Peter Schmeichel, Sie sagen schon länger, dass diese EM fussballerisch ganz neue Massstäbe setzen könnte.
Peter Schmeichel: Die Spiele, die wir bisher gesehen haben, waren wirklich fantastisch. Beeindruckend ist ja nicht nur das fussballerische Niveau, mich fasziniert auch die Dramaturgie vieler Spiele. Fast immer ist es bis zur letzten Minute spannend, ich finde diese Euro sehr aufregend.

Dabei wurde stark über die Widrigkeiten der Vorbereitung gejammert.
Ich glaube, auch früher lagen die Gründe für die vielen schlechten Spiele bei so einem Turnier nicht im Verlauf der Vorbereitung. Das hohe Niveau ist das Ergebnis einer wunderbaren Entwicklung: Viele Mannschaften suchen einen neuen Zugang zum Spiel. Und das hat sicher damit zu tun, was während der zurückliegenden Jahre beim FC Barcelona gemacht wurde. Das inspiriert. Die Spieler gehen bei diesem Turnier nicht mehr raus auf den Platz mit dem Gefühl, um jeden Preis gewinnen zu müssen, stattdessen sagen sie: Wir wollen hier Fussball spielen. Diese Haltung, diese Mentalität ist viel bedeutsamer für die Qualität eines Turniers als der Verlauf einer Vorbereitung.

Deutschlands Trainer Joachim Löw orientiert sich tatsächlich ganz explizit an Barcelona und Spanien. Dänemarks Trainer Morten Olsen auch?
Nicht ganz. Ich glaube Morten schaut eher auf das Spiel der Holländer. Natürlich sind die Spanier Welt- und Europameister, Barcelona spielt diesen wunderbaren Fussball, aber diese beiden Teams sind mit sehr kleinen Spielern bestückt. Sie halten den Ball viel auf dem Boden, Skandinavier haben nicht die körperlichen Voraussetzungen für diese Art von Fussball. Sie sind meistens grösser, wir müssen also einen etwas anderen Stil finden.

Während der vergangenen Tage war immer wieder zu hören, dass es Parallelen zu Dänemarks EM-Sieg von 1992 gebe. Sie waren damals dabei, fühlen Sie sich wirklich an damals erinnert?
Nein. Ich finde diesen Vergleich verfehlt. Alle reden davon, weil es jetzt genau 20 Jahre zurückliegt, aber damals waren nur acht Teams im Turnier dabei. Es reichte ein bisschen Glück in einem oder in zwei Spielen schon stand man im Final. Und wir hatten enorm günstige Umstände damals. Wir haben ein unglaublich gutes Spiel im Halbfinal gemacht, dann aber mit viel Glück das Elfmeterschiessen gewonnen. Und im Final gegen Deutschland, mein Gott hatten wir da viel Fortune. Ausserdem hat der Fussball sich verändert. Ich glaube, solche Überraschungen sind nicht mehr möglich, die Qualität der Top-Teams ist zu gross geworden.

Sie haben stets gesagt, Christian Eriksen könnte der dänische Newcomer werden. Wie gefällt er Ihnen bislang?
Er hat es schwer bei diesem Turnier. Er ist ein Spieler, der sehr darauf angewiesen ist, dass seine Mannschaft Ballbesitz in der Hälfte des Gegners hat. Hier bei der EM muss er enorm viel Defensivarbeit verrichten. Aber wir schätzen sehr, dass er diesen Job erledigt. Und auch offensiv kommt er nun langsam in dieses Turnier hinein.

Auffälliger ist Niklas Bendtner, der aber bei Arsenal gescheitert ist und nach Sunderland ausgeliehen wurde. Was fehlt ihm zum Weltklassespieler?
Ich treffe immer wieder Leute, die glauben, Bendtner sei kein wirklich grosser Spieler. Ich bin da anderer Meinung. Bei Arsenal wurde er auf dem Flügel eingesetzt, aber er ist kein Flügelspieler. Gegen Portugal konnte man sehen, welch ein grossartiger Zentrumsstürmer er ist. Ich glaube, er kann auf einem ähnlichenLevel spielen wie Mario Gomez. Ich würde mir wünschen, dass er in die Bundesliga wechselt, ich glaube, dort würde er am besten hinpassen.

Er kann mit einem guten Spiel gegen Deutschland heute für sich werben.
Ja, aber das wird schwierig. Für mich ist Deutschland der Favorit auf den Titel. Das Team ist wunderbar ausbalanciert und hat insgesamt das stärkste Kader. Man muss sich nur die Auswechslungen ansehen, mein Gott: Gomez geht raus, und dann kommt Klose. Özil geht, Kroos kommt, pfffff. Das ist eine fantastische Mannschaft.

Sie schwärmen ja richtig. Teilen Sie Morten Olsens Meinung, dass die Schönheit des Spiels der deutschen Nationalmannschaft das Image der ganzen Nation in der Welt verändert?
Deutschland hat sich verändert in den vergangenen zehn Jahren. 2006 haben wir alle gesehen, dass die Deutschen auf eine sehr friedliche Art und Weise zusammenhalten können. Es kann sein, dass man das als Deutscher nicht so deutlich spürt. Aber wir hier draussen, wir können die Veränderung sehr genau sehen. Die Deutschen mussten die Welt überzeugen, dass sie okay sind, nach allem, was passiert ist im vergangenen Jahrhundert. Und dazu hat die Nationalmannschaft eine Menge beigetragen. Sie spielen einfach einen hinreissend guten Fussball.

Was halten Sie von den Torhüterleistungen im bisherigen Turnier?
Das Niveau ist beeindruckend. Die guten Leistungen freuen mich ganz besonders für den Engländer Joe Hart. Für ihn ist diese EM eine komplizierte Angelegenheit, englische Torhüter haben ja immer wieder komplette Turniere ruiniert. Ich hoffe, dass er ein gutes Turnier spielt. Und er wird bei der EM wie alle anderen Torhüter auch ein wenig vom Ball unterstützt.

Vom Ball?
Ja. In Südafrika hat der Ball gemacht, was er will. Das war sehr traurig für den Fussball. Dieser Ball hier, der gehorcht den Spielern. Es darf nicht sein, dass der Ball entscheidet, ob er ins Tor fliegt oder nicht.

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