Da, wo Sepp Blatter auf diesem Planeten landet, stehen Limousinen bereit, werden ihm, so er es wünscht, Staatsempfänge bereitet und die teuersten Hotel-Suiten anerboten. Gekrönte und demokratisch gewählte Staatsoberhäupter huldigen ihm, und selbst der Papst weiss, wer Sepp Blatter ist. Wann immer Sepp Blatter etwas sagt, geht ein Rauschen durch die globalen Medien. Kritik kümmert ihn nicht. Es ist, als sei er die zweite Persönlichkeit neben dem Papst mit einem Unfehlbarkeits-Dogma.

Urs Leutert hingegen kennt ausserhalb der Schweiz niemand. Die Türen, die Sepp Blatter öffnet, bleiben ihm verschlossen. Wenn er in New York oder Kapstadt oder Sydney oder Peking am Flughafen ankommt, muss er sich den Chauffeur selber organisieren. Wenigstens zahlt unser Staatsfernsehen die Spesen. Wie kann es sein, dass dieser Mann in unserem Sport mächtiger ist als Sepp Blatter, der sich für den König der Welt hält?

Urs Leutert ist als TV-Sportchef Herr über die laufenden Bilder in unserem Staatsfernsehen. Im 21. Jahrhundert gilt für jeden Sport: Wir kommen im Staatsfernsehen, also sind wir. Präsenz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist unabdingbare Voraussetzung für die öffentliche Wahrnehmung und die Voraussetzung, um Werbegelder zu finden und eine Sportart weiterzuentwickeln. Die TV-Präsenz ist der Sauerstoff des Sportgeschäftes. Besonders spektakulär hat sich dies 2013 beim Eidgenössischen Schwingfest in Burgdorf gezeigt. Ohne das Schweizer Staatsfernsehen wäre es nicht möglich gewesen, dass sich ein Schwingfest zu einem nationalen Sportereignis mit internationaler Ausstrahlung entwickelt. 2013 war in jeder Beziehung das erfolgreichste Eidgenössische seit der Gründung des Schwingerverbandes (1895).

Urs Leutert, der seine Karriere als fliegender Radioreporter begann, kommen aus drei Gründen historische Verdienste um unseren Sport zu.

Erstens hat er – und das wird gerne vergessen – die Sportabteilung im Schweizer Fernsehen unabhängig gemacht. Bevor er kam, war der Sport ein «Anhängsel» der Informationsabteilung. Diese Unabhängigkeit ist für unseren Sport existenziell geworden: Nur so hat der Sport genügend Sendezeit und nur so hat der TV-Sportchef die Mittel, um entsprechende TV-Rechte einkaufen zu können.

Zweitens ist Urs Leutert kein «Fussball-Taliban». In den meisten Ländern Europas leidet der Sport unter der totalen TV-Dominanz des Fussballs. Kein anderes Land hat eine so buntscheckige, vielfältige und reiche Sportkultur wie die Schweiz. Wir sind in den verschiedensten Sportarten – Fussball, Eishockey, Tennis, Unihockey, Mountainbike, Radrennen, Tennis, Motorradrennsport, Skisport – erfolgreich. Auch und gerade deshalb, weil so viele Sportarten vom Staatsfernsehen ins Bild gerückt werden, weil wir eben auch eine so buntscheckige, vielfältige und reiche TV-Sportkultur haben. Niemand hätte etwas sagen können, wenn sich unser Fernsehen damit begnügt hätte, vom Eidgenössischen Schwingfest eine Teilaufzeichnung am Sonntagabend zu bringen. Dank einer schlichtweg grossartigen TV-Produktion und zweitägigen TV-Direktübertragungen ist das Eidgenössische Schwingfest inzwischen zu einem nationalen Sportfest geworden. Und ohne die TV-Direktübertragungen der Töff-GP gäbe es die Karrieren von Tom Lüthi und Dominique Aegerter nicht.

Drittens hat Urs Leutert den Angriff des Privatfernsehens pariert und das Monopol des Staatsfernsehens geschickt verteidigt. Diese Monopolstellung ist wichtig, um die Mittel und die Sendezeit zu erhalten – ein Schweizer Fernsehen, das beispielsweise die besten Fussball- oder die Olympia-TV-Rechte ans Privatfernsehen verliert, kann den übrigen Sportarten nicht mehr die gleiche Bühne bieten und die gleichen Entschädigungen für TV-Rechte bezahlen. Dabei hat sich Urs Leutert im Laufe der letzten zwei Jahre in monatelangen Verhandlungspokerspielen, die in jedes Lehrbuch aufgenommen werden sollten, gegen den Bezahlsender Teleclub die attraktivsten TV-Rechte am Schweizer Fussball und am Schweizer Eishockey gesichert. Teleclub überträgt zwar alle Meisterschaftsspiele und hat damit eine starke Position. Aber die besten Partien der nationalen Meisterschaft und der internationalen Konkurrenzen sind sowohl im Fussball als auch im Eishockey live im Staatsfernsehen zu sehen.

Urs Leutert setzt seine Machtfülle als TV-Monopolist zum Wohle des gesamten Schweizer Sportes ein und ist der erste Gärtner dieser weltweit einmalig erfolgreichen Sportkultur. Was aber hat Sepp Blatter, der König der Welt, im letzten Jahr, in den letzten Jahren für die Entwicklung unserer Sportkultur getan? Als Denis Oswald IOC-Präsident werden wollte, bekam er jämmerliche vier Stimmen. Das heisst: Entweder hat Sepp Blatter als IOC-Mitglied im IOC null Einfluss – oder er hat bewusst dafür gesorgt, dass Oswald abstürzte. Wo war Sepp Blatter bei der Olympia-Kandidatur der Schweiz für die Spiele von 2022? Wo war er, als es darum ging, in Zürich ein Fussballstadion zu bauen? Da hätte er doch kraft seines Amtes als mächtiger Fürsprecher auftreten, diplomatisch schlau die Werbetrommel rühren, Polemiken entfachen, kurzum, etwas bewegen können. Er hätte, anders als Urs Leutert als Vertreter eines öffentlich-rechtlichen Unternehmens unter einem Art «Nichteinmischungs-Bann», auf politischem Parkett lustvoll parteiisch sein dürfen.

Oder, um es polemisch zuzuspitzen: Ohne Sepp Blatter wäre unser Sport genauso erfolgreich. Ohne Urs Leutert hingegen bei weitem nicht. Deshalb ist Urs Leutert diesmal die Nummer eins. Vor Sepp Blatter.

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