Als Sepp Blatter noch auf dem Thron des Weltfussballs sass, sagte er: «Als Fifa-Präsident hast du keine echten Freunde.» Am Freitag endete seine Zeit als höchster Fussballer auch formell – als Gianni Infantino zum neunten Präsidenten des Weltfussball-Verbandes (Fifa) gewählt wurde.

Blatter erlebt den Moment in seiner Wohnung am Zürichberg zusammen mit Tochter Corinne. Die Mutter seiner einzigen Enkelin ist zur moralischen Unterstützung fürs Wahlwochenende von Visp nach Zürich gereist. Damit schliesst sich ein Kreis. Corinne stand ihrem Vater in dessen turbulentem Kampf ums Fifa-Präsidium 1998 als treue Sekundantin in PR- und Kommunikations-Angelegenheiten zur Seite, als er in Paris den unerwarteten Sieg gefeiert hatte.

«‹Alleine gegen die ganze Welt› war unser Motto damals», erinnert sich Corinne, «diese Erfahrung hat uns enorm zusammengeschweisst. Seither wissen wir, dass wir uns blind vertrauen können – wie ein Sturmduo, welches das Zusammenspiel im Schlaf beherrscht.» 18 Jahre später verfolgen Sepp und Corinne Blatter die entscheidenden Momente des Wahlkongresses zusammen vor dem iPad. Alleine zu zweit. Als Infantino, der italienisch-schweizerische Doppelbürger aus Brig, um 18:01 zum Wahlsieger ausgerufen wird, kann sich Blatter ein Lächeln nicht verkneifen: «Das Oberwallis behält eine gewichtige Stimme. Das ist eine Genugtuung». Brig und Blatters Heimatort Visp liegen keine zehn Kilometer auseinander.

Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte Infantinos Wahl aber nie stattgefunden. Blatter wäre am 26. Februar 2016 wie jeden Morgen um 7 Uhr mit seinem Chauffeur den kurzen Weg zum Fifa-Hauptsitz gefahren, hätte im Radio die Nachrichten des Westschweizer Radios gehört und in seinem Büro das ihm bereitgelegte Butter-Gipfeli an seine Sekretärin weitergegeben. Er hätte die Fifa-Direktoren in seinem Büro empfangen und das Tagesgeschäft vorangetrieben. Hätte, wäre. Der Konjunktiv hat die präsidiale Normalität verdrängt. Nun sitzt Blatter zu Hause und muss mitansehen, wie er an seiner eigenen Verabschiedung nicht einmal Adieu sagen kann.

Seit dem 27. Mai 2015 und dem Eingriff der amerikanischen Justiz ist nichts mehr wie es war – und Blatter in der Fifa vom bewunderten Obmann zur Persona non grata reduziert worden, vom kämpferischen Mittelstürmer zum Verteidiger – ein Verteidiger in eigener Sache «und für die Fifa», wie er betont. «Mein Name wird so stark mit der Fifa in Verbindung gebracht, dass meine Rehabilitation für die ganze Institution von grosser Bedeutung ist.» Seine sportjuristische Ehrrettung strebt Blatter in den kommenden Wochen und Monaten vor dem unabhängigen Sportgerichtshof in Lausanne an. Vorderhand ist er «erleichtert», dass er mit der Wahl seines Nachfolgers aus der Verantwortung und der ständigen Rechtfertigungspflicht genommen wird. «Die Ereignisse der letzten neun Monate haben mich erschüttert», sagt er.

Zur Erleichterung mischen sich aber auch andere Gefühle – Trauer, über die Art und Weise, wie eine so «grossartige Zeit» zu Ende geht, und eine «tiefe Enttäuschung», dass ihn die Fifa-Justiz sperrt, obwohl die Vorwürfe der Korruption und Bestechung vom Tisch sind. «Es geht nur noch um einen finanziellen Vorgang, der mit dem Verstoss gegen den Ethik-Codex gar nichts zu tun hat», sagt Blatter, schüttelt den Kopf und fügt leise an: «Bei den ganzen Vorgängen handelt es sich um einen von der amerikanischen Justiz gesteuerten Komplott. Es ging vor allem darum, Michel Platini als Präsidenten zu verhindern, weil er in der Vergabe der WM-Endrunde 2022 den Ausschlag zugunsten Katars und gegen die US-Kandidatur gegeben hatte.»

Die Verschwörungstheorie trübt die Stimmung am Zürichberg an diesem Freitag zusätzlich. Draussen liegt eine dünne Schneedecke, über der Stadt hängt eine Dunstglocke. Blatter nippt an einer Espresso-Tasse und bemüht sich trotzdem, optimistisch nach vorne zu blicken: «Ich bin vielleicht am Ende meiner Fifa-Karriere, aber ganz sicher nicht am Ende meines Lebens – jetzt habe ich mehr Zeit für mich, die Familie und die Liebe. Es ist der richtige Zeitpunkt, abzutreten». Vorbehaltlos glauben mag man ihm diese Worte allerdings nicht – zu sehr ist er in seiner Aufgabe aufgegangen, zu stark hat er sich mit seiner Position als Präsident identifiziert. Der Beruf war immer seine Berufung. Und auch selber scheint er sich über seine Gefühle nicht ganz im Klaren: «Irgendwie ist es komisch», sagt er – und blickt auf eine Mail von Stefan Jost, dem Direktor des Fifa-Museums. Darin steht, dass Blatter das Museum betreten dürfe, ohne gegen die Auflagen des Urteils der Ethik-Kommission zu verstossen.

Diese Notiz spiegelt den Zwiespalt um die Degradierung des langjährigen Fifa-Präsidenten. Schliesslich war es Blatter gewesen, der das Projekt eines Museums vor ein paar Jahren angestossen hatte; wie so vieles, das heute mit der Fifa in Verbindung gebracht wird – auch die Reformen, die vom Kongress am Freitag abgesegnet wurden.

41 Jahre arbeitete Blatter bei der Fifa. Exakt 14 991 Tage. Das sind 10 Weltmeisterschaften und sechs Weltmeister. Als Blatter am 10. Februar 1975 bei der Fifa seine erste Stelle als Entwicklungsdirektor bezog, war der Weltverband ein KMU mit Büros in einer alten Villa, zwölf Mitarbeitern und finanziellen Problemen. Heute beschäftigt die Fifa allein in Zürich über 450 Angestellte, macht einen jährlichen Umsatz von rund einer Milliarde Dollar und weist ein Vermögen von 1,5 Milliarden aus. Auch die Welt war 1975 eine andere. Es gab es noch kein Internet, keine Kaffeekapseln und Kalten Krieg statt Klimaerwärmung. Man besass ein Drehscheibentelefon statt ein Handy. Muhammad Ali war Boxchampion, der FCZ Schweizer Fussballmeister und Pierre Graber Bundespräsident. Am 10. Februar 1975 war Rosenmontag und der amerikanische Country-Musiker Billy Swan führt die Schweizer Hitparade an. Sein Titel: «I can help».

Hilfe und Unterstützung kann momentan auch Sepp Blatter brauchen – nicht nur von Anwälten auf juristischem Parkett und seinen selbsternannten Beratern im Kampf um die Wiederherstellung der Ehre. Helfen können ihm vor allem seine Freunde. Wer davon die echten sind, wird sich in den kommenden Wochen sehr schnell zeigen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper