Eintausendeinhundertfünfzig Franken – und die «Schwarze Sau» gibts gratis obendrauf. Klar, Stephan Studer hat am vergangenen Sonntag seinen Job nicht erfüllt. Er hätte den Basler Marcelo Diaz vom Platz stellen und kurz vor Schluss den Young Boys einen Penalty zusprechen müssen. Auch in den restlichen vier Spielen vom letzten Wochenende übersahen die Schiedsrichter mindestens ein penaltyreifes Vergehen. Was danach folgte, erinnert an die Zeiten, als Bösewichte auf dem Dorfplatz an einen Baum gefesselt wurden. «Wir Schiedsrichter kommen uns bisweilen vor wie ein Baum, an den jeder hinpinkeln darf», sagt Daniel Wermelinger.

Sion-Präsident Christian Constantin darf auf dem Boulevard hetzen, dass alle Schiedsrichter Basel-Fan seien. Selbst die Sportabteilung des Schweizer Fernsehens hetzt latent gegen die Schiedsrichter und entblösst ihre heuchlerische Attitüde. Man hoffe natürlich, dass der Fussball und nicht die Schiedsrichter im Mittelpunkt stehen werden, sagt Paddy Kälin vor der Liveübertragen Basel gegen Sion. Erste Frage: Seit wenn gehören die Schiedsrichter nicht zum Fussball? Zweite Frage: Wenn die Schiedsrichter nicht im Mittelpunkt stehen sollen, warum schickt man die Reporterin Daniela Milanese ausgerechnet nach dem schwarzen Sonntag in die Schiedsrichter-Kabine? Ein Mehrwert wurde durch die Bilder aus der Schiedsrichter-Garderobe («Den Schiedsrichtern fehlt es hier an nichts. Hier sehen wir Getränke und Verpflegung.») jedenfalls nicht generiert.

«Wir sind derzeit schlecht. Das sind wir häufig nach einer Länderspiel-Pause», sagt Wermelinger. Doch mediale Hetzjagden sorgen nicht für eine Verbesserung der Situation. Die Probleme im Schweizer Schiedsrichterwesen sind tiefgreifender, als ein nicht gegebener Penalty. Es geht um fehlenden Respekt, fehlende Wertschätzung und fehlende finanzielle Unterstützung. Die Folge: Per Ende Jahr treten vier von zwölf Spitzenschiedsrichtern zurück. Nicht, weil sie die Alterslimite von 45 erreicht haben.

Daniel Wermelinger (41) hatte mit dem Cupfinal 2012 seinen Höhepunkt und will die Dreifach-Belastung Job-Familie-Fussball in eine Zweifach-Belastung umwandeln. Damien Carrel (30) sagt: «Man erwartet von uns eine professionelle Einstellung. Doch die Rahmenbedingungen sind amateurhaft.» Cyril Zimmermann (36) sagt: «Ich sehe keine Perspektiven mehr. Es bräuchte einen Neuanfang. Man müsste mehr Mittel aufbringen, um den voll berufstätigen Schiedsrichtern Entlastung zu bieten.» Und Ludovic Gremaud (32) ist frustriert. Er war verantwortlich dafür, dass die Bellinzona-Spieler Pergl und Yakin nach dem letzten Saisonspiel wegen Schiedsrichterbeleidigung für vier respektive drei Spiele gesperrt worden sind. Und er musste später konstatieren, wie der Präsident der Rekurskommission die Sperren aufgehoben hat. «Oder nehmen wir den Fall Jahovic», so Carrel. «Da wird der Stürmer von Wil erst für zehn Spiele gesperrt, weil er dem Schiedsrichter Winter nach dem Spiel droht, ‹ich werde dich töten›. Nach dem Rekurs wird das Strafmass auf sieben Spielsperren reduziert. Da fühlen wir uns im Stich gelassen.»

Es liegt in der Natur des Schiedsrichters, dass sein Rücktritt keine grosse Welle des Bedauerns auslöst. Gleichwohl sind die vier Mutationen alarmierend. Denn die Phrase von wegen kein Fussball ohne Schiedsrichter ist so abgedroschen wie richtig. Und: Je kleiner die Auswahl an Schiedsrichtern desto geringer ist die Qualität.

Was läuft falsch? Alles, weil nichts oder viel zu wenig für eine verbesserte Situation der Schiedsrichter unternommen wird. Urs Meier, früher das Aushängeschild, gab als Schiedsrichter-Chef vor über einem Jahr frustriert auf, weil der Fussballverband sein Konzept nicht unterstützen wollte. Dieses sah drei Profis, vier Halbprofis und fünf Schiedsrichter mit einer 20-Prozent-Anstellung beim Verband vor. Kosten: 1 Mio. Franken. Meier präsentierte auch eine Light-Version für 650 000 bis 700 000 Franken. Aber er spürte nur Gegenwind.

Wer besser sehen will, muss zum Optiker, so die landläufige Meinung. Aber beim Schiedsrichter geht es nicht nur ums Sehen, sondern um Training, Kurse, Pflege, Reisen, Analyse, Öffentlichkeitsarbeit. Das kostet Zeit. Mindestens die Hälfte des Ferienkontingents geht für das Hobby drauf. «Mit 30 stehen viele vor der Abzweigung: Beruf oder Schiedsrichter. Schiedsrichter bleibt nur, wer ein absoluter Idealist ist», sagt Wermelinger. Sich darauf zu verlassen, dass die Idealisten nicht aussterben, ist etwas gar kurzsichtig. «Dem Verband müsste die Rücktrittswelle zu denken geben», sagt Meier. «Denn heute bleibt kaum einer bis 45 Schiedsrichter. Auch Massimo Busacca, der ein positiv verrückter war, hat frühzeitig aufgehört. Wenn wir ihm einen Profistatus hätten bieten können, wäre er wohl geblieben.»

Mit 140 Millionen Franken für fünf Jahre ist der Vertrag zwischen InfrontRingier und der Liga dotiert. Für die Spitzenschiedsrichter bleiben gemäss Carlo Bertolini nur 200 000 Franken übrig. «Damit bezahlen wir neu die Sozialabgaben für die Schiedsrichter. Mehr liegt nicht drin», sagt Meiers Nachfolger. Doch das reicht nicht, um den Zerfall des Schweizer Schiedsrichterwesens aufzuhalten. Oder wie Meier sagt: «Früher gab es Phasen, da hatte die Schweiz vier Schiedsrichter in Euopas Top 30. Heute haben wir nicht mal einen in den Top 50. Solange im Verband die Schiedsrichter wie die Bauern im Schach behandelt werden, wird sich daran nichts ändern.»

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