Vor allem einen Gegner hatte Fabian Cancellara vor dem Tour-Auftakt in Lugano gefürchtet: den Regen. Dass die Angst vor einer nassen Strasse nicht unbegründet war, musste sein Teamkollege Fränk Schleck erfahren. Als der Luxemburger im gelben Trikot des Titelverteidigers als Letztgestarteter unterwegs war, hielt sich das kühle Nass nicht länger zurück und zwang den Fahrer zu Vorsicht in Abfahrt und Kurven.

Zwanzig Minuten zuvor hatte Fabian Cancellara noch ideale Verhältnisse vorgefunden. Und der Zeitfahr-Champion nutzte diese voll aus. Bereits bei der Zwischenzeit nach dem Aufstieg vorne dabei, stach er wie ein Skirennfahrer am Lauberhorn in die Abfahrt. Eine Brüggli-S-ähnliche Passage von zweieinhalb Meter Breite meisterte er beim halsbrecherischen Tempo von 80 Stundenkilometern so zentimetergenau, dass seine Frau, die im Teamauto hinter ihm mitfuhr, für einen Moment die Augen schliessen musste. «Ich hatte alles unter Kontrolle», kommentierte Cancellara seinen riskanten Ritt. «Ich wusste, dass ich in der Abfahrt Zeit herausholen kann, und das ist mir auch gelungen.»

Der Olympiasieger konnte sich wie immer auf seine exzellente Fahrtechnik verlassen, obwohl er vor dem Start so nervös gewesen war wie schon lange nicht mehr. «Ich weiss nicht, ob es wegen meiner eigenen Erwartungen oder jener von aussen war», mutmasste er. «Aber eigentlich bin ich froh, zu wissen, dass ich noch so nervös werden kann.»

Der grosse Zuschaueraufmarsch am Ufer des Luganersees dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass die Emotionen beim grossen Favoriten und Publikumsliebling etwas höher gingen als gewöhnlich. Schon lange bevor Cancellara zum Einfahren aus dem Teambus stieg, hatte sich um diesen herum eine beträchtliche Fantraube gebildet. Eine Situation, durch die sich der 30-Jährige längst nicht mehr aus der Bahn werfen lässt. So berief er sich auf seine Routine in der Rennvorbereitung, zog sich mental in seine Welt zurück, um auf dem 7,3 Kilometer langen Parcours in der Innenstadt von Lugano zu einer eindrücklichen Demonstration auszuholen. «Ich habe einfach mein Ding durchgezogen», sagte Cancellara und bedankte sich beim Publikum. «Unterwegs habe ich zweifellos von der grossen Unterstützung der Leute profitiert.»

Auch einen Schaltfehler kurz nach dem Start vermochte ihn nicht zu irritieren. In knapp zehn Fahrminuten distanzierte er den Amerikaner Tejay van Garderen um 9 und den Slowaken Peter Sagan um 17 Sekunden und gewann zum fünften Mal einen Prolog der Tour de Suisse. Zusammen mit den weiteren Etappensiegen konnte er bereits den neunten Teilerfolg im Rahmen der Landesrundfahrt feiern.

Auf der Etappe vom Tessin ins Wallis verbringt Cancellara heute seinen elften Tag im Leadertrikot der Tour de Suisse. Der Berner rechnet nicht damit, dass er morgen auf dem Weg nach Grindelwald noch in Gelb unterwegs sein wird. Nach dem Start in Airolo geht es heute zuerst 30 Kilometer bergauf bis zum Nufenenpass, dem höchsten Punkt der diesjährigen Tour. Nach der langen Abfahrt durchs Rhonetal geht die Etappe dann mit einem langen Schlussaufstieg hinauf nach Crans-Montana zu Ende.

«Ich werde die nächsten beiden Tage nicht vorne mitfahren können», macht sich Cancellara keine Illusionen. Zu viel Zeit dürfte der vierfache Zeitfahr-Weltmeister in den langen Aufstiegen auf die besten Kletterer einbüssen. «Ich habe mich mit dieser Situation abgefunden und freue mich über den Erfolg im Prolog», sagt er. «Es ist schön, als Leader aus dem Tessin in Richtung Berge losfahren zu können.» Cancellara schliesst nicht aus, dass auf dem Weg nach Crans-Montana die Stunde eines Aussenseiters schlagen und im Gesamtklassement bereits eine Vorentscheidung fallen könnte. Und er hofft, dass sein Team dabei eine zentrale Rolle spielen kann.

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