Alles begann im Jahr 1877. Der All England Lawn Tennis and Croquet Club brauchte Geld für eine neue Rasenwalze. 10 Pfund. Das brachte die Verantwortlichen auf die Idee, ein Turnier zu organisieren und Eintritt zu verlangen. Inzwischen ist das älteste Tennisturnier der Welt längst zu einem Millionengeschäft geworden. 33 Millionen Franken schüttet der Klub in diesem Jahr allein an Preisgeld aus. Je 2,4 Millionen kassieren die Einzelsieger.

Noch mehr als das Preisgeld zählen Ruhm und Ehre. Bis 1909 siegte mit einer Ausnahme immer ein Brite. Seither verliess einzig der legendäre Fred Perry den Centre-Court noch drei Mal als Sieger: 1934 bis 1936. Seit 77 Jahren warten die Briten auf seinen Nachfolger. Tim Henman trug lange Jahre die Last. 1996 stürmte er mit 21 Jahren erstmals in die Viertelfinals, danach träumten die Fans von seinem Triumph. Vergeblich. Auf dem Henman Hill, dem Hügel vor dem grossen Bildschirm, zitterten und litten sie mit ihm zehn Jahre lang. Weiter als bis in die Halbfinals kam der Engländer nie. Gentleman-Tim wäre der perfekte Nachfolger von Fred Perry gewesen.

2005 tauchte der nächste Hoffnungsträger auf. Ein 18-jähriger Schotte. Kein Engländer also, doch immerhin ein Brite. Zur Not nehmen die Engländer auch den, um endlich ihre Leidenszeit zu beenden. Es war keineswegs eine Liebe auf den ersten Blick. Mit seiner Aussage, «ich freue mich immer, wenn England im Fussball verliert», hatte Andy Murray, der sich als Junior zwischen Tennis und Fussball entscheiden musste, sich gar keine Freunde gemacht. Und wenn die Fans auch über seine Siege jubelten, so machten sie aus dem Henman Hill keinen Mount Murray, wie es schnell einmal geheissen hatte. Murray versagte nie in Wimbledon, aber der ganz grosse Coup gelang ihm bisher nicht. 2008 scheiterte er im Viertelfinal an Rafael Nadal. Der warf ihn noch zweimal im Halbfinal raus, einmal war dort Andy Roddick die Endstation. Es schien, als würde Murray wie Henman unter der Last zusammenbrechen. Und wie ein Mahnmal steht vor dem Centre-Court seit 1984 ja die Statue von Perry.

Doch nun stehen seine Chancen gar nicht schlecht. Vor einem Jahr spielte er sich erstmals in den Final und bewies, dass er dem Erwartungsdruck sehr wohl standhalten kann. Roger Federer musste sein ganzes Können aufbieten, Murray in Schach zu halten. Bittere Tränen flossen danach beim Verlierer, doch schon vier Wochen später triumphierte er tatsächlich auf dem «Heiligen Rasen». Im Olympia-Final fegte er Federer vom Platz. Er darf sich zwar noch nicht Wimbledonsieger nennen, doch wie es sich anfühlt, im berühmtesten Tennisstadion der Welt zu gewinnen, das weiss er nun. Und prompt schob der bis dahin als nervenschwach abgeschriebene Murray beim US Open seinen ersten Grand-Slam-Sieg hinterher. «Wie ich den verlorenen Final wegsteckte und dann Olympia gewann, das hat mir sehr geholfen», betont er. Das habe ihn verändert, sein Denken beeinflusst.

«Viel ist seit meinem ersten Auftritt hier passiert, damals kam ich ohne Druck und Erwartungen her», sagt er. «Ich verstehe nun viel besser, wie ich mit den unterschiedlichen Situationen umgehen muss.» Unter Druck stehe er in Wimbledon immer. «Der ist nicht höher als in den vergangenen Jahren», sagt er. Das Vertrauen in Murray wächst. So handelt ihn ein Wettbüro mit einer Quote von 4.30 auf Sieg hinter Novak Djokovic mit 2.30, vor Nadal und Federer mit 5.25 und 7.50. Und Murray hofft auf das Heimspiel: «Die Fans sind sehr wichtig, nicht für mich selbst, aber manchmal schüchtern sie den Gegner ein.»

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