Herr Cologna, Sie haben diese Woche Bilder auf Instagram gestellt, die Sie beim Laufen hoch über Bergün zeigen. Verbringen Sie auch den Sommer in den Bergen?
Dario Cologna: Ja, hier ists im Sommer am schönsten, nicht so heiss und man hat seine Ruhe. Das geniesse ich, und es ist ideal zum Trainieren.

Kein Fernweh, keine Ferien am Meer?
Abschalten kann ich auch ohne Meer. Ich war nur ein paar Tage im Tessin. Ferien hatte ich im April nach der Saison, aber in diesen Wochen ist Training angesagt, es ist eine wichtige Phase.

Dank Ihnen kennt der Rest der Schweiz das Val Müstair im äussersten Zipfel des Landes, wo Sie aufgewachsen sind. Wie hat diese Umgebung Sie geprägt?
Ich verbinde damit eine schöne Kindheit und Jugend, und ich bin auch heute immer wieder gern da, obwohl ich seit neun Jahren in Davos lebe. Aus Sicht der meisten Schweizer mag das Tal abgelegen sein, aber wenn man selber dort wohnt, hat man nicht diesen Eindruck: Mir hat es an nichts gefehlt, es gibt dort alles, was man braucht. Ob das meinen Charakter geprägt hat . . . (zögert)

. . . man wird zäh?
Vielleicht auch stur (lacht). Wobei ja im Münstertal nicht alle so sind wie ich. Wahrscheinlich lernt man schon, zu kämpfen und zusammenzuhalten. Für einen Sportler eigentlich ganz gut. Zudem, weil das Angebot begrenzt ist, waren wir als Kinder fast immer draussen und in Bewegung. Vielleicht ist das heute anders, aber vor 20 Jahren hatte noch keiner ein Handy – in der Freizeit spielten wir sehr oft Fussball.

Haben Sie als Kind nie gedacht, dass Sie etwas verpassen?
Nein. Wir kannten nichts anderes und waren glücklich. Sicher, die nächste Stadt ist weit weg. Dafür ist man schnell im Südtirol. Dorthin fuhren wir später in den Ausgang, als wir den Fahrausweis hatten. Da verabredeten wir uns, und jedes Mal fuhr ein anderer.

Und zu Hause sprachen Sie Vallader, das romanische Idiom dieser Gegend?
Wir haben im Münstertal noch einen Dialekt: Jauer. Ich wuchs aber eigentlich dreisprachig auf: Mit meiner Mutter sprach ich Deutsch, mit meiner Grossmutter Italienisch – sie stammt aus Italien –, mit dem Vater, Geschwistern und im Kindergarten Romanisch.

In welcher der drei Sprachen träumen Sie?
Das ist ziemlich ausgeglichen. Als Kind wohl hauptsächlich Romanisch, inzwischen mehr auf Deutsch.

Was gefällt Ihnen am Rätoromanischen?
Dass es kaum jemand versteht. Wenn wir mit unserem Team – wir haben einige Romanischsprachige – irgendwo sind, können wir immer offen über andere reden und müssen nicht aufpassen, was wir sagen (lacht). Im Ernst: Romanisch bedeutet für mich Heimat, es gehört zu meinen Wurzeln.

Romanisch als Geheimsprache unter den Langläufern?
Mein Bruder Gianluca, Curdin Perl, Toni Livers und Jonas Baumann können alle Romanisch, wobei wir – weil wir unterschiedliche Idiome haben – oft Deutsch miteinander reden. Mit Ausnahme von Curdin Perl, mit ihm rede ich immer Rätoromanisch, bei ihm verstehe ich alles.

Wenn Sie dereinst Kinder haben sollten: Wäre es Ihnen wichtig, dass diese Romanisch können?
Es wäre schön, meine Kinder würden Romanisch sprechen. Aber das hängt halt auch immer davon ab, wo wir Kinder bekommen würden. Meine Partnerin spricht nicht Romanisch. Sie ist Davoserin. Da kann es gut sein, dass die Kinder die Sprache nicht lernen würden.

