Es ist ein warmer Sommertag im Jahr 1999. Der achtjährige Taulant stürmt in die Wohnung der Familie Xhaka und ruft: «Papi, Papi, komm mit! Dieser Mann im Park, er will dich kennen lernen.» Dieser Mann ist Juniorentrainer bei Concordia Basel. Ihm sind in der Kinderschar, die im Basler Voltapark dem Ball hinterherrennt, zwei Buben aufgefallen. Als Ragip Xhaka vor ihm steht, sagt der Mann: «Bringen Sie ihre Söhne doch mal ins Probetraining.» Bei Concordia heisst es bald: «Herr Xhaka, Ihre Söhne sind etwas ganz Besonderes.» Nach einem Turnier in Paris schaltet sich der FC Basel ein und holt die beiden in seine Juniorenabteilung.

So beginnt, was vor einer Woche seine Krönung erfuhr. Taulant, heute 24, und Granit, 23, haben sich für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich qualifiziert. Haben dies nicht schon andere Brüder geschafft? Ja, aber: Die Xhakas sind die ersten, die mit zwei verschiedenen Nationalmannschaften an eine EM fahren. Taulant mit Albanien, Granit mit der Schweiz.

Als wir Ragip Xhaka erreichen, ruft er in den Hörer: «Meine Frau und ich sind die stolzesten Eltern der Welt. Wir könnten die ganze Welt umarmen.» Die Eltern waren im Stadion, als sich Granit mit der Schweiz dank des 7:0 gegen San Marino qualifizierte. Und sie waren zwei Tage später in Armenien, wo Taulant mit Albanien den letzten Schritt ging. Der Vater sagt: «Es hätte uns sehr weh getan, wenn es eine der beiden Mannschaften nicht geschafft hätte.»

Die schweren Zeiten, die hinter Ragip Xhaka liegen, sie sind gerade ganz weit weg. Doch muss man die Geschichte des Vaters kennen, um zu begreifen, wenn er sagt: «Ein Sohn für Albanien, einer für die Schweiz – das ist das perfekte Spiegelbild unserer Familie.»

Rückblende. Im Jahr 1986 ist Ragip Xhaka 23 Jahre alt und studiert Landwirtschaftstechnik an der Universität Pristina. Die erhoffte Karriere als Fussballer musste er wegen einer schweren Beinverletzung früh aufgeben. Es ist die Zeit, in der die Hauptstadt der lange autonomen Provinz Kosovo von der kommunistischen Zentralregierung in Belgrad infiltriert wird. Mit seinen Kommilitonen nimmt Ragip an Studentenprotesten teil. Laut seien diese gewesen, aber immer friedlich. Doch eines Morgens steht plötzlich die Polizei vor der Haustür und führt Ragip ab, ins Gefängnis. Er spreche wirklich nicht gerne über diese Zeit, sagt er immer wieder. Nur so viel: Drei Jahre später darf er das Gefängnis verlassen. Doch frei fühlt sich Xhaka nicht. Frei fühlt er sich erst an jenem Tag im Sommer 1990, an dem er und seine Frau Eli mit dem Bus in Basel ankommen. «Ich sah im Kosovo einfach keine Perspektive.»

In der Schweiz schon. Bereits am ersten Tag sucht er Arbeit, «ich wollte kein Geld vom Staat». Er bekommt eine Stelle als Landschaftsgärtner, Eli in einer Tubenfabrik. 1991 kommt Taulant zur Welt, 1992 Granit. Niemals, so der Vater, habe er gedacht, dass die beiden es im Fussball so weit bringen würden. «Wir wünschten uns einfach, dass die beiden anständige Menschen werden und Respekt haben vor anderen. Und die Ausbildung kam für uns Eltern immer vor dem Fussball.»

Wir treffen Taulant Xhaka im Stadionrestaurant des St. Jakob-Parks. Er grinst. «Ausbildung? Granit und ich, wir hatten vor allem Fussball im Kopf. Wir haben die KV-Lehre abgebrochen, weil beides zu meistern damals schwierig für uns war.»

