Von Petra Philippsen aus New York

2005 besiegte Roger Federer Andre Agassi im Final der US Open. Ein Jahr später trat der Amerikaner in New York unter Tränen zurück. Er sagt heute, zehn Jahre später, über die Zeit vor dem Rücktritt: «Es ist so, als würde man sich auf den Tod vorbereiten. Du trittst in eine andere Welt über, aber niemand weiss, wie es sich anfühlen wird. Und niemand weiss, wann es passiert. Aber wenn es passiert, dann ist deine Zeit gekommen.»

Jeder Athlet klammere sich an seine Karriere, glaubt Agassi. Denn man müsse mit der Gewissheit leben, dass man nie wieder in seinem Leben etwas so gut beherrschen werde wie das Tennisspielen. Mit dem Gedanken müsse man erst einmal klarkommen. «Ich denke, es gibt nicht den richtigen Moment, um aufzuhören», sagt Agassi, «aber für mich war es dann doch eine Erleichterung. Ich habe erreicht, was ich wollte. Ich habe mich so weit an die Grenzen getrieben, wie ich konnte.» Acht Grand-Slam-Trophäen, olympisches Gold, die Nummer eins – Agassi war einer der Besten dieses Sports, für viele ist er eine Legende.

Federers Zeit ist noch nicht da

Doch es hat nach ihm längst neue Tennis-Helden gegeben, so wie Roger Federer. Aber auch der 35 Jahre alte Baselbieter wird in naher Zukunft den richtigen Zeitpunkt fürs Aufhören finden müssen. Mehr noch, seit Federers Saison von Knie- und Rückenverletzungen ausgebremst wurde, wird darüber erneut spekuliert, ob dieser Tag wohl eher früher als später kommen werde. Doch Agassi macht sich überhaupt keine Sorgen, dass der 17-malige Grand-Slam-Champion seinen Schlussakt verpatzen könnte. «Federer ist Federer», sagt Agassi, «er ist einmalig. Er ist magisch. Er kann aufhören, wann er will, denn er ist dann immer noch Federer. Er kann diese Entscheidung ganz ohne Druck fällen.» Und das tut er auch – aber jetzt noch nicht. Denn Federer arbeite bereits am Design für sein US-Open-Outfit für die Saison 2018, heisst es. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.

Agassi spürte seinerzeit in den Duellen auf dem Tennisplatz mit dem Schweizer immer deutlicher, dass die Zeit für den Rücktritt näher rückt. Nur anfangs konnte er gegen Federer noch gewinnen. Doch mit dem Aufstieg des Schweizers im Jahr 2003 war die Wachablösung eingeläutet. Und Agassi spürte, dass er sein Alter Ego in jüngerer Form getroffen hatte. Agassis Tage im Tennis-Olymp liefen ab, jedoch nicht kampflos. So trieb er Federer 2004 im Viertelfinal der US Open noch einmal über die volle Distanz und unterlag ihm ein Jahr später im Endspiel in vier Sätzen – mit 35 Jahren. Damals hatte Federer als 26-Jähriger bei der Siegerehrung gesagt: «Ich hoffe, dass ich wie Andre auch gegen mehrere Generationen spielen kann. Ich möchte mit 35 Jahren auch noch dabei sein.» Das ist ihm gelungen, wie ihm auch das Leben nach der Karriere einmal gelingen dürfte. Familie, Stiftungen, Tennis-Ambassadeur – Roger Federer könnte einen ähnlichen Weg einschlagen, wie es Agassi tat. Doch er wird diesen Zeitpunkt allein bestimmen.

Als Agassi 2006 seine Tasche schulterte und den Platz zum letzten Mal verliess, schien eine tonnenschwere Last von ihm abgefallen zu sein. Er hatte seine eigenen Dämonen besiegt, und die Liebe der Fans liess ihn in diesem Moment spüren, was ihm dieses Tennisleben wirklich bedeutete. Und der Abgrund, in den Agassi so lange geblickt hatte, machte ihm keine Angst mehr. Sein Abschied war der Anfang von etwas Neuem. Aber leicht war ihm das Aufhören damals nicht gefallen, das erzählt Agassi nun bei seiner Rückkehr nach Flushing Meadows immer wieder. Agassi ist noch quicklebendig und mit sich im Reinen.

«Ich bin jetzt 46 Jahre alt und manchmal habe ich morgens Schwierigkeiten, mir die Schuhe anzuziehen», sagt Agassi: «Keine Frage, mein Körper ist wesentlich älter, als es seine Jahre aussagen.» Bei seiner Abschiedstour in New York plagten ihn damals heftige Rückenschmerzen, vor jedem Match musste Agassi Spritzen ertragen. So wurde ihm die grösste Herausforderung im Leben eines Sportlers abgenommen: den richtigen Zeitpunkt für das Karriere-Ende zu finden.

Der Mann, der Bambi erschoss

In Flushing Meadows flimmert die Drittrundenpartie der US Open aus dem Jahr 2006 oft über die Bildschirme. Kaum ein Match wird in den USA öfter wiederholt. Denn an jenem Tag schickte Benjamin Becker Amerikas Tennisliebling in Rente. Und seither ist er der Mann, der Bambi erschoss. Den Vergleich brachte damals Agassis US-Kollege Andy Roddick auf. Selbst heilfroh, dass ihm diese Bürde erspart geblieben war.

Dafür haftet Becker dieses Etikett an. Er ist – ob gewollt oder nicht – untrennbar ein Teil dieser Tennis-Geschichte, und das seit nunmehr genau zehn Jahren. «Ich werde immer wieder auf dieses Match angesprochen», sagt der 35-Jährige heute, «und, ganz ehrlich, ich fühle mich immer noch etwas schlecht, dass ich Agassi da runtergeschickt habe. Als so ein kleiner Bub aus Deutschland, der gerade vom College kam und zum ersten Mal bei den US Open spielen durfte.»

Becker weiss noch, wie unwirklich sich damals alles angefühlt hatte. Wie schlecht eigentlich das Niveau der Partie gewesen ist, weil sie beide so dermassen angespannt waren. Mit einem Ass war alles zu Ende. Und dann die Rede. Diese Rede von Agassi, nachdem ihm die Fans im Arthur Ashe Stadium vier Minuten lang Standing Ovations gespendet hatten und er mit tränenerstickter Stimme zu ihnen sprach. 50 Sekunden dauerten seine Worte. 50 Sekunden, die 21 Jahre seiner Hassliebe zum Tennis resümierten. Ein Skript hatte er nicht, aber über diesen Moment hatte Agassi monatelang nachgedacht. «Die Anzeigetafel sagt, dass ich heute verloren habe», begann Agassi, «aber sie sagt nicht, was ich gefunden habe: Ich fand euch. Eure Loyalität.»

Seine Abschiedsworte hat Roger Federer