VON SASCHA FEY

Am Ende flossen in Bern die Tränen. Nicht nur bei Sarah Meier, auch beim Publikum. Meier gelang dank der zweitbesten Kür der Sprung vom dritten auf den ersten Platz. Silber ging an die Italienerin Carolina Kostner. Bronze sicherte sich die Finnin Kiira Korpi, die nach dem Kurzprogramm noch geführt hatte.

Nachdem Sarah Meier ihr Programm zur Filmmusik «Love in the Time of Cholera» beendet hatte, brachen alle Dämme. Sie konnte es selber kaum fassen, dass ihr nach dem ersten Wettkampfteil auch die deutlich anspruchsvollere Kür nahezu perfekt gelungen war. Einzig die Kombination Dreifach-Flip/Zweifach-Toeloop wurde mit Minuspunkten bewertet, weil die Bülacherin beim Flip von der falschen Kante abspringt. Und an den letzten Dreifach-Salchow hängte sie nur den einfachen Toeloop an. Doch das war gestern sowieso egal.

Obwohl Meier mit ihrer Leistung in der erstmals gut gefüllten Arena sehr zufrieden war, rechnete sie vor der Bekanntgabe der Punkte trotzdem nicht damit, dass es zu Gold reichen würde. Sie war vor der Kür dermassen auf sich selber konzentriert, dass sie «nicht wirklich» mitbekam, wie es den Gegnerinnen ergangen war. Sie fiel denn auch beinahe aus allen Wolken, als das Resultat feststand. Zu den ersten Gratulanten gehörte Bundesrat Ueli Maurer.

Das erste Interview führte Stéphane Lambiel. Wie hast du das gemacht, fragte der zweifache Weltmeister: «Ich weiss es auch nicht richtig. Ich habe immer davon geträumt, kann nicht glauben, dass der Traum nun wahr geworden ist», antwortete Meier. Es sei ein unglaubliches Gefühl. Sie habe sich beherrschen müssen, dass die Emotionen nicht schon vorher rausgekommen seien. Bereits beim Aufwärmen habe sie beinahe geweint. Auf dem Podest musste sie dann allerdings schmunzeln, als sie beim Abspielen der Nationalhymne die Schweizer Fahne sah, denn diese war viel kleiner als die italienische und die finnische – wieso auch immer.

Obwohl die Umstände sehr speziell waren, schaffte es Meier, während der Kür mit dem Kopf total bei der Sache zu sein. Wie bereits am Vortag fand sie die richtige Mischung: Einerseits griff sie an, andererseits lief sie mit der nötigen Ruhe. Wie sie das geschafft hatte, wusste sie selber nicht. Der Grat, ob man einen Sprung stehe oder stürze, sei schmal, sagte Meier. «Das Glück war heute auf meiner Seite.» Ihre Trainerin und Tante Eva Fehr nahm die Worte «das Wunder von Bern» in den Mund. «Es ist wie in einem Film gewesen.» Vor dem Auftritt hatte Fehr zu ihrem Schützling gesagt: «Angst ist der allerschlechteste Berater. Mut wird belohnt.» Meier nahm sich dies zu Herzen und ging mit der Strategie «Alles oder Nichts» aufs Eis.

Meier ist nach Hans Gerschwiler (1947) und Denise Biellmann (1981) erst die dritte Europameisterin aus der Schweiz. Dass Meier bei ihrem letzten Wettkampf Gold gewonnen hat, ist eine unglaubliche Geschichte, beinahe schon kitschig. Denn die Bülacherin bestritt in Bern ihren ersten «richtigen» Wettkampf in dieser Saison, nachdem sie Ende Oktober einen Bänderanriss im Fuss erlitten hatte. Diese Verletzung bereitete ihr danach während der gesamten EM-Vorbereitung Probleme, weshalb die Trainings ein ständiges Auf und Ab waren. «Jeder geht durch harte Zeiten durch. Aber wenn du hart arbeitest und immer wieder aufstehst, zahlt sich das aus», sagt Meier.

Die zweite Schweizerin, Romy Bühler, beendete ihre erste EM im 16. Schlussrang. Die 16-Jährige zeigte sich gegenüber der Qualifikation verbessert, obwohl der erste Sprung, der Lutz, erneut nur einfach war. Auf der Leistung lässt sich aber aufbauen, denn auch Sarah Meier belegte bei ihren ersten Europameisterschaften Rang 16.

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