VON MICHELE COVIELLO

Der erste Zug einer Schachpartie hat Gewicht. Er legt den Grundstein zum Erfolg. Christian Constantin, Präsident des FC Sion, geht nach dem gleichen Prinzip in eine Begegnung. Er baut Spannung auf, lässt sich Zeit bis zum Beginn der Konversation. Zur Begrüssung wählt er keine Floskel. Wortkarg drückt er die Hand und dreht sich wieder ab.

Vom Restaurant seines Hotels Port d’Octodure in Martigny führt er durch die Réception in die anliegenden Räume seines Architekturbüros. Sein voluminöses Haar weht durch das Foyer aus schwarzen Marmorböden und weinroten Wänden. Constantin lässt in den Sitzungsraum ein. Ledersessel umsäumen den langen Holztisch. Noch kurz etwas bei der Sekretärin erledigen. Dann ist er da, setzt sich, schaut sein Gegenüber an und wartet auf die erste Frage.

Dass ein Anwalt auf Dauer bei einem Fussballklub beschäftigt ist, gibt es sonst nirgendwo in der Schweiz. Was erwartet Constantin von ihm? Nun erklingt die Stimme in ihrer ganzen Tiefe. Die Eröffnung des Gesprächs ist originell, wie ein guter erster Zug beim Schach: «Dass er mir zuhört.»

Zuhören, das tut Anwalt Alexandre Zen-Ruffinen. Wie jetzt, da er zu Constantins Rechten am Tisch sitzt und aufmerksam dem Gespräch folgt. Mit seinem Vater Piermarco Zen-Ruffinen hat Constantin schon in den 90er-Jahren gearbeitet. Dieser ist Professor für Sportrecht an der Universität Neuchâtel und Experte für Raumplanung.

Der bald 37-jährige Sohn Alexandre kennt somit von Haus aus die beiden Materien, die den Architekten und Fussballklub-Präsidenten Constantin bewegen. «Ich brauche einen Generalisten», sagt dieser. Denn auch wenn Zen-Ruffinen im Organigramm des FC Sion bei der «Juristischen Leitung» aufgeführt ist – sein Wissen über Paragrafen wendet er nicht nur für den Fussball an. «Die Aufgaben können von einem Flugzeugkauf in den USA über den Transfer eines Spielers aus Kairo in die Schweiz bis zur Betreuung von Immobiliengeschäften in Crans-Montana variieren», sagt Constantin mit breiter Gestik und Mimik.

Auch Zen-Ruffinen bewegt beim Sprechen seine Hände, dreht damit aber kleinere Kreise. «Der grösste Teil meiner Arbeit betrifft Constantins Geschäfte und nicht den FC Sion», sagt der Anwalt. Dreimal die Woche fährt er von Neuenburg, wo er gemeinsam mit Partnern eine Kanzlei führt, eine Stunde lang im Auto nach Martigny.

Seit zehn Jahren steht er für Constantin im Einsatz, seit 2006 ist er bei ihm angestellt. «Früher konnte ein Unternehmer vieles per Handschlag erledigen», sagt der Präsident, «heute braucht es fleissige Anwälte, die nicht nur vor Gericht gehen, sondern auch vorbeugen.» Mit Klagen haben sich der FC Sion und sein Präsident in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt (siehe Box) und tun dies auch zurzeit.

Ende Januar blitzten sie vor dem Bundesgericht ab: 2008 hatte Sion den ägyptischen Goalie Essam El Hadary verpflichtet, obwohl dieser in seiner Heimat bei Al-Ahly einen Vertrag besass. 600 000 Euro Busse sowie das Verbot, während zweier Transferperioden Spieler zu verpflichten – so lautet die Strafe. Letzteren Teil greifen Zen-Ruffinen und Constantin nun an.

Diesen Winter hat Sion niemand für die laufende Saison unter Vertrag genommen und in den Sommern 2009 und 2010 habe man wegen des hängigen Verfahrens schon insgesamt 60 Tage lang nicht auf dem Markt aktiv sein können. «Wir wollen gleich wie die AS Roma behandelt werden», sagt der Anwalt. Der Serie-A-Verein hatte 2004 Philippe Mexès der AJ Auxerre ausgespannt und durfte die Transfersperre in Raten absitzen.

Ein Vorzug seines Anwaltes sei, so Constantin, dass er Präzedenzfälle wie diesen kenne und jegliche Szenarien darstellen könne, bevor er die Chancen auf Sieg oder Niederlage beziffere. Diskutieren, analysieren, Ansichten zusammenstellen und neue gewinnen. Darauf basiere ihre Kooperation. «Wir telefonieren auch um 5 Uhr morgens», sagt Constantin, «wir fühlen uns nicht gut, solange wir keine Lösung gefunden haben.» Die Zusammenarbeit mit Constantin sei bereichernd für einen Anwalt und beeindrucke ihn, sagt Zen-Ruffinen. «Constantin ist brillant, er kennt das Recht bereits sehr gut und sieht wie ein Schachspieler die Züge im Voraus.»

Auf dem imaginären Schachbrett steht nun eine neue Spielsituation. Sie soll die Sportwetten in der Schweiz revolutionieren. 2006 wurden Führungskräfte der Wettgesellschaft Bwin auf dem Trainingsgelände der AS Monaco in Handschellen abgeführt. Sie wollten den neuen Sponsoringvertrag mit dem Verein vorstellen. In Frankreich standen damals Onlinewetten nur den Monopolisten zu.

Der Vorfall schreckte die Europäische Union (EU) auf. Denn Bwin ist in Österreich und somit in einem EU-Land lizenziert. Ein Handelsverbot in Frankreich würde gegen den freien Markt der Union verstossen. Das führte dazu, dass Frankreich vor der WM 2010 den Monopolgesellschaften «Française des Jeux» und «PMU» das alleinige Recht für Onlinewetten entzogen hat.

Das liess Constantin aufhorchen. «Weil die Schweiz bilaterale Verträge mit der EU hat, könnte sich die gesetzliche Lage für Sportwetten auch hier ändern.» Constantin lässt dies durch Zen-Ruffinen überprüfen. Dann sollen die Ergebnisse der Liga und den anderen Präsidenten vorgelegt werden. Constantin schwebt vor, dass die Fussballvereine und die Liga eine eigene Gesellschaft bilden oder ihre Rechte einem Big-Player wie Bwin verkaufen könnten. Damit würden höhere Erträge durch Wetten als heute generiert. «Aber wenn wir nichts Solides in den Händen haben, machen wir nichts.»

So arbeite man in Sion ohnehin immer, sagt Anwalt Zen-Ruffinen. «Man sagt, Constantin greife ständig die Liga an.» Das stimme aber nicht. «Wir klagen nie, wenn wir uns nicht bewusst sind, dass wir im Recht sind.» Deshalb habe er sich nie unwohl dabei gefühlt, einen weiteren Feldzug für den exzentrischen Präsidenten zu führen. Die Leute hätten ein falsches Bild von Constantin, verteidigt der Anwalt. «Viele Menschen arbeiten jahrelang in Constantins Betrieb – er ist sehr treu.» Mit einem Lächeln gibt Zen-Ruffinen aber zu: «Den einzigen Job, den ich nicht für ihn machen würde, ist derjenige des Trainers.»

Auf diesen angesprochen wird Constantins Mine ernster. Seine Hände werden schneller, zupfen ständig an Hemdkragen und Blazer. Von 12 möglichen Punkten in den Heimspielen der Vorrunde habe Bernard Challandes nur 2 geholt. Er greift sich an die Kehle: «Die Arbeit wurde nicht gut gemacht.» Der Schachspieler Constantin rechnet vor, was hätte sein können, wenn Sion heute in Basel mit mehr Punkten antreten würde. «Ich bin sauer», sagt er, «ich bin sauer.»

Challandes muss auf der Hut vor Constantins Zügen sein, wie einst Uli Stielike. Der Sion-Boss erzählt vergnügt, wie er sich mit dem in Ungnade gefallenen Trainer 2008 eines morgens verabredete. Am Vorabend erzählte er einem Journalisten, er, Constantin selbst, würde nun Stielike zusätzlich ausbilden, um den sportlichen Aufschwung zu schaffen.

«Als der Trainer am Morgen hierher kam, sagte ich ihm, dass ich noch eine halbe Stunde brauche, er solle warten.» Es war kein Zufall, dass eine Zeitung mit dem Artikel auflag. Stielike war empört und drohte mit dem Rücktritt. «O. k., trete zurück», antwortete Constantin. Schachmatt.

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