Von Markus Brütsch aus Salvador

Ist es das Ende dieser Fussball-Weltmeisterschaft? Hat Juan Camilo Zúñiga mit seinem Tritt den Stecker aus einem Turnier gezogen, das zuvor so mitreissend und begeisternd war?

«Brasilien ist kaputt», sagt der Mann am Zeitungsstand und zeigt mit dem Daumen nach unten. Am Tag nach dem üblen Foul von Kolumbiens Zúñiga im Estádio Castelão in Fortalza steht nicht nur die Seleção unter Schock. Ein ganzes Land kämpft gegen die Tränen der Ohnmacht und die mitgefühlten Schmerzen von Neymar. Die Freude über den hart erkämpften und wenig erspielten 2:1-Sieg über Kolumbien ist vernebelt. Die Vorfreude auf den Halbfinal am Dienstag gegen Deutschland in weite Ferne gerückt. «Als ich in den Zweikampf gegangen bin, habe ich an nichts Böses gedacht», sagte Zúñiga, «ich hoffe, dass er sich mit Gottes Hilfe erholt.» Und Staatspräsidentin Dilma Rousseff liess twittern: «Wie ganz Brasilien drücke ich die Daumen für Neymars Genesung.»

Ein frommer Wunsch. Videobilder zeigen, wie der schmerzgepeinigte Neymar nach dem Transport aus dem Stadion auf einer Bahre ins Spital São Carlos getragen wird. Nach einer Tomographie verkündete Rodrigo Lasmar schliesslich eine niederschmetternde Diagnose. «Bei Neymar wurde eine Fraktur des dritten Lendenwirbels festgestellt. Es handelt sich zwar um einen Bruch mit einer guten Prognose», sagte der Mannschaftsarzt, «allerdings wird er nicht mehr in der Lage sein, bei dieser WM zu spielen. Es braucht ein paar Wochen der Ruhigstellung.» Am Samstag zeigte das brasilianische Fernsehen dann Bilder, wie Neymar in einen Helikopter gebettet wird, um danach zu seinem Haus in Guaruja geflogen zu werden.

Neymars Fehlen kommt für die Teamkollegen einem wuchtigen Hammerschlag gleich. «Wir sind abhängig von Neymar», gab Captain Thiago Silva, im Halbfinal wegen einer selten dämlichen gelben Karte der zweite gravierende Ausfall der Seleção, zu. «Zúñiga ist kein schlechter Kerl, ich kenne ihn aus meiner Zeit in Italien. Aber er hat leichtfertig gehandelt.» Julio Cesar, der Goalie, sagte: «Ich kann gar nicht fassen, dass Neymar nicht spielen kann. Wenn ich könnte, würde ich ihn in die Arme nehmen.»

Mit Neymar hat Brasilien seine überragende Nummer 10, sein Herz, seine Seele und einen grossen Teil seiner Hoffnungen auf den so ersehnten Titelgewinn im eigenen Land verloren. Mit dem 22-jährigen Ausnahmekönner, der ein starkes Turnier gespielt und vier Tore geschossen hat, ist der Copa am Freitagabend nach Kolumbiens James Rodriguez eine ihrer ganz grossen Attraktionen abhanden gekommen. «Es gibt keine Hoffnung, Brasilien ist tot. Ohne Neymar, ohne Thiago Silva – das geht nicht», sagt der Zeitungsverkäufer.

Die Tragödie um Neymar erinnert auch ein bisschen an 1966, als bei der Weltmeisterschaft in England der grosse Pelé von den Portugiesen so lange wie Freiwild gejagt wurde, bis er nicht mehr weitermachen konnte. «Man hätte mich besser schützen müssen», klagte er damals die Schiedsrichter und die Fifa an.

48 Jahre danach hat sich Neymar zwar noch nicht dahin gehend geäussert, dafür sein Trainer. «Mein wichtigster Spieler ist seit Beginn dieser WM gejagt worden», sagte Luiz Felipe Scolari. Und spricht dem früheren Schweizer Spitzenschiedsrichter Urs Meier aus dem Herzen. Dieser ist als Experte für das ZDF in Brasilien tätig und wählt harte Worte. «Der Ball wird zur Nebensache. Die WM wird zum Festival der Treter. Die Fifa ist dafür mitverantwortlich.» Urs Meier bemängelt insbesondere, dass die Messlatte für gelbe Karten viel zu hoch liege und die Grenze der Fairness deshalb zu oft überschritten würde. Juan Camilo Zúñiga hatte in der 88. Minute nach seinem Tritt mit dem Knie in Neymars Rücken vom spanischen Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo nicht einmal die gelbe Karte gesehen.

Die Statistik unterstützt Meiers Aussagen. Im Vergleich zu Südafrika ist die Anzahl gelber Karten deutlich gesunken. «Wenn man so viel toleriert, braucht man sich nicht über so viele Verletzte zu wundern», sagt Meier. Möglicherweise ist man bei der Fifa, wenn auch zu spät, zum selben Schluss gekommen und hat eine Untersuchung des Fouls an Neymar durch die Disziplinarkommission angekündigt. Was den Geschädigten auch nicht wieder spielfähig macht. «Mein Titel-Traum als Spieler ist geplatzt. Aber der Traum vom WM-Titel ist für Brasilien noch nicht vorbei», wurde Neymar auf der Internetseite des brasilianischen Fussball-Verbandes zitiert.

So bleibt den Brasilianern nicht viel anderes übrig, als langsam zu versuchen, in die Normalität zurückzufinden. Und die Herausforderung Deutschland mit einer Trotzreaktion anzugehen. «Wir wollen Weltmeister werden, um Neymar den Titel zu widmen», sagte Flügel Hulk. Die Zeitung «Lance» titelte: «Die Seleção wird ihr Blut für Neymar geben.»

Die WM ist nicht zu Ende, das nicht. Es gibt noch vier Spiele. Aber sie ist seit Freitag weniger schön.

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