Man nennt ihn auch den Clown mit dem traurigen Gesicht. Und da war er wieder, dieser Gesichtsausdruck. Mit dem markanten Kinngrübchen, dem leicht geöffneten Mund, den verzerrten Lippen und der Zornesfalte auf der Stirn. Cadel Evans presste auf den letzten Metern des 42,5 Kilometer langen Zeitfahrparcours in Grenoble noch einmal alles aus seinem Körper heraus. Im Wissen, dass die Erfüllung eines lang gehegten Traums bevorsteht. Der Australier liess seinen beiden vor ihm klassierten Luxemburger Kontrahenten, Andy und Fränk Schleck, im Kampf gegen die Uhr keine Chance. 1 Minute und 32 Sekunden beträgt der Vorsprung des BMC-Fahrers vor der heutigen, 95 Kilometer langen Paradefahrt in Richtung Champs-Elysées auf Andy Schleck. Wird er nicht noch schwer krank oder in einen gravierenden Sturz verwickelt, dann wird Cadel Evans heute Nachmittag in Paris als erster Tour-de-France-Sieger aus Australien in die Geschichte eingehen.

In seiner Heimat war es gestern schon weit nach Mitternacht, als Evans in Grenoble die Ziellinie überquerte. Trotzdem fieberte eine ganze Nation mit dem Mann mit den markanten Gesichtszügen mit und durfte schliesslich mit ihm jubeln. Es spricht für den stets zurückhaltend auftretenden Aussie, dass er den Tag noch nicht vor dem Abend loben mochte: «Das Rennen ist erst zu Ende, wenn ich in Paris die Ziellinie überquert habe. Ich hoffe, dass es nicht regnet.» Dieses von Vorsicht geprägte Understatement passt perfekt zum 34-Jährigen, der während Jahren seinen Ruf als «ewiger Zweiter» kultivierte. 2007 und 2008 hatte er den Tour-Triumph jeweils nur um Sekunden verpasst.

Der grosse Sieg im wichtigsten Radrennen der Welt bedeutet für Cadel Evans so etwas wie das Ende einer langen Leidenszeit. Trotz seiner beiden zweiten Plätze an der «Grande Boucle» wurde ihm im Peloton und auch in der Öffentlichkeit ausserhalb seiner Heimat kaum einmal der Respekt entgegengebracht, den er verdient hätte. Dafür ist seine Persönlichkeit zu undurchsichtig und verschlossen, sein Fahrstil zu verkrampft und defensiv. Er war eigentlich immer nur dafür bekannt, bei den Kontrahenten am Hinterrad zu kleben und selbst nie in die Offensive zu gehen, was ihm auch den despektierlichen Übernamen «Hinterradlecker» einbrachte.

Auch der Oltner Radprofi Thomas Frei, der im BMC-Team einige Monate eng mit Cadel Evans zusammenarbeitete, hatte seine Vorurteile, die er aber schnell über Bord warf, als er ihn als Teamkollegen besser kennenlernte. «Alle hatten das Gefühl, dass er ein spezieller Typ ist. Doch ich stellte schnell fest, dass er ein sehr herzlicher und hilfsbereiter Mensch ist. Das Gegenteil von dem, was ich immer gedacht hatte.» Frei betont auch, dass Evans unheimlich «professionell, konzentriert und fokussiert ist». Er sei ein Mann, der nichts dem Zufall überlasse. Und Frei erinnert sich daran, dass Evans immer an den grossen Triumph glaubte: «Er sagte: ‹Auch wenn ich der Einzige auf der Welt bin, der daran glaubt, dass ich die Tour de France gewinne: Ich gewinne sie.›»

Dass der Mann von Down Under den finalen Zeitfahrparcours im Dauphiné Libéré bereits einmal rennmässig befahren hatte und schon vorher mehrmals gründlich inspiziert hatte, machte vielleicht den entscheidenden Unterschied aus. Umso mehr, wenn man sieht, wie sich die Schlecks mehr schlecht als recht vorbereiteten. Der Mannschaftsbus des Leopard-Trek-Teams war auf dem Weg nach Grenoble in einen Stau geraten und kam erst spät zur Wettkampfstätte. Zu spät, um noch eine seriöse Inspektion vornehmen zu können. Womit auch das schwache Abschneiden von Fabian Cancellara erklärt wäre. Ohne genaue Streckenkenntnis blieb der Schweizer Zeitfahrspezialist chancenlos und wurde mit 1:42 Minuten Rückstand auf Sieger Tony Martin (De) nur Achter.

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