Viele Täler kämpfen mit Abwanderung. Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft Ihrer Heimat und das Rätoromanisch?
Ich glaube nicht, dass die Sprache ausstirbt. Sie ist in den entsprechenden Tälern gut verankert. Klar, die Abwanderung ist ein Problem. Wenn ich im Münstertal bin, wirkt es auf mich von Mal zu Mal noch etwas ruhiger. Es gibt wenige Arbeitsplätze, zum Studieren muss man weg und kehrt selten zurück. Viele meiner damaligen Kollegen sind inzwischen in Chur oder noch weiter weg. Anderswo – etwa im Engadin – sieht es besser aus.

Die Mittelschule in Ftan, wo Sie die Matur gemacht haben, hätte geschlossen werden sollen – wurde aber diese Woche gerettet.
Das ist sehr wichtig. Es ist schade, dass die Schülerzahlen zurückgehen, vor allem bei den einheimischen Schülern. Ich ging in Ftan vier Jahre ins Gymnasium und habe es in guter Erinnerung.

Waren Sie in einer Sportlerklasse?
Damals hatte es relativ wenige Sportler in der Klasse. Das ist in Davos anders. Für mich war das ziemlich anspruchsvoll: Den Unterricht und den Spitzensport unter einen Hut zu bringen, brauchte einige Disziplin. Geschadet hat es mir aber wohl nicht.

Können Sie sich vorstellen, ins Münstertal zurückzukehren?
In meiner jetzigen Lebensphase eher nicht. Was nach der Sportkarriere kommt, weiss ich nicht.

Sie sind 29. Machen Sie sich Gedanken über die Zeit danach?
Ich möchte noch ein paar Jahre Langlauf machen, aber zunehmend denke ich schon darüber nach, was nachher kommt.

Mit Ihren Erfolgen haben Sie für längere Zeit keine finanziellen Sorgen . . .
Arbeiten werde ich schon noch müssen! Aber ich kann mich sicher glücklich schätzen, dass ich mit Langlauf bislang gut verdient habe.

Sie sind Botschafter für die Tourismusdestination Davos-Klosters. Haben Sie deswegen Reaktionen aus dem Münstertal erhalten?
Selber nicht. Es gibt aber sicher immer Leute, die damit nicht zufrieden sind. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich dem Münstertal etwas schuldig bin. Das Tal profitiert von mir, auch wenn ich nicht offizieller Botschafter bin. Mein Engagement für Davos stimmt für mich, ich finde da eine gute Umgebung vor, um meinen Sport auszuüben.

Man hat den Eindruck, die Konkurrenz zwischen den Bündner Tälern sei stärker als der Zusammenhalt.
Da ist sicher etwas dran. Man gönnt sich gegenseitig nicht viel. Nach meinen ersten grossen Erfolgen kam immer die heikle Frage auf, welche Ortschaft für die Feier zuständig sei. Ich habe mich da jeweils rausgehalten. Man kann ja auch miteinander reden und gemeinsam etwas machen.

Als bekannter Wintersportler sind Sie auch Werbeträger für den Schweizer Tourismus. Dieser leidet derzeit unter dem starken Franken. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Natürlich nehme ich das wahr und hoffe, dass sich der Schweizer Tourismus gegen die Konkurrenz aus den Nachbarländern behaupten kann.

Was könnte man tun, um die Attraktivität zu steigern?
Man kann da und dort sicher das Angebot verbessern. Ein Beispiel: Ich mache zum Abschalten regelmässig für ein paar Tage Wellness-Urlaub. Dabei reise ich manchmal ins nahe Ausland, auch weil man in der Schweiz kaum vergleichbare Angebote findet.

Sie haben sich für die Olympiakandidatur 2022 eingesetzt, die vom kantonalen Stimmvolk gestoppt wurde. Inzwischen wird über ein neues Bündner Olympiaprojekt nachgedacht. Würden Sie es wieder unterstützen?
Ich bin überzeugt, dass Olympische Spiele die Region weiterbringen würden – gerade, was den Tourismus angeht. Wenn man konkurrenzfähig bleiben will, muss man auch investieren. Es wäre zu einfach, alle Probleme einzig auf den starken Schweizer Franken zu schieben.

