Die Messlatte liegt hoch, damit muss Stefan Küng leben. Wo auch immer von ihm als Sportler die Rede ist – der Vergleich mit Fabian Cancellara ist nicht weit. Während sich der 33-jährige Berner, der am nächsten Sonntag in Ponferrada seinen ersten Weltmeistertitel im Strassenrennen gewinnen will, dem Ende seiner erfolgreichen Karriere nähert, wird Küng in Fachkreisen längst als Cancellara-Nachfolger gehandelt. Erst recht, als der gross gewachsene Thurgauer auch vom Körperbau her an den Olympiasieger von 2008 erinnert.

Mit seinen Leistungen hat Küng die Erwartungen der Schweizer Radsportfans an ihn selber in die Höhe geschraubt. Um zu erkennen, welches Potenzial der 20-Jährige besitzt, genügt ein Blick auf die Resultate im Juli. Innerhalb von zwei Wochen wurde Küng viermal Europameister in der U-23-Kategorie – zuerst in Nyon im Zeitfahren und im Strassenrennen, dann im portugiesischen Anadia auch noch auf der Bahn in der Einzel- und Mannschaftsverfolgung.

Durch solche Erfolge lässt sich Küng ebenso wenig zu Überheblichkeit verleiten wie durch die Vergleiche mit Cancellara. «Es wäre vermessen, mich mit einem so erfolgreichen Fahrer zu vergleichen», sagt er. «Der Weg bis zur Spitze ist noch weit. Es ist ein grosser Schritt vom Nachwuchs zu den Profis.» Ein Schritt, der ihm unmittelbar bevorsteht, nachdem sich die Profiteams in diesem Jahr förmlich darum rissen, Küng für nächste Saison als Berufsfahrer zu verpflichten. Der schweizerisch-liechtensteinische Doppelbürger unterschrieb schliesslich einen mehrjährigen Vertrag mit dem BMC-Team, für dessen Nachwuchsabteilung er bereits seit vergangener Saison fährt. «Das Team gibt mir genügend Zeit, um mich weiterzuentwickeln.»

Ein wichtiger Punkt in den Vertragsverhandlungen war für Küng der Wunsch, neben der Strassen- weiterhin auch die Bahnsaison bestreiten zu können. Mit dem Schweizer Vierer strebt der WM-Dritte von 2013 in der Einzelverfolgung (in der Elitekategorie notabene) die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio an. Dieses Projekt bedeutet ihm viel: «Wir haben eine gute Truppe. Es macht viel Spass, gemeinsam am Ziel Olympia zu arbeiten.»

Bahn-Nationaltrainer Daniel Gisiger hält grosse Stücke auf Küng. «Er hat einen grossen Motor», beschreibt er die körperlichen Voraussetzungen des Ostschweizers, der dazu in der Lage ist, lange ein hohes Tempo zu halten. Dank dieser Qualität ist Küng nicht nur für die Bahn prädestiniert, sondern auch für Zeitfahren und Klassikerrennen wie Paris–Roubaix. So also wie ... Fabian Cancellara. «Stefan hat die Kraft, seine Gegner zu zermürben», sagt Gisiger. «Er stellt nicht viele Fragen, aber ist sehr intelligent.»

Küngs Karriere als Radfahrer hatte einst mit dem BMX begonnen, mit dem er als Bub im Quartier um die Ecken flitzte. In einer nicht sonderlich sportbegeisterten Familie aufgewachsen, meldete er sich als Zehnjähriger beim Veloclub in der Region an. «Meine Mutter suchte mir die Telefonnummer des Präsidenten heraus, aber anrufen musste ich selber», erinnert er sich. Danach ging es Schlag auf Schlag, und Küng gewann in der Schülerkategorie die Rennen bald serienweise. Eine zwischenzeitliche Krise folgte erst in der Pubertät. «Da habe ich die Prioritäten nicht immer richtig gesetzt», sagt der Matura-Abgänger.

Diese Phase ist überwunden. An der WM gehört Küng sowohl morgen im Zeitfahren als auch am Freitag im weniger berechenbaren Strassenrennen zu den Favoriten. «Eine Medaille wäre ein schöner Abschluss in der Nachwuchskategorie», sagt er. Sollte auf dem Weg dazu etwas schiefgehen, wäre das zwar eine Enttäuschung, aber kein Weltuntergang. Der Hoffnungsträger des Schweizer Radsports denkt längerfristig: «Mein Ziel ist es, mein Leistungspotenzial auszuschöpfen – egal, ob mit 25 und oder mit 28.»

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