den Finnen Anssi Koivuranta.
Über fehlendes Glück durfte sich Simon Ammann gestern nicht beklagen. Just als der vierfache Olympiasieger vom Schanzentisch abhob, wehte ihm der Wind vom Tal her entgegen und bot ihm ein Luftpolster, das er zu nutzen wusste. Der 32-Jährige landete nach 133,5 Metern – eine Weite, die von keinem Konkurrenten übertroffen werden sollte. Wenige Augenblicke zuvor war der Österreicher Wolfgang Loitzl von einer Böe erfasst worden und hatte einen Sturz nur mit viel Akrobatik verhindern können.

Vom grossen Föhnsturm, der im Vorfeld befürchtet worden war, wurde das dritte Tourneespringen in Innsbruck zwar verschont. Dennoch wurde der Wind zum Hauptakteur eines Wettkampfs, in dem der Fairness-Begriff aufgrund ständig wechselnder Verhältnisse arg strapaziert wurde. Die Turbulenzen im Luftraum über dem Bergisel-Stadion waren schliesslich auch dafür verantwortlich, dass der Finaldurchgang nach 21 von 30 Springern abgebrochen werden musste. Als es nach wiederholten Verzögerungen wegen zu starken Windes einzudunkeln begann, wurde das Ergebnis des ersten Durchgangs zum Schlussresultat erklärt.

Dort hatte Ammann von den drei Anwärtern auf den Gesamtsieg der Vierschanzentournee deutlich die besten Verhältnisse vorgefunden. Die beiden Österreicher Thomas Diethart und Thomas Morgenstern, die unmittelbar nach dem Schweizer über die Schanze gingen, mussten mit deutlich weniger Aufwind (Diethart) beziehungsweise Rückenwind (Morgenstern) vorlieb nehmen und sprangen entsprechend kürzer – ein Nachteil, der durch die Windkompensationspunkte nur ungenügend ausgeglichen wurde.

Der grosse Leidtragende war Morgenstern, der nach übereinstimmendem Urteil der Experten einen Sprung von Weltklasse-Qualität zeigte, damit bei den äusseren Bedingungen im entscheidenden Augenblick aber chancenlos war. Mit Rang 8 konnte der Tourneesieger von 2011 den Schaden zwar noch in Grenzen halten, musste im Kampf um den Gesamtsieg aber doch einen empfindlichen Rückschlag hinnehmen, während Ammann seinen Rückstand auf Leader Diethart um 3,6 Punkte verringern konnte. Letzterer geht nun mit einem Polster von 9,4 Punkten oder umgerechnet rund fünf Metern ins abschliessende Springen von morgen in Bischofshofen. Morgenstern darf sich als Dritter zwar noch Hoffnungen auf den Tourneesieg machen, seine Hypothek beträgt allerdings bereits 15,4 Punkte.

«Ich bin mit diesem Resultat sicher gut bedient», sagte Simon Ammann. «Ich hatte Glück, im richtigen Moment springen zu können. Ich kann mit einem positiven Gefühl nach Bischofshofen reisen.» Dies ist umso wertvoller, als Ammann die Anlage am Bergisel nicht zu seinen bevorzugten Schanzen zählt. «Bischofshofen liegt mir besser», sagte der Toggenburger. «Ich hoffe, dass der Wettkampf dort bei fairen Bedingungen stattfinden kann.»

Nach drei Vierteln der Tournee stehen die Chancen für Ammann so gut wie noch nie zuvor, den Traditionsanlass erstmals in seiner Karriere gewinnen zu können und damit die letzte grosse Lücke in seinem Palmarès zu schliessen. Seine gute bisherige Bilanz in der letzten Tourneestation weckt Hoffnung.

Um sich den Traum vom Gesamtsieg zu erfüllen, muss Ammann wohl allerdings dennoch mit der Vergangenheit brechen. Noch nie hat der Toggenburger ein Weltcupspringen auf österreichischem Boden gewinnen können. Angesichts der exzellenten Form seiner beiden Widersacher dürfte der Tourneesieg in Bischofshofen nur über den Tagessieg führen.

Diesen sicherte sich gestern in Innsbruck überraschend der Finne Anssi Koivuranta. In Garmisch hatte sich Simon Ammann noch darüber gewundert, dass Koivuranta im Final nach ihm antreten durfte, nun stand er am Ende gar neben ihm auf dem Podium. Der 25-Jährige sprang bei ähnlich guten Verhältnissen nur einen Meter kürzer als Ammann. Dank besserer Haltungsnoten setzte sich Koivuranta jedoch vor Ammann und Weltmeister Kamil Stoch (Pol) durch, der die Weltcupführung damit vor dem Schweizer behauptete.

Für Koivuranta war es der erste Weltcupsieg als Skispringer. Gänzlich neu war die Situation für ihn dennoch nicht. In der Saison 2008/09 hatte Koivuranta sieben Weltcupsiege in der Nordischen Kombination gefeiert und in der Folge auch den Gesamtweltcup für sich entschieden. Ein Jahr später wechselte er zu den Spezialspringern, nachdem er im Sommer wegen einer Krankheit kaum Langlauf-Training hatte absolvieren können.

In Innsbruck nutzte Koivuranta die Gunst der Stunde und profitierte auch davon, dass der Finaldurchgang abgebrochen wurde. Ärgerlich war dies hingegen für Gregor Deschwanden (19.). Der 21-jährige Luzerner erwischte zweimal guten Wind und packte seine Chance. Mit einem Satz auf 129,5 m gelang ihm im Final die grösste Weite der 21 Gestarteten und durfte zum Zeitpunkt der Annullierung noch auf das zweite Top-Ten-Ergebnis seiner Karriere hoffen. Nachdem er den Einzug in den Final in Oberstdorf und in Garmisch zweimal knapp verpasst hatte, durfte sich Deschwanden immerhin mit den ersten Weltcuppunkten an dieser Tournee trösten. Trotz zwei gelungenen Sprüngen blieb die klare Nummer 2 im Schweizer Team selbstkritisch: «Der Absprung ist mir gelungen, doch bei der Skiführung in der Luft habe ich noch Verbesserungspotenzial.»

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