VON MARKUS BRÜTSCH

Wenn am nächsten Mittwoch in Kloten spätabends das Flugzeug mit der Schweizer Nationalmannschaft nach Südafrika abhebt, werden an Bord Fussballer sitzen, die dank einer gut verlaufenen Hauptprobe das WM-Abenteuer mit gesteigertem Selbstbewusstsein und Optimismus angehen. «Dieses 1:1 gegen Italien gibt Mumm», sagte Aussenverteidiger Stephan Lichtsteiner.

Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Italien 48 Stunden nach dem 1:2 in Brüssel gegen Mexiko mit dem zweiten «Anzug» angetreten war und mit Aussenverteidiger Gianluca Zambrotta nur einen Titular in der Startformation hatte, kann die Leistung der Schweizer mit «ansprechend» bewertet werden. Dass nicht die Vorsilbe «ver» genommen werden darf, die Präsentation demnach nicht «vielversprechend» war, hat mit der einen oder anderen Unzulänglichkeit im Abwehrverhalten zu tun und dem Fakt, dass Stürmer Blaise Nkufo trotz leichter Steigerung erneut den Beweis schuldig geblieben ist, noch immer der ideale Sturmpartner von Captain Alex Frei zu sein.

Gleichwohl überwiegen unter dem Strich die positiven Erkenntnisse. Denn vier Tage nach dem viel kritisierten Auftritt bei der 0:1-Niederlage gegen Costa Rica zeigten sich die überraschend mit dem quirligen, aber noch immer wirren Gelson Fernandes für Tranquillo Barnetta aufgelaufenen Schweizer in allen Bereichen verbessert. Obwohl die Temperaturen endlich an den Sommer erinnerten und in noch ungewohnte Höhen geklettert waren, wirkten die Gastgeber ungleich spritziger als in Sion. Exemplarisch dafür war die Vorstellung von Lichtsteiner, der in seinem Couloir zumindest in der ersten Halbzeit für viel Betrieb sorgte und mit seinen Vorstössen das eine oder andere Mal Gefahr vor dem gegnerischen Tor schuf.

Den Schweizern war es auch gelungen, die Zahl der Fehlpässe zu reduzieren und damit das Kombinationsspiel zu stabilisieren. Wenngleich anzumerken ist, dass in dieser Sparte noch immer einige Luft nach oben vorhanden ist. «Wir haben im Vergleich zum Costa-Rica-Spiel in der Organisation zugelegt», sagte Trainer Ottmar Hitzfeld.

Wichtig war aber auch, dass der zuletzt ziemlich geschmähte zentrale Aufbauer Gökhan Inler endlich zu seinem ersehnten Erfolgserlebnis in Form seines zweiten Länderspieltreffers kam. Es schien, als wäre eine Menge Frust in ihm, als er schon nach zehn Minuten die Kugel aus knapp zwanzig Metern linksfüssig in die rechte tiefe Ecke drosch. Die Vorarbeit hatten der später verletzt ausgeschiedene Valon Behrami und Nkufo geliefert. Der italienische Goalie Federico Marchetti war beim Schuss von Inler durch Behrami irritiert worden, doch Schiedsrichter Hervé Piccirillo hatte den Aufbauer im passiven Offside gesehen. Es war der erste Schweizer Treffer seit September letzten Jahres aus dem Spiel heraus gewesen.

Nur vier Minuten nach ihrem stärksten hatten die Schweizer aber bereits ihren schwächsten Moment gehabt. Nach einer Flanke von Ricardo Montolivo hatte Philippe Senderos zuerst mit seinem Kopfball eine Kerze produziert, danach auch noch das Kopfballduell gegen den acht Zentimeter kleineren Fabio Quagliarella verloren und damit beim 1:1-Ausgleich der Italiener wie beim Gegentor gegen Costa Rica einen schwachen Eindruck hinterlassen.

Und Italien? Sicher sagen lässt sich, dass es gute Chancen hat, den Weltmeistertitel zu verteidigen. 1982 und 2006 hatten die Azzurri jeweils in ihrem letzten Testspiel in Genf 1:1 gespielt, bevor sie dann Weltmeister geworden waren. So gesehen, hat Marcello Lippi gestern mit seinem Team das Wunschresultat geholt.

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