In einer Sekunde kann alles vorbei sein. Es ist einer dieser Sätze, den Sportler vor wichtigen Anlässen gerne von sich zu geben pflegen. Diese Worte, die vermitteln sollen: Man kann noch so gut vorbereitet sein, noch so gute Arbeit abliefern, sich noch so gut in Form und nahezu unschlagbar fühlen – ein Moment der Unaufmerksamkeit, eine kleine Konzentrationslücke kann alles zunichtemachen.

Fabian Cancellara wird diese Worte in Zukunft vor jedem grossen Rennen mit Nachdruck gebrauchen. Denn das, was dem Schweizer Velostar gestern passiert ist, wird seine weitere Karriere mit Sicherheit prägen. Ein ganz profaner Fahrfehler, gefolgt von einem Sturz in die Abschrankungen, 20 Kilometer vor dem Ziel, raubte dem Ittiger alle Chancen auf den Sieg. Ja es kommt vielleicht noch schlimmer: Auch der Traum von der Titelverteidigung im Zeitfahren könnte geplatzt sein. Bei seinem Malheur fiel Cancellara genau auf die Schulter, auf die er schon im April an der Flandern-Rundfahrt gestürzt war und sich dabei das Schlüsselbein gebrochen hatte. Über sechs Stunden nach Rennende kam die Diagnose: Cancellara erlitt eine schwere Schulterprellung mit Einblutung in die Muskeln. Ob er im Zeitfahren vom kommenden Mittwoch starten wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen.

Dabei war alles so wunderbar gelaufen. Das Schweizer Strassen-Quintett hatte zuvor eine taktische Meisterleistung auf den olympischen Rundkurs gezaubert. Eine phänomenale Leistung, die fast zwingend in einer Goldmedaille für Fabian Cancellara hätte münden müssen. Michael Schär erwischte die allererste Fluchtgruppe und fuhr fast das ganze Rennen an der Spitze. Martin Elmiger war in der nächsten ernst zu nehmenden Gruppe mit dabei, dann Grégory Rast.

Schliesslich attackierte Fabian Cancellara im letzten der neun Aufstiege zum Box Hill und führte damit die erhoffte Selektion herbei. 32 Mann waren schliesslich vorne, darunter mit Cancellara, Albasini, Rast und Schär vier der fünf Schweizer. Besser hätte es nicht laufen können. Die Briten mussten für ihren Superstar Mark Cavendish von A bis Z Nachführarbeit verrichten und hatten schliesslich keine Chance, etwas gegen den von den Schweizern meisterlich ausgeführten Schlachtplan auszurichten.

Aber das alles wurde hinfällig, weil Fabian Cancellara ein Fahrfehler unterlief, den man sich von ihm schlicht und einfach nicht gewohnt ist. Ihm, einem der technisch besten Profis im Peloton. Kurz bevor er seine erste, geplante Attacke reiten wollte, blickte er kurz nach hinten, fuhr dann zu schnell in die folgende Kurve, verbremste sich und konnte den Sturz mit blockiertem Hinterrad nicht mehr verhindern. «Ich kann nicht verstehen, wie Fabian an dieser Stelle stürzen konnte. Wir haben am Freitag sicher acht Runden in diesem Park gedreht und haben jedes Mal gesehen, wie die Kurve am Ende zumacht. Es ist eine Riesenenttäuschung», sagte ein fassungsloser Michael Schär nach dem Rennen.

Der Luzerner sprach nach seinem gewaltigen Pensum vom «Tag meines Lebens. Ich war super motiviert, für die Schweiz zu fahren. Ich musste nur noch steuern.» Als er und seine Teamkollegen merkten, dass der Abstand zum von den Briten angeführten Feld immer grösser wurde, sei das besonders motivierend gewesen. «Irgendwann wussten wir: Wir sind stärker als Grossbritannien. Das wäre heute eine echte Teammedaille gewesen. Wir haben alles gemacht, was wir wollten. Wir haben uns gegenseitig angespornt, als wir vorne die Führungsarbeit verrichteten. Das hat richtig Spass gemacht.»

Nationaltrainer Luca Guercilena hatte seine Fahrer am Abend vor dem Rennen mit einer Ansprache und einem extra zusammengeschnittenen Film noch bis in die Haarspitzen motiviert: «Er hat uns vor dem Rennen gesagt: Wenn wir ins Ziel kommen und nicht wirklich alles gegeben haben für die Schweiz, dann haben wir etwas falsch gemacht. Wir können uns in dieser Hinsicht nichts vorwerfen», unterstrich Schär und fügte an: «Fabian ist so locker gefahren: Der hätte mit Sicherheit gewonnen.»

Doch statt einer rauschenden Feier im Teamhotel blieb den heldenhaft gefahrenen Schweizern am Ende nur die Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben. Schade, dass der, der in der Regel sonst auch alles richtig macht, gestern alles verloren hat. Das ist die bittere Moral dieses olympischen Dramas, welches die emotionalen Hochs und Tiefs des Sports in seiner ganzen Bandbreite zutage gebracht hat. «Die Tränen sind stärker als die Schmerzen», twitterte Fabian Cancellara später am Abend. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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