Die Gegenwart gibt den Brüdern recht. Er, Taulant, hat mit Albanien Geschichte geschrieben, erstmals nimmt das Land an einer EM teil. Die Begeisterung, die könne man nicht beschreiben. «Nach dem Schlusspfiff in Armenien wurden gestandene, ältere Spieler zu Kindern. Alle sind auf dem Platz und in der Kabine herumgezappelt. Sie müssen sich vorstellen: Einige von uns sind 13 Jahre im Nationalteam und haben vorher nicht einmal an einer EM geschnuppert – und jetzt sind sie dabei!» Den Empfang am Montag in der Hauptstadt werde er sein Leben lang nie vergessen. «Der Staatspräsident hat alle umarmt und jedem ein Präsent überreicht. Die Menschen haben uns bejubelt wie Superstars. 30 000, nein, 40 000 waren da. Unglaublich!» Um das Erlebte zu verdauen, haben sich Xhaka und die anderen sechs Albaner, die in der Super League spielen, für den Rückflug in die Schweiz einen Privatjet gemietet. «Wir sassen da über den Wolken, haben uns angestarrt und gefragt: Ist das alles ein Traum oder passiert das wirklich?»

Man spürt die Genugtuung in Taulants Worten. Verständlich. Lange stand er im Schatten seines jüngeren Bruders Granit. Der stiess zwar später zu den FCB-Profis, überflügelte ihn dort aber aus dem Stand. Taulant: «Er hatte mehr Talent und das Glück, dass der Trainer (Thorsten Fink; d. Red.) auf ihn stand. Ich wollte zu viel, war ein schwieriger Typ, hatte eine grosse Klappe.» Granit wechselte früh in die Bundesliga, wurde Nationalspieler, während Taulant zu GC ausgeliehen wurde und dort lernen musste, was es heisst, ein Profi zu sein. Sein Weg aus dem Tief und die Entwicklung zum unverzichtbaren Wert beim FCB und in der albanischen Nationalmannschaft, all das habe dazu geführt, dass er jetzt wieder der grosse Bruder sei. Wie bitte? Taulant: «Ich war immer der Lausbub, Granit der Ruhige und Seriöse. Er hat mir geholfen, Termine einzuhalten, und geschaut, dass ich nichts vergesse. Eigentlich war er der grosse Bruder.» Dass das geändert hat, bestätigte Granit kürzlich in einem Interview: «Was Taulant sagt, ist Gesetz. Er ist älter, ihm widerspreche ich nicht.»

Auch nicht, als vor einem Jahr die Frage im Raum stand, ob Taulant das Aufgebot des albanischen Nationaltrainers annehmen würde. «Das war alleine mein Entscheid», sagt er. Und er habe mit der Zusage alles richtig gemacht. «Ich passe perfekt in diese Gruppe erfolgshungriger Spieler.» Aber, und das betont Xhaka, er würde genauso gerne das Schweizer Trikot tragen. Doch habe sich niemand vom Schweizer Verband bei ihm gemeldet, weshalb er dem Ruf aus Albanien gefolgt ist. «Mir ging es darum, Nationalspieler zu sein. Mein Bruder spielt schon lange für die Schweiz, ich wollte mich endlich auch mit den Besten messen.» Gibt es wie in der Schweiz auch in Albanien eine Diskussion über «richtige und falsche Albaner»? Xhaka: «Nein. Es geht den Leuten um Erfolg und darum, ob einer auf dem Platz alles gibt. In Albanien ist es den Menschen egal, dass die meisten Spieler der Nationalmannschaft im Ausland aufgewachsen sind. Sie freuen sich einfach, dass wir der Mannschaft zum Erfolg verhelfen.» Es sei doch so, dass beide Länder voneinander profitieren würden: Albanien, weil viele Nationalspieler ihre Fussballer-Ausbildung in der Schweiz absolvierten. Und die Schweiz, weil die albanisch-stämmigen Spieler die Leidenschaft und die Emotionalität in die Mannschaft getragen hätten.

Sie kommt natürlich, die Frage. Und Taulant Xhaka ist vorbereitet: «Klar will ich an der EM gegen die Schweiz und meinen Bruder spielen!» Granit hingegen, der wolle bloss kein Aufeinandertreffen. «Es würde ihm wohl zu nahe gehen, er ist sehr emotional.» Diplomatisch die Antwort des Vaters: «Wenn es sein muss, dann bitte erst im Final. Dort soll dann der Bessere gewinnen.»

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