Wunderkerzen, stehende Ovationen, die Welle und ein ausverkauftes Hallenstadion. In Zürich-Oerlikon werden dieser Tage die Zürcher Festspiele zelebriert. Hauptdarsteller sind die Spieler der ZSC Lions, die im März zu einem ungeahnten Höhenflug angesetzt haben, dessen Ende vorerst nicht absehbar ist. Fest steht, dass die Löwen in ein paar Tagen um den Meistertitel spielen werden.

Blickt man drei Monate zurück, so erscheint diese Entwicklung der Zürcher fast unglaublich. Damals, kurz vor Weihnachten, reisten die Lions zu einem Schlüsselspiel nach Genf. Im Wissen, dass eine Niederlage gegen Servette die Playoff-Qualifikation arg in Gefahr bringen würde. Vor diesem Schlüsselspiel hatte die Mannschaft von Trainer Bob Hartley drei Spiele in Serie verloren, darunter eine 2:3-Heimniederlage gegen Ambri-Piotta und eine 1:3-Niederlage in Rapperswil. Doch dann folgte jenes unglaubliche Spiel in Genf, welches bei den Zürchern den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zurückkehren liess. Die Lions lagen bis kurz vor Schluss mit 2:3 im Rückstand und mussten die letzten Sekunden in doppelter Unterzahl bestreiten, schafften aber durch Captain Mathias Seger auf wundersame Art und Weise den Ausgleich und gewannen das Spiel schliesslich im Penaltyschiessen.

Dieses glanzvolle Comeback hatte für den weiteren Verlauf der Saison Signalwirkung. Die Zürcher, die bis kurz vor Weihnachten oft als haarsträubend heterogenes Gebilde auftraten und sich ihre Siege zum Frust des Publikums im Hallenstadion oft förmlich erknorzen mussten, fanden plötzlich zu einer Einheit zusammen. Und die Formkurve erreichte, perfekt getimt, jetzt in den Playoffs den Höhepunkt. Das musste nach Titelverteidiger Davos im Viertelfinal nun auch Qualifikationssieger EV Zug im Halbfinal schmerzhaft erfahren.

Die ZSC Lions sind dieser Verfassung ein ganz heisser Anwärter auf den Meistertitel. Im vierten Halbfinalspiel gegen den EV Zug zeigten die Zürcher noch einmal all die Qualitäten, die sie zu einem inzwischen schier unbesiegbar scheinenden Ensemble wachsen liessen. Die Zuger rannten zu Beginn gegen den ZSC-Defensivriegel an, ohne sich eine wirklich gute Chance erkämpfen zu können. Und als der EVZ auf der anderen Seite den ersten Fehler machte, zappelte der Puck auch prompt im Tor von Jussi Markkanen. EVZ-Verteidiger Timo Helbling «passte» in der eigenen Zone unbedrängt in die Schlittschuhe von Schiedsrichter Dany Kurmann. Patrik Bärtschi schnappte sich den Puck und bezwang Markkanen im Nachschuss.

Als die Zuger im zweiten Drittel noch mehr in die Offensive investieren mussten, wurden sie schliesslich nach allen Regeln der Kunst ausgekontert. Andres Ambühl und der erneut starke Reto Schäppi mit einer Doublette erhöhten innerhalb von knapp sechs Minuten auf 4:0, womit die Vorentscheidung bereits gefallen war. Der Rest war nur noch ein Kürlauf vor den restlos begeisterten Zuschauern in der «Halle».

Lions-Trainer Bob Hartley gab sich auch mitten im grössten Trubel gelassen und freute sich still über die erstaunliche Leistung seiner Mannschaft. «Ich bin sehr stolz auf diese Jungs», sagte er. Und fügte lächelnd an: «Ich habe ihnen zu ihrer Leistung gratuliert und sie daran erinnert, ihre Uhren eine Stunde nach vorne zu stellen. Wäre ja schade, wenn man den Brunch mit der Frau oder Freundin verschlafen würde.»

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