Rafael Nadal, wie fühlen Sie sich vor dem Turnier, im Vergleich zum letzten Jahr?
Rafael Nadal: Das war schon seltsam. Ich war körperlich angeschlagen, wollte aber unbedingt kommen. Jetzt bin ich bereit und freue mich aufs Turnier.

Sie sind völlig gesund?
Ja, ich bin gesund, das erlaubt mir, so viel zu trainieren wie ich nur kann. Das ist ziemlich viel.

Wie fühlen Sie sich mental nach einem schwierigen Jahr?
Es war ein hartes Jahr, aber glücklicherweise lief es am Ende besser als zu Beginn. Alles war nicht schlecht. Ich bin wieder motiviert. Ich habe mich die ganze Saison über immer ein wenig verbessert. Die letzten Turniere in Asien waren schon sehr positiv. Beim US Open spielte ich besser, als es das Resultat aussagt. Jetzt muss ich auf diesem Weg weitermachen, um mein gewünschtes Niveau wieder zu erreichen.

Wo stehen Sie im Moment im Vergleich zu früher?
Keine Ahnung. Ich muss vergessen, was war. Heute ist heute. Ich will morgen besser sein als heute. So arbeite ich und ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg. Jahre kann ich nicht vergleichen, so wenig wie das Niveau meines Spiels.

Wie weit sind Sie auf dem Weg dahin, wo Sie hinwollen?
Ich bin sicher näher dran, als vor dieser Saison. Ich nehme schon alles als Vorbereitung auf die nächste Saison.

Machen Sie denn nach dieser Saison keine Pause?
Nein, nicht wirklich. Nach den World Tour Finals in London werde ich vier, fünf Tage ausruhen. Mehr nicht. Dann gehts es wieder richtig los.

In welchem Bereich haben Sie sich im Vergleich zum Saisonbeginn am meisten gesteigert?
Mental. In den ersten sechs Monaten spielten meine Nerven oft nicht mit. Ich fühlte mich ängstlich auf dem Platz. Dieses mir fremde, seltsame Gefühl habe ich nicht mehr. Das ist das Wichtigste.

Haben Sie mehr gegen Ihre Gegner oder gegen sich selbst gekämpft?
Du kämpfst immer gegen einen Gegner. Aber ich musste gegen meine Emotionen kämpfen, viel mehr als früher. Das war für mich ein völlig neues Gefühl in meiner Karriere. Ich versuchte, das zu überwinden.

Dachten Sie an Rücktritt?
Der Rücktritt war gar nie ein Thema.

Was motiviert Sie jeden Tag?
Zunächst mal liebe ich das Tennis. Und ich habe das Ziel, auf meinem bestmöglichen Niveau zu spielen. Ich möchte wieder in der Lage sein, in den nächsten Jahren um diese Dinge zu kämpfen, um die ich kämpfen möchte.

Haben Sie spezielle Ziele für nächste Saison?
Ich möchte das Tennis geniessen und in allen Turnieren konkurrenzfähig sein. Nach einem harten Jahr bin ich umso stärker motiviert, habe richtig Spass, auch am Training. Ich arbeite extrem hart, trainiere mehr als zuvor. Jeder Sieg hilft, jedes Training.

Bleibt ausser dem Tennis noch Zeit für etwas anderes?
Ich trainiere sehr viel, mehr als früher, da bleibt keine Zeit. In der Freizeit geniesse ich das Leben. Allerdings kam in letzter Zeit das Fischen und Golfspielen etwas kurz. Ich musste viel reisen und viele Turniere spielen.

Haben Sie Rat bei einem Mentaltrainer gesucht?
Nein, ich habe meine Familie, mein Team. Ich glaube, du musst die Probleme selbst lösen und ich hatte das richtige Umfeld.

Dachten Sie nie daran, sich noch einen Berater zu holen?
Ich habe ja ein gutes Team und wenn ich nicht gut spiele, liegt das an mir nicht an den anderen.

Sie sind nach einem nicht so guten Jahr in der Jahreswertung die Nummer fünf, ist das in Ordnung?
Fünf, sechs spielt keine Rolle. Es war sicher nicht die ideale Saison, aber auch kein Desaster, wie es viele sehen. Es ist nicht dramatisch, wenn du die Nummer fünf oder sechs der Welt bist.

Verfolgten Sie die Reaktionen in der Öffentlichkeit?
Nicht gross, das habe ich noch nie gemacht. Ich diskutierte das mit meinen Leuten. Dass die Presse darüber schreibt, ist klar. Das ist ihr Job. Sie darf mich kritisieren, wenn sie mich respektiert, so wie ich das bei jedem mache.

Was war eigentlich der grösste Tiefpunkt Ihrer Karriere?
Der Final 2014 in Australien. Weil ich verletzt war und gegen Stan Wawrinka nicht konkurrenzfähig war.

Sind Sie erstaunt, dass Sie noch so weit vorne sind und die jungen Spieler nicht aufkommen?
Das war eine Zeit so, aber jetzt kommt schon eine neue Generation. Dieses Jahr gabs noch keine grossen Veränderungen, aber das kommt eines Tages.

Was war für Sie in diesem Jahr die grösste Sensation?
Der Final in Roland Garros mit dem Sieg von Wawrinka. Er spielte fantastisch.

Sind Sie überrascht, dass er zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen hat?
Gar nicht. Stan ist ein toller Spieler. Es ist so schwierig, ihn zu stoppen, wenn er gut drauf ist.

Hat Sie die Dominanz von Novak Djokovic überrascht?
Das ist schon sehr speziell. Ich gratuliere ihm. Er verdient es, sein Niveau ist im Moment unglaublich. Es muss alles zusammenpassen, auch die Tagesform. Im Moment ist er zweifellos der Beste.

Erstaunt Sie, dass Roger Federer mit 34 Jahren noch so gut ist?
Roger hat unglaubliches Talent. Er hatte eine tolle Saison, das ist gut fürs Tennis und für ihn. Er spürt das Spiel und hat die Leidenschaft dafür.

Glauben Sie, er verdient noch einen Grand-Slam-Titel oder gewinnt einen?
Ich weiss nicht. Er war nahe dran, also kann er es schaffen. Aber Tennis ist ein ehrlicher Sport. Wenn ich einen Final verloren habe, sagte ich nie, ich hätte es verdient, das Turnier zu gewinnen. Aber es wäre toll für den Sport, Roger würde noch ein Grand-Slam-Turnier gewinnen.

Können Sie sich vorstellen, mit 34 Jahren noch zu spielen?
Ich weiss es nicht. Ich denke nicht so weit. Wenn ich nicht mehr motiviert bin und das Tennis nicht mehr geniesse, dann höre ich auf. Das kann in einem oder in fünf Jahren sein. Meine Leidenschaft ist noch gross.

Haben Sie von Basel schon etwas gesehen?
Ja, ich bin am Donnerstag gekommen. Ich habe am Freitag trainiert, dann bin ich zwei Stunden spazieren gegangen. Ich war am Rhein, beim Rathaus, habe eine Glace gegessen. Ich kenne ja Basel schon.

Hat Sie jemand erkannt?
Nein, ich hatte eine Kappe auf. Es war ganz entspannend.

Heute ist noch ein Fussballmatch mit dem FC Basel, gehen Sie ins Stadion?
Nein, wenn ich ins Hotel komme und meiner Freundin sage, wir gehen zum Fussball, habe ich ein Problem, dann haut sie am Montag ab. Wir fahren nach Luzern. Das ist eine tolle Stadt und bei diesem Wetter sowieso. Ich habe das Spiel von Real Madrid in Vigo am TV gesehen, das reicht.

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