«Manne, a d Arbet!» 52 000 Augenpaare. Ehrfurcht, Respekt, Demut – ohrenbetäubende Stille. Die Schwinger-Familie verneigt sich vor ihrem Monarchen. Um 9.31 Uhr betritt Matthias I. den Kampfplatz der Broye-Arena in Payerne. Die Sonne brennt gnadenlos. Auf dem Rollfeld des örtlichen Militärflugplatzes könnte man Spiegeleier braten. Das Wasser in den freundeidgenössischen Holzbrunnen verkommt zur lauwarmen Brühe. Siegermuni Mazot de Cremo muss mit einem Ventilator gekühlt werden. Doch Sempach lässt sich nicht erweichen. «Ich mag es, wenn es richtig warm ist.» Der König wischt sich den Schweiss von der Stirn. Das Sägemehl ist heiss wie Sahara-Sand.

Das Pensionsalter erreicht
Drei Jahre nachdem er in Burgdorf den Thron des Nationalspiels erklommen hat, strebt der bärenstarke Metzger nach der Titelverteidigung. Dabei stellt er sich nicht nur den Gegnern, sondern auch der Historie. Mit dreissig Jahren hat Sempach das Pensionsalter für Schwingerkönige eigentlich erreicht. Erst drei Mannen gelang es, mit einer Drei auf dem Rücken obenaufzuschwingen – zuletzt vor 76 Jahren dem Berner Werner Bürki.

Sempach tut sich mit der Bürde der Geschichte zunächst schwer. Gegen den standhaften Innerschweizer Christian Schuler findet er kein Rezept. Seine Züge und Griffe verpuffen in der Glutofenhitze – und nach fünf Minuten des zähen Kampfs kracht er schmerzhaft zu Boden. Sein Brustkorb kollidiert mit Schulers Schulter – und zu allem Übel verschluckt sich der König an der Kampfunterlage. Seinem Bruder Stefan stockt im Zuschauerbereich der Atem. Der Speaker behält die Übersicht: «Sempach genehmigt sich ein zweites Frühstück», kommentiert er nüchtern. Dem Angesprochenen bleibt das Sägemehl in der Kehle stecken. Eine Mundspülung am Wasserhahn hilft.

Es ist auch ein taktischer Schlungg – um sich eine Verschnaufpause und Abkühlung zu gönnen. Letztlich muss sich Sempach aber mit einem Gestellten zufrieden geben – und die Taktik für den weiteren Festverlauf überdenken. Bei einem zweiten sieglosen Kampf droht die vorzeitige Abdankung. Vor den TV-Kameras macht er gleichwohl gute Miene zum nicht so guten Spiel: «Ich hätte zwar lieber gewonnen. Ich habs versucht, bin aber nicht durchgekommen, fühle mich aber sehr gut.»

Ist der Wunsch Vater des königlichen Gedankens? Nein! Im zweiten Gang gegen Erich Fankhauser beweist Sempach erstmals an diesem Samstag seine ganze technische Extraklasse: Kreuzgriff, Überdrücken, Sieg mit der Höchstnote! Der König lebt! Die Frauen und Mannen vom Yodleur-Club Echo du Val-de-Ruz liefern den Klangteppich zur Auferstehung.

Während die Ehrengäste darauf hingewiesen werden, pünktlich um 12.00 Uhr zum Mittagessen zu erscheinen, schreitet Sempach mit grossen Schritten über die Passerelle in Richtung Schwinger-Dorf zur Zwischenverpflegung. Nach währschafter Hausmannskost ist an diesem Mittag aber nicht mal dem urchigsten Eidgenossen zumute. Früchte, Energieriegel und Wasser – viel Wasser – bringen den Kalorien- und Flüssigkeitshaushalt der Sägemehl-Titanen wieder ins Lot.

König auf Betriebstemperatur
Das Kampfgericht will keine lauwarmen Darbietungen. Es erhöht am Nachmittag die Gangdauer von sechs auf sieben Minuten. Auch die Fahnenschwinger und Alphornbläser legen sich ins Zeug und sorgen für jenes Ambiente, die das «Journal du Jura» despektierlich als «Jahrmarkt aus Marketing, Kitsch, Tradition und Folklore» bezeichnet. Doch Sempach kommt nun so richtig in Schwung: Auch mit dem dritten Innerschweizer, Marcel Bieri, macht er kurzen Prozess: Brienzer rückwärts, Plattwurf. Der König hat endgültig Betriebstemperatur erreicht.

Zusammenschluss an der Spitze
Im vierten Gang folgt der ultimative Härtetest. Sempach wird gegen Armon Orlik eingeteilt, den jugendlichen Überflieger, der seine Gegner in dieser Saison reihenweise ins Sägemehl spediert und am «Eidgenössischen» die Rangliste nach drei Gängen souverän anführt. Doch gegen Sempach stürmt der 21-jährige Bündner ins Verderben. Damit kommt es an der Spitze zum grossen Zusammenschluss. Mit den Nordostschweizern Michael Bless und Beat Clopath, den Bernern Matthias Glarner, Remo Käser und Christian Stucki sowie dem Nordwestschweizer Mario Thürig liegen sechs Schwinger mit je 38,75 Punkten an der Spitze. Mit 0,25 Zählern Rückstand ist Matthias Sempach in königlicher Lauerstellung.

Dahinter hat das Fest schon am ersten Tag ein prominentes Opfer gefordert: Kilian Wenger, der König von 2010, war nach einer Niederlage und einem Gestellten schon kurz nach Sonnenaufgang weg vom Fenster.

Stärker denn je
Das Mass aller Dinge freilich bleibt König Sempach. Nach einer einjährigen Verletzungspause wirkt der Berner stärker denn je. Jean-Pierre Egger, sein Fitnesstrainer, sagte schon vor dem Anschwingen: «Grosse Athleten kommen nach einer Verletzung oft noch stärker zurück.» Sempach ist ein Grosser – ein ganz Grosser. 194 cm, 112 kg. Und mit der erfolgreichen Titelverteidigung würde er endgültig zur Legende wachsen. In jüngerer Vergangenheit gelang dieser Coup nur den vier Allerbösesten der Geschichte – Jörg Abderhalden (2007), Ernst Schläpfer (1983), Ruedi Hunsperger (1969) und Karl Meli (1964). Allein diese Namen machen deutlich: Heute Nachmittag kann in Payerne eidgenössische Sportgeschichte geschrieben werden. Es liegt in den Händen des Königs.

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