DER WEISSE MANN KOMMT NACH AFRIKA

Ich habe gestaunt, wie schnell und unkompliziert ich bei der Eröffnungsfeier in Johannesburg ins Stadion gekommen bin. Da gibt es bei gewissen Spielen in der Bundesliga mehr Probleme. Und in Südafrika habe ich eine Eröffnungsfeier gesehen, die stimmungsmässig ein herausragendes Ereignis war. Wenn es nicht diesen tragischen Unfall gegeben hätte und auch noch Nelson Mandela im Stadion gewesen wäre, dann wäre in dieser Hütte wohl das Dach weggeflogen.

Diese erwartungsfrohen und fröhlichen Menschen haben mich begeistert. Und sie haben mich gleichzeitig auch zum Nachdenken angeregt. Was haben wir im Vorfeld dieser WM nicht alles für Bedenken geäussert? Mal waren die Stadions zu gross, mal waren die Stadien zu klein, mal wurde das totale Verkehrschaos prognostiziert, mal war die Sicherheit wieder ein Thema.

Ich will nicht sagen, dass es hier keine Probleme gibt, und ich will auch nichts verharmlosen. Aber wenn man hier die Freude und den Stolz spürt, wenn man diese Menschen erlebt, die ihr Land mit so viel Enthusiasmus der Welt präsentieren und die beweisen wollen, dass auch Afrikaner einen solchen Anlass organisieren können, dann kommt man schon ins Grübeln.

Und denkt an die all die Bedenkträger und selbstherrlichen Schlaumeier in Europa, die den Afrikanern schon vor dem ersten Kick ihre Fehler vorhalten und krampfhaft nach Missständen suchen. Es kommt mir irgendwie vor wie früher: Der weisse Mann kommt nach Afrika und erklärt allen, wie es geht und wie es zu laufen hat.

Offenbar haben wir da aus der Geschichte nicht viel gelernt. Die Bedenkträger säen Misstrauen, statt ohne Vorurteile und ohne Mäkelei diese WM-Endrunde einmal zu erleben. Auf einem Kontinent, der diese WM verdient. Und in einem Land, das sich in den letzten Jahrzehnten neu definiert hat. «Vor zwanzig Jahren hatten wir ja praktisch keine Züge in die Städte hinein, weil man gar nicht wollte, dass die Schwarzen in die Städte kommen», hat mir jüngst ein Einheimischer erklärt.

Vor vier Jahren gab es das deutsche Sommermärchen. Man kann nicht einfach ein afrikanisches Sommermärchen erwarten. Aber auch diese WM hat eine historische Dimension. Nicht nur weil sie erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet. Sondern weil sie in einem Land stattfindet, das der Welt beweisen will, dass es hier keine Rassendiskussion mehr gibt. So wie Deutschland vor vier Jahren der Welt beweisen wollte, dass man auch in Deutschland wieder einen gewissen Patriotismus ausleben darf und kann, ohne gleich chauvinistisch zu werden. Man darf die Probleme nicht ausblenden, Südafrika hat noch einen langen Weg vor sich. Aber man muss diesem Land und dieser WM mehr Vertrauen entgegenbringen. Fussball kann die Welt nicht verändern. Aber er kann sie erträglicher machen.

Sportlich hat mir der Auftakt gefallen, das Spiel Frankreich-Uruguay war sogar richtig gut. Man hat zwar keine Tore, aber trotz allem phasenweise wunderbaren Fussball gesehen. Jetzt bin ich gespannt auf die ersten Auftritte der Schweizer und der Deutschen. Mit Alex Frei und Michael Ballack könnte ja bei beiden Mannschaften der Leithammel ausfallen. Das ist kein Problem und ist sportlich zu verkraften, solange es der Mannschaft einigermassen läuft. Aber wenn der Wind von vorne bläst, dann sind solche Führungsfiguren halt schon sehr wichtig. Beim deutschen Team ist es so, dass einige Spieler froh sind, dass Ballack nicht dabei ist. Solche Ausfälle können auch die Solidarität innerhalb der Mannschaft stärken.

Ich freue mich auf diese WM und ich hoffe, dass die Südafrikaner die Gruppenspiele überstehen. Vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft hat man ja erlebt, dass ein frühes Ausscheiden der Gastgeber schon empfindlich auf die Stimmung drückt. Wer für mich die heissesten Anwärter und die Teams mit den besten Aussenseiterchancen sind, das verrate ich Ihnen am nächsten Sonntag.

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