Fabienne Suter weiss, dass sie sich oft selbst stoppt. Immer dann, wenn ihre Gedanken sie gefangen nehmen. «Die Anspannung wird manchmal so gross, dass mein Körper nicht mehr macht, was ich will.» Dann fühlt sie sich selbstredend unwohl. Und sie versucht auszubrechen. «Obwohl ich Anspannung brauche, um in den Rennen schnell zu sein: Wenn es zu viel wird, geht nichts mehr.»

Ein Fluchthelfer ist Ablenkung, aber noch wichtiger sind Menschen, die ihr einfach guttun: Freunde und Familie. «Wir gehen gemütlich essen oder auf einen Spaziergang.» Die 32-Jährige will und muss in diesen Momenten einfach weg aus der Welt, in der sie sich schon so lange bewegt. Teamkolleginnen und Trainer, eigentlich alle, die sich im Skisport bewegen, tun Fabienne Suter dann nicht gut. Nicht weil sie diese Menschen nicht mag. Aber immer dann, wenn sie zu angespannt ist, «muss ich weg, sonst denke ich schon Tage zuvor nur an das Rennen». Das macht alles kaum erträglich.

Im Sommer arbeitet Fabienne Suter seit zwei Jahren in einem Seilpark. Das Ziel ist das gleiche. Sie sucht und findet Ablenkung von der Welt als Spitzensportlerin. Sie bewegt sich dann weit weg vom Druck, den sie als Sportlerin spürt. Denn ihr wird und wurde schon immer so viel Talent nachgesagt. Und immer wieder hörte sie: «Du kannst es ja. Du musst nur noch fahren und gewinnen.»

Bewiesen, dass sie es kann, hat sie schon oft. 20 Mal stand sie auf dem Podest eines Weltcuprennens, viermal als Siegerin. Aber es wäre eben wohl noch viel mehr möglich gewesen. Besonders an Grossanlässen, von denen sie meist enttäuscht und immer ohne Medaille abreisen musste. Bereits zum siebten Mal ist sie in diesen Tagen an einer WM dabei, hinzu kommen zwei Teilnahmen an Olympischen Spielen. Und ihr bestes Resultat? Ein vierter Rang 2010.

2015, nach der WM in Beaver Creek, an der sich Fabienne Suter so viel erhofft hatte und doch leer ausging, sagte sie mit Tränen in den Augen: «Es ist mein typisches Problem an Grossanlässen: Ich verkrampfe mich vor dem Start.» Dann ist sie wieder eine Gefangene der Gedanken.

Die zwei Begleiter
In der vergangenen Saison, nach der Ablenkung im Sommer im Seilpark, war die Innerschweizerin so unbeschwert wie nie in den Weltcup zurückkehrt. Der Schweizer Frauencheftrainer Hans Flatscher hielt damals fest: «So locker und entspannt habe ich Fabienne noch nie gesehen.» Flatscher war zu diesem Zeitpunkt schon seit fünf Jahren ihr Chef. Endlich schien sich die mentale Blockade gelöst zu haben. Und in der Tat: Fünf Mal fuhr Fabienne Suter im vergangenen Winter im Weltcup aufs Podest.

Die Freude aber hielt nicht sehr lange. Zu Beginn dieser Saison besuchte sie ihr zweiter ständiger Begleiter neben der Anspannung: die Verletzungshexe. Ein Meniskus-Riss musste operativ behandelt werden. Es ist ein weiterer Eintrag in ihre lange Liste von Verletzungen. Erst Mitte Januar gab Suter ihr Comeback im Weltcup und qualifizierte sich dennoch für die Heim-WM. In St. Moritz sicherte sie sich in den vergangenen Tagen in der internen Qualifikation den Startplatz für die WM-Abfahrt von heute. «Als ich erfahren habe, dass ich es geschafft habe, hat mich das enorm beruhigt.»

In beiden Abfahrts-Trainings war sie Zweite und wurde zur Mitfavoritin für heute. Und nach der Verletzung von Lara Gut rutschte Fabienne Suter auch noch unverhofft in die Rolle der verbleibenden grossen Schweizer Hoffnung auf eine Medaille. Und plötzlich war die Anspannung wieder da. Mit voller Wucht.

Viel erlebt in St. Moritz
So suchte Fabienne Suter erneut ihr privates Umfeld auf. Sie zog sich zurück, lenkte sich ab und versuchte, die Verkrampfung zu lösen. «Schauen wir, wie ich es im Rennen im Griff habe.» Sie sagt es und wirkt selbst nicht überzeugt. Dabei wäre es ihr wirklich zu gönnen, dass es endlich klappt mit einer Medaille.

St. Moritz würde passen. Hier hat sie schon viel erlebt. 2003 nahm sie hier erstmals an einer WM teil und stürzte. 2012 riss sie sich hier das Kreuzband. Aber sie stand auch schon viermal in St. Moritz im Weltcup auf dem Podest. Zuletzt im März 2016. «In Erinnerung sind mir die positiven Erlebnisse geblieben.»

An diesen Gedanken sollte sie sich heute festhalten. Die Gefangene hat die Erlaubnis, aus der Anspannung auszubrechen.

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