berlin eine zweite Heimat gefunden hat. «Jetzt wollen wir uns wieder in der ersten Liga etablieren und vielleicht mal wieder weiter vorne mitspielen.» Schliesslich soll der Berliner Fussball bald wieder glänzen – am liebsten öfter als ein Komet.

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