VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL

Angela Merkel hielt nichts mehr auf ihrem Schalensitz. Die rührige Bundeskanzlerin hüpfte ihre Reihe der Ehrentribüne rauf und runter. Und egal, ob nun Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma oder Fifa-Präsident Joseph Blatter: Sie alle wurden zum Ziel von Merkels Charme-Offensive. «Das war einfach überwältigend. So etwas ist ein Traum», sagt Merkel. «Wie diese junge Mannschaft ihre Chancen genutzt hat, hat mich einfach nur begeistert. Deutschland hat hier etwas Wunderbares geschafft. Da wird mir warm ums Herz.»

Da passt es ins Bild, dass die Mannschaft von Joachim Löw ebenso unbeschwert, optimistisch und spielfreudig auftritt wie die Kanzlerin. Oder wenn Captain Philipp Lahm wieder einmal in die Mikrofone schwärmt, dass er noch nie in einer besseren Nationalelf gespielt habe. Belächelt wurde er, als er dies schon vor Turnierbeginn geäussert hat. Doch nun fürchtet sich die Welt mehr vor diesen Deutschen als zu Zeiten, als sie mit Rumpelfussball Rasen und Gegner umgepflügt haben.

Das Bild vom deutschen Panzer ist längst vergilbt. Deutschland ist jung, dynamisch, offensiv und vor allem sympathisch, was nicht nur in der Jugendlichkeit des Teams gründet. Dafür brauchte es einen positiv verrückten Trainer wie Löw, der vor dem Turnier heftig dafür kritisiert wurde, dass er die Routiniers Thorsten Frings und Kevin Kuranyi zu Hause gelassen hatte. Doch Löw hatte einen Plan, der auf dem Feld Tempo, Dominanz, Fairness und Spielfreude vorsieht. Daneben Respekt, Teamgeist und Demut. Dafür konnte er keinen Kuranyi und keinen Frings gebrauchen. Und wahrscheinlich war es im Nachhinein sogar ein Segen, dass sich Leithammel Michael Ballack zum Saisonende verletzt hatte.

Ohne Ballack spielt die Mannschaft dynamischer. Ohne Ballack gibt es für einzelne Spieler Raum zur Entfaltung. Allen voran für Bastian Schweinsteiger. Was der bald 26-Jährige an dieser WM zeigt, ist absolute Weltklasse. Läuferisch, spielerisch, taktisch. Schweinsteiger ist der Maestro im Spiel und dient wie kein anderer als Symbol dieser berauschend spielenden Mannschaft. Er führt die Mannschaft nicht mit lauten Tönen und wilden Gesten. Sondern mit Reife, Teamspirit, und vor allem mit Leistung. Immer ballorientiert. Stets darauf bedacht, selbst in kritischen Situationen eine konstruktive Lösung zu finden.

Phänomenal. Wie er vor dem 3:0 durch Friedrich der Reihe nach Di Maria, Pastore und Higuain austanzte, weckte Erinnerungen an Diego Maradonas Jahrtausend-Solo von 1986 gegen England. Es gibt an dieser WM keinen Mittelfeldspieler, der Schweinsteiger auf Augenhöhe begegnen könnte. Der Bayern-Star ist der Überflieger, ohne dabei selber abzuheben. «Wir haben mit England und Argentinien zwei gute Mannschaften geschlagen. Doch man will immer mehr», sagt er.

Dass Schweinsteiger ein guter Fussballer ist, weiss man schon seit Jahren. Dass er aber bereits das Potenzial hat, eine Mannschaft zum WM-Titel zu führen, erstaunt. Doch die Geschichte einer wunderbaren Auferstehung schreiben andere.

Miroslav Klose ist in der abgelaufenen Saison bei Bayern München wie ein geprügelter Hund über den Rasen geschlichen, falls er sich überhaupt einmal von der Ersatzbank erheben durfte. Wenn wir ihn heute an der WM sehen, kommt der Verdacht auf, dass Klose seinen Zwillingsbruder für ein Jahr zu den Bayern geschickt hat, während er Urlaub genoss. «Klose hat herausragende Qualitäten, an denen ich nie gezweifelt habe», sagte Joachim Löw. Gestern gegen Argentinien setzte Klose seinen beeindruckenden WM-Steigerungslauf fort und erzielte seine Tore Nummer 13 und 14. Arne Friedrich ist mit Hertha in desaströser Manier abgestiegen.

An der WM sehen die Deutschen aber einen komplexfreien, zweikampfstarken Friedrich. Vom Bettler zum König. Weshalb nun einer der besten Innenverteidiger des Turniers Friedrich I. gerufen wird. Und in Südafrika findet er sogar den Weg zum Tor. Das 3:0 gegen Argentinien nach atemberaubender Vorarbeit von Schweinsteiger war Friedrichs erster Länderspieltreffer. «Wir haben nur noch das eine Ziel vor Augen», sagte er. Oder Lukas Podolski. Zwei mickrige Saisontreffer erzielte er für den FC Köln. Doch unter Löw wurde aus der Karnevalsfigur wieder Prinz Poldi.

Wie ein Märchen mutet hingegen die Geschichte von Thomas Müller an, der im letzten Jahr noch auf den holprigen Plätzen der Regionalliga Süd gespielt hat. Doch eine Saison bei den Bayern-Profis reichte, um Löw zu überzeugen. Und dieser wird nun für seinen Mut belohnt, auf einen 20-Jährigen zu setzen, der vor der WM erst zwei Länderspiele bestritten hat. Gestern sorgte er mit dem Kopfballtreffer zum 1:0 für den schnellsten WM-Treffer einer deutschen Nationalmannschaft seit 1978. Doch eine halbe Stunde später wurde er zum tragischen Helden. Nach einem Zweikampf mit Lionel Messi prallte der Ball an Müllers Oberarm.

Der usbekische Schiedsrichter Irmatov zeigt Gelb – der vierfache WM-Torschütze Müller ist nun für den Halbfinal vom Mittwoch gegen Spanien gesperrt. «Der Ausfall wird schwer wiegen», sagte Löw. Doch das war der einzige Wermutstropfen, den der Bundestrainer schlucken musste. Ansonsten überwog die Genugtuung über die berauschende Darbietung seiner Mannschaft: «Die Mannschaft war getrieben von einem unglaublichen Ehrgeiz. Wenn man gesehen hat, mit welcher Kraft und mit welchem Tempo sie Druck und die Tore herausgespielt hat, war das absolute Weltklasse. Aber es ist wichtig, dass wir emotional nicht überdrehen»