Wo würden Sie investieren?
Mit Olympischen Spielen wäre viel verbunden: Hotels, Verkehrs- oder Sportinfrastruktur würden profitieren. Gerade im Sport sollte die Schweiz in die Zukunft investieren. In vielen Sportarten sind die Erfolge mehr einzelnen Ausnahmetalenten zu verdanken als einem guten System.

Der Langlauf wurde Ihnen im Alpin-Land Schweiz nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Warum sind Sie nicht Abfahrer geworden?
Vielleicht zeigt sich da die Eigenschaft des Münstertalers, etwas zu machen, was die andern nicht unbedingt machen (lacht). Ich habe als Kind allgemein viel Sport gemacht, habe Fussball gespielt und bin auch alpin gefahren. Irgendwie bin ich dann beim Langlauf hängengeblieben. Ich habe zwar bald gemerkt, dass ich dafür ein gewisses Talent mitbringe. Aber es ist nicht so, dass ich mit 12 schon voll auf Langlauf gesetzt hätte.

Ihre Eltern stammen beide aus Italien. Kam es für Sie nie infrage, für Italien zu starten?
Fussball habe ich vor allem in Südtirol gespielt. Wer weiss, wie es herausgekommen wäre, wenn ich da weitergemacht hätte . . . Im Langlauf war es aber nie ernsthaft ein Thema, obwohl mir der italienische Verband als Junior einmal eine staatliche Sportlerstelle anbot. Das wäre attraktiv gewesen, aber ich fühle mich als Schweizer.

Sie stammen eher aus einfachen Verhältnissen, aber eine Langlauf-Karriere als Junior kostet einiges. Haben Ihre Eltern dafür auf vieles verzichtet?
Sicher. Vor allem haben sie viel Zeit aufgewendet, um uns Kinder zu unterstützen und mit uns zu den Rennen zu fahren. Aber wenn man meine Eltern fragt, würden sie das nicht als Verzicht bezeichnen.

Sie waren schon Schweizer des Jahres und Sportler des Jahres. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?
Das sind schöne Auszeichnungen – auch weil man sie durch die sportliche Leistung nur teilweise beeinflussen kann. Gerade bei der Wahl zum Schweizer des Jahres, die für mich etwas überraschend kam, kommt es auch darauf an, ob man als Mensch sympathisch wirkt.

Sie ganz besonders, aber auch die Bündner generell sind im Rest der Schweiz sehr beliebt. Woher kommt das?
Die Bündner sind halt einfach gute Typen! (lacht) Vielleicht liegts am Dialekt? Wir suchen das ja nicht, aber es ist natürlich schön, wenn man gut ankommt.

Im kommenden Winter gibt es weder Weltmeisterschaften noch Olympische Spiele. Welche Ziele bleiben da noch?
Der Gesamtweltcup und die Tour de Ski haben diese Saison dafür umso mehr Gewicht, dazu haben wir im Weltcup in Davos und Lenzerheide gleich fünf Rennen in Graubünden. Als Athlet brauche ich nicht jedes Jahr eine grosse Meisterschaft.

Haben Sie nie Mühe, sich für ein Training zu motivieren?
Es gibt sicher solche Tage, aber damit lernt man auch umzugehen. Im Langlauf braucht es nun mal viel Training, da geht man halt auch raus, wenn man mal keine Lust hat. Einen kleinen Durchhänger gibts bei mir nur jeweils nach der Saison. Die Motivation ist noch voll da.

Sieht Ihr Programm gleich aus wie in früheren Jahren, oder probieren Sie etwas Neues aus?
Die grösste Änderung sind längere Blöcke mit Höhentraining. Wie mein Körper darauf reagiert, wird sich zeigen.

Wie sind Sie mit Ihrem Formstand zufrieden?
Ich bin sicher weiter als vor einem Jahr zum gleichen Zeitpunkt. Ich konnte mehr oder weniger nach Plan trainieren – wegen einer Verletzung am Daumengelenk zuletzt mehr zu Fuss als auf Rollski.

Und die Touristen aus dem Unterland lassen Sie in Ruhe trainieren?
Das ist überhaupt kein Problem. Ich werde auf der Strasse zwar regelmässig angesprochen, aber ein Selfie liegt schon mal drin. Und im Training bin ich meistens schon vorbei, bis die Leute mich erkannt haben.

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