Die Stimme der Empfangsdame am Zürcher Fifa-Sitz ist gestern freundlich, aber bestimmt. «Heute hat die Fifa geschlossen», sagt sie. «Kommen Sie doch am Montag wieder.» Draussen fährt der Brötchen-Lieferdienst vor und klingelt. «Heute brauchen wir nichts – auf Wiedersehen!», tönt es aus dem Lautsprecher am geschlossenen Fifa-Tor. Der Wind erzeugt gespenstische Laute.

Einige asiatische Touristen kommen vorbei. Sie schiessen Selfies, das Fifa-Logo immer schön im Bild. Plötzlich ein leises Rascheln: Ein Security schleicht hinter den Bäumen und Büschen durch. Als wäre er auf der Jagd nach Verbrechern. Vielleicht sollte er seine Jagd eher im Gebäude fortsetzen statt davor.

Am Freitagnachmittag hatte die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Fifa-Präsident Sepp Blatter (79) eröffnet. Im Zentrum der Ermittlungen stehen unter Wert verkaufte TV-Rechte und eine 2-Millionen-Zahlung an Uefa-Präsident Michel Platini. Die Medien haben ihr Urteil bereits gefällt: «Verbringt Blatter den Lebensabend hinter Gittern?», fragte gestern der «Blick». Auch die «Süddeutsche Zeitung» räumte letzte Zweifel an Blatters Zukunft aus: «Nun kann man ausschliessen, dass er sich dauerhaft an seinen Fifa-Thron kettet.»

Ganz anders sieht das allerdings PR-Berater Klaus J. Stöhlker. Er war von Januar bis Ende Mai Blatters persönlicher Berater und steht mit dem Fifa-Präsidenten in engem Kontakt. Für ihn ist klar: «Der Präsident bleibt Präsident.» Die nächsten wichtigen Entscheidungen würden am 26. Februar 2016 gefällt, am Tag der Präsidentschaftswahlen – nicht früher. «Ein vorzeitiger Rücktritt steht nicht zur Diskussion», betont Stöhlker und fügt hinzu: «Der Präsident hat nicht die geringsten Sorgen. Er ist guten Mutes.» Die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft seien haltlos: Der Vertrag mit dem karibischen Fussballverband sei von drei Fifa-Institutionen legitimiert worden, und die Zahlungen an Uefa-Präsident Platini – viermal 500 000 Franken – hätten sich auf konkrete Leistungen gestützt und seien den Fifa-Gremien bekannt gewesen.

Laut Bundesanwaltschaft könne es sich dabei allerdings um eine treuwidrige Zahlung handeln. Sie erfolgte im Februar 2011, angeblich für zwischen Januar 1999 und Juni 2002 geleistete Dienste. Die immense Verspätung macht skeptisch, doch auch dafür hat Stöhlker eine Erklärung: Platini habe die Rechnung erst acht Jahre später gestellt.

Nicht Blatter hat laut Stöhlker durch die Verfahrenseröffnung Schaden genommen, sondern Michel Platini. «Bei ihm ist nun nicht einmal sicher, ob er überhaupt als Fifa-Präsident kandidieren kann», sagt er. Sollte Platini ausscheiden, sei weit und breit kein Kandidat für die Nachfolge Blatters in Sicht. «Das hiesse, dass Sepp Blatter dann gezwungenermassen über den 26. Februar hinaus weitermachen müsste, damit die Fifa weiter funktionieren kann.» Dass das nicht auszuschliessen sei, habe Blatter kürzlich auch intern an einem Personal-Meeting in Zürich betont.

Der PR-Berater gewinnt den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft sogar Positives ab: «Es ist gut, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft den Fall an sich genommen und damit den Amerikanern entrissen hat.» Er kenne, so Stöhlker vielsagend, «niemanden, der darüber unglücklich ist».

Rücktrittsforderungen an Blatter, wie sie gestern auch in Schweizer Zeitungen erhoben worden sind, weist Stöhlker mit einer Medienschelte zurück: «Das ist typisch für unser Land, dass die hiesigen Medien nicht recherchieren, sondern Jagd auf Blatter machen. Das Versagen der Tageszeitungen und des Schweizer Fernsehens ist gravierend.» Die Medien sollten besser recherchieren, was mit dem Fifa-Sitz in Zürich passiere, sollte Platini doch noch Fifa-Präsident werden: «Er wollte den Sitz immer nach Paris holen.»

Ob das Präsidentenamt für Blatter und Platini tatsächlich eine Option bleibt, ist allerdings fraglich. Das liegt nicht nur an den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft. Auch intern schwindet die Gefolgschaft. Sowohl Blatter als auch Platini droht eine Suspendierung durch die Fifa-Ethikkommission. «Bei Vorliegen eines Anfangsverdachts leitet die Untersuchungskammer ein formelles Verfahren ein», sagte Andreas Bantel, Sprecher der Untersuchungskammer der Kommission. Die Kammer äussere sich nie zu konkreten Einzelfällen, sagt er, die Regeln gelten allerdings für sämtliche Personen im Fussball, «ohne Rücksicht auf Posten oder Namen». Also auch für Fifa-Präsident Blatter und Uefa-Chef Platini.

Während die Vollversammlung den Präsidenten erst abwählen müsste, hat die Ethikkommission die Kompetenz, Funktionäre bei Verfehlungen zu suspendieren. Erhärtet sich der Verdacht gegen Blatter, kann es schnell gehen. Womöglich fällt eine Entscheidung bereits in den kommenden Tagen. Allerdings gibt es im Fall Blatter eine Besonderheit. An der Spitze der Untersuchungskammer steht der Zürcher Rechtsanwalt Cornel Borbély. Als Landsmann darf Borbély die Untersuchungen aber nicht leiten, ein anderer aus dem 7-köpfigen Gremium wird deshalb übernehmen müssen.

Sollte Blatter noch vor der Wahl nicht mehr im Amt sein, würde dies die Situation nicht entspannen. Satzungsgemäss müsste Fifa-Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun den Posten übernehmen. Vom Internationalen Olympischen Komitee war er 2011 wegen Zahlungen einer Marketingfirma sanktioniert worden. Ausserdem gab es Anschuldigungen, dass Hayatou von Katar vor der Vergabe der WM 2022 1,5 Millionen Dollar für seine Stimme bekommen haben soll – bewiesen wurde dies aber nie.

Hinzu kommt, dass der 69-Jährige körperlich kaum mehr in der Lage ist, längere Reisen anzutreten. Blatter habe bewusst einen Stellvertreter gewählt, der ihn nicht ersetzen könne, heisst es aus Fifa-Kreisen. Der Weltfussballverband wäre unter einem solchen Präsidenten fast handlungsunfähig. Womöglich wird der Fifa-Hauptsitz bald länger geschlossen bleiben als nur einen Tag.

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