Von Dean Fuss, Jasmin Krähenbühl und Anes Filan

«Roger, geh nicht, bitte», ruft Kristina Mladenovic dem Tennis-Maestro auf seinem Gang in die Kabine nach. Roger Federer dreht sich kurz um, lächelt charmant und verlässt den Court mit einem letzten Winken. Diese kurze Episode spielte sich am Freitag nach dem dritten und letzten Gruppenspiel der Schweizer am Hopman Cup in Perth ab. Und sie zeigt exemplarisch: Nicht nur die Fans freuen sich unglaublich darüber, dass Roger Federer wieder zurück auf dem Court ist, sondern auch die Tennis-Stars selber.

Kein Wunder. Schliesslich unterhielt der 35-jährige Baselbieter Publikum und Konkurrenz nicht nur mit seinen Künsten am Racket, sondern auch mit spontanen Einlagen an den auf dem riesigen Videobildschirm im Stadion eingeblendeten virtuellen Bongos. Nicht überraschend deshalb, dass sich Federer am Freitag trotz des Outs des von ihm und Belinda Bencic gebildeten Team Schweiz gut gelaunt vom Publikum in der Perth Arena verabschiedete: «Ich hatte eine gute Zeit hier», sagte er beim Platzinterview ins Mikrofon. «Diese Woche werde ich für immer in Erinnerung behalten. Davor hatte ich sechs lange Monate.» Die frühere Weltnummer 1 erinnerte damit an die lange Verletzungspause, deren Ursprung ausgerechnet in Australien gelegen war. Unmittelbar nach den Australian Open 2016 hatte er sich verletzt, als er seinen Töchtern ein Bad einlaufen liess. Der Meniskusschaden musste schliesslich operativ behoben werden und zog die lange Wettkampfpause nach sich.

Die Diskussionen um den verpassten «richtigen Zeitpunkt» für den Rücktritt entflammten mit neuem Feuer. Aber nichts da. Federer denkt nicht an Rücktritt: «Ich hoffe, dass ich noch zwei, drei Jahre weiterspielen kann und nicht bloss sechs Monate», äusserte er sich vor dem Startspiel des Mixed-Teamwettbewerbs in Perth gegenüber den Medien. «Meine gedanklichen Planspiele sind langfristig. Nur wenn ich danach gefragt werde, denke ich überhaupt über Dinge wie einen Rücktritt nach.»

Bei seinen Auftritten am Hopman Cup in Perth hinterliess Federer einen guten Eindruck. Das sieht auch Heinz Günthard so: «Das Tennisspielen verlernt er nie. Die Schnelligkeit ist noch da, er verrichtet gute Beinarbeit», schildert der Tennis-Experte des Schweizer Fernsehens SRF und Captain des Schweizer Fedcup-Teams seine Eindrücke von Federers Comeback auf dem Court.

Federer braucht etwas Losglück
Was ist also von der ehemaligen Weltnummer 1 in dieser Saison zu erwarten? Immerhin feiert Federer am 8. August seinen 36. Geburtstag. Die «Schweiz am Sonntag» hat in der Historie des Tennis-Sports ab der «Open Era» 1968 gestöbert und ist dabei auf sieben Spieler gestossen, die während ihrer Karriere mindestens ein Grand-Slam-Turnier gewonnen haben und im Alter von 36 Jahren noch auf der Tour spielten. In Sachen Grand-Slam-Turniere zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass ein Titelgewinn Federers in diesem Jahr eine aussergewöhnliche Leistung wäre. Nur der Australier Ken Rosewall gewann 1970 im Jahr seines 36. Geburtstages noch ein Grand-Slam-Turnier (die US Open). In den beiden folgenden Jahren triumphierte Rosewall jeweils noch an den Australian Open. Aber: Es war damals, kurz nach Beginn der «Open Era», also der Zulassung von Profis zu allen Tennisturnieren, eine ganz andere Zeit.

Aber Günthardt ist überzeugt, dass mit Federer an den Grand-Slam-Turnieren auch in diesem Jahr zu rechnen sein wird: «Er hat am Hopman Cup gezeigt, dass er gute Grundvoraussetzungen für einen weiteren Titelgewinn hat.» Das gilt natürlich auch für die am 16. Januar beginnenden Australian Open. «Jetzt, da er in der Weltrangliste auf Platz 16 abgerutscht ist, braucht er auch etwas Losglück. Ein ‹einfacher› Beginn wäre gut für ihn», sagt Günthardt.

Und sollte es an keiner der vier Grand-Slam-Stationen klappen, bleiben Federer zahlreiche «normale» Turniere, um seinen Palmarès mit weiteren Titeln aufzustocken. So oder so: Roger Federer hat im bisherigen Verlauf seiner Karriere immer wieder neue Bestmarken gesetzt. Wenn es einem Spieler möglich ist, die Geschichte des Tennis-Sports neu zu schreiben, dann dem in acht Monaten 36 Jahre alt werdenden Baselbieter.

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