Es ist der Tag nach dem 2:0-Sieg in Slowenien, dem optimalen Start der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft auf dem Weg an die WM nach Brasilien. Der Rückblick von Granit Xhaka, dem besten Schweizer Feldspieler von Ljubljana, fällt kurz aus. Das Spiel? «Nicht gut.» Der Sieg? «Alles, was zählt.» Das genügt. Der Blick geht vorwärts.

Am Dienstag heisst die nächste Aufgabe Albanien. «Zum Glück spielen wir in Luzern und nicht in Basel, sonst hätten wir 30 000 Albaner im Stadion», entweicht es Xhaka. Vielleicht ist das etwas gar übertrieben, speziell genug wird die Partie auch in Luzern. «Wir dürfen uns von dieser Ausgangslage nicht ablenken lassen», sagt Xhaka. Er erwartet Provokationen und Pfiffe, von Zuschauern wie Spielern. «Sie nennen uns Verräter, weil wir uns gegen Albanien und für die Schweiz entschieden haben», sagt Xhaka, «aber ich kann es verstehen.»

Bereut hat er diesen Entscheid nie, vielmehr betont er: «Dass wir zum Wohl des Schweizer Fussballs etwas beitragen können, das ehrt auch die Leute in Albanien.»

Xhaka ist wie Shaqiri nicht nur Fussballer, sondern wegen der mustergültigen Integration auch Vorbild für viele Secondos in der Schweiz. Ein solcher Status hat aber auch negative Seiten. «Egal, wo ich mich gerade aufhalte, ich bin immer der Ausländer», sagt Xhaka, «in Albanien betrachten mich die Leute als Schweizer – in der Schweiz bin ich der Albaner.»

Der Mensch Granit Xhaka kann damit gut umgehen. Er spricht offen und ohne Scheu über das Thema, so wie er das immer tut. Dazu gehört auch das Thema der kosovarischen Nationalmannschaft. Sollte die Fifa dereinst doch noch verfügen, dass diese an Endrunden-Ausscheidungen teilnehmen darf, und den Spielern gestatten, sich noch einmal neu für ein Land zu entscheiden, so sagt Xhaka: «Das Thema ist weit weg, aber ich würde mir einen Wechsel überlegen – abgesehen davon: Wer garantiert, dass ich in drei Jahren immer noch ein Aufgebot für die Nati bekomme?» Diese letzte Aussage ist etwas gar untypisch für einen, der normalerweise so sehr durch sein Vertrauen in die eigene Stärke auffällt. Seis drum.

Der Fussballer Granit Xhaka hat einen fulminanten Aufstieg hinter sich. Mit 16 zweifelte er nach einem Kreuzbandriss an seinen Fähigkeiten. Mit 17 wurde er Junioren-Weltmeister. Dann folgte der Aufstieg ins Fanionteam des FC Basel, im Sommer zog er nach drei Titeln und den Erfolgen in der Champions League zu Gladbach in die Bundesliga weiter.

Am 4. Juni 2011 in England gab Xhaka als 18-Jähriger sein Debüt in der Nationalmannschaft. «Er bringt sehr viel Spielintelligenz mit», sagt Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld, «darum habe ich ihn schon so früh eingebaut.» Xhaka war Teil des Umbruchs, der nun abgeschlossen scheint. «Dieses 2:2 im Wembley war zwar ein gutes Resultat, aber als Mannschaft haben wir noch nicht funktioniert», sagt er. Jetzt sei dies anders. Und das liegt nicht zuletzt an ihm selbst. Er entwickelte sich zu einer prägenden Figur. Er erzielte zuletzt gegen Luxemburg, Kroatien und eben Slowenien dreimal das erste Tor des Spiels. Und, wahrscheinlich am wichtigsten, Xhaka nimmt mit seiner Präsenz den Spielern im defensiven Mittelfeld, Captain Inler und Behrami, die Last der Kreativität ab, weshalb die beiden enorm an Sicherheit und Strahlkraft gewinnen.

Einmal an diesem Samstag schaut Granit Xhaka doch noch zurück. Die Frage lautet: Wie lassen sich die Erlebnisse an der U17-WM und nun, in der A-Nati, vergleichen? Xhakas Augen glänzen jetzt. «In Nigeria hat alles auch so angefangen, so wie ich das jetzt erlebe.» Zum Beispiel? «Die Stimmung im Team ist grossartig, wir lachen den ganzen Tag.» Und weiter? «Damals wie heute trainierten wir nicht überragend, aber im Spiel klappte es plötzlich.» Also schliesst Xhaka: «Es kommen viele Erinnerungen hoch. Ich will nicht sagen, wir können Weltmeister werden» – Denkpause – «aber wenn wir uns weiter verbessern, ist ein WM-Halbfinal möglich.»

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