Es ist ein Schluss-Bild, das aus einer fernen Vergangenheit zu stammen scheint. Das letzte Bild von Roger Federer bei den US Open 2011. Mit tief ins Gesicht geschobener Baseball-Kappe sitzt der Maestro in dieser finalen Grand-Slam-Szene im grossen Interviewsaal des National Tennis Centers, eine halbe Stunde liegt eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere hinter ihm, das Fünf-Satz-Scheitern im Halbfinal gegen Novak Djokovic nach zwei eigenen Matchbällen. Und wie er da mit grimmigem, verbittertem Blick die internationale Medienmeute fixiert, hinterlässt der grosse Maestro nicht nur den Eindruck abgrundtiefer Enttäuschung, sondern vor allem heftiger Ratlosigkeit. «Ich sitze hier als Verlierer, ich mache die Verlierer-Pressekonferenz», sagt Federer mit belegter Stimme. Und dann schüttelt er demonstrativ den Kopf und fügt hinzu: «Ich kann einfach nicht glauben, was passiert ist.»

50 Wochen ist das jetzt her. Aber gefühlt liegt es eine kleine Ewigkeit zurück, dieses zweite Halbfinal-Aus Federers gegen den widerspenstigen Serben Djokovic in Serie, die zweite Pleite nach zwei vergebenen Matchbällen. Denn wenn Federer ab Montag auf die Hartplätze von Flushing Meadow zurückkehrt, zu seiner neuesten US-Open-Mission, dann nicht mehr in der Pose des grübelnden Herausforderers oder eines Mannes, der jenseits der Dreissig an seiner Zukunft im professionellen Wanderzirkus zweifeln muss. Sondern in der geliebten Ausnahmestellung des hohen Turnier-Favoriten, der als Nummer 1 der Weltrangliste in den Titel-Kampf geht.

Nichts tut Federer lieber als das: Frontrunner zu sein, die Konkurrenz zum Hinterherlaufen zu zwingen, sie die Macht des Maestro spüren zu lassen. «Es tut gut, vorne zu stehen – in jeder Beziehung», sagt Federer, «es gibt dir einfach dieses aussergewöhnliche Selbstbewusstsein.» Die Aura, die kein Geld der Welt kaufen kann. Sondern nur jene Siege, die Federer seit jenem fatalen Scheitern am letzten Super Saturday feierte. Siege, mit denen er sich selbst im exklusiven Revier der fabelhaften Vier wieder die Dominanz sicherte, in jenem sorgfältig abgesteckten Terrain, das nur er, Federer, und ansonsten die Kollegen Djokovic, Nadal und Murray bewohnen.

Was einen am meisten verblüfft bei diesem reifen Ausnahmekönner, ist seine schiere Gelassenheit in bedrängten Karriere-Situationen. Heute wie vor drei oder fünf Jahren. Wenn sich um den Artisten eine Alarmstimmung ausbreitet und Weltuntergangs-Szenarien für seine Karriere entworfen werden, bleibt der Mann mit den weltberühmten Initialen RF im Grunde seines Herzens seelenruhig – und bastelt mit Akribie und ungebremstem Ehrgeiz an Lösungen. Federer, das wird gerne unterschätzt oder ausgeblendet, ist ein Profi mit extremen Nehmer-Qualitäten. Er könne so «einiges wegstecken» und «positiv verarbeiten», sagt Trainer Paul Annacone, der selbst nicht unerheblichen Teil an der neuen, bemerkenswerten Offensive des höchst rüstigen Eidgenossen hat. Denn der amerikanische Coach modellierte Federers Spiel sanft, aber beharrlich um, verordnete dem Superstar eine leicht aggressivere Marschroute – ganz einfach mit dem Ziel, die Dinge auf den Centre Courts der Welt wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Nicht alles lief glatt für Federer in den letzten zwölf Monaten, seit dem New Yorker Tag, an dem viele Experten und Journalisten ihn auf steil abschüssiger Talfahrt wähnten. Aber trotz unglücklicher Grand-Slam-Auftritte in Melbourne und Paris, einer jähen Davis Cup-Erstrunden-Niederlage mit der Schweiz im Februar oder jüngst der Niederlage im Goldmedaillenspiel in London gegen Murray kämpfte sich der erfolgreichste Spieler dieser Epoche auf Platz eins der Weltrangliste – und zurück auf den Wimbledon-Thron. Er war ganz einfach wieder einmal zu früh abgeschrieben worden, dieser zähe Ästhet, der einen viel längeren Atem hat als viele grosse Vorgänger. Und der sich nun geradewegs in den Spuren eines Andre Agassi zu bewegen scheint, der nach seinem 30. Geburtstag noch fleissig und beständig Grand-Slam-Titel sammelte. «Ich spüre keine Müdigkeit in mir. Ich weiss, dass ich noch ein paar gute Tennistage vor mir habe», sagt Federer dazu.

Längst geniesst er dabei auch das Privileg, seine ganze Familie vereint und glücklich am Arbeitsplatz sehen zu können, so wie in Wimbledon, als sie alle, die Federers in drei Generationen, den magischen Coup im All England Club feierten. «Ganz sicher ist das auch ein Anreiz, dieses gemeinsame Glück zu erleben. Dafür macht man die Arbeit ja irgendwie auch», sagt der Patron des Clans, der mit seinen 31 Jahren nun Jagd auf den sechsten US-Open-Titel macht. Zwischen 2004 und 2008 war er hier im Big Apple mit fünf Siegen in Serie zum unumschränkten «King of New York» aufgestiegen, war fest ins Bewusstsein des New Yorker Publikums eingesunken als Tennis-Weltenherrscher, als Star unter den Stars.

Und so wird es auch in den nächsten beiden Wochen sein. Sie lieben ihren Federer hier inzwischen grenzenlos, mehr als jeden anderen. Sie werden ihn zum Sieg peitschen wollen, zu einem süssen Sieg, der die Bitterkeit der beiden letzten Jahre ausradieren würde. «Es war noch nie besonders erfolgreich, mich abzuschreiben», sagt Federer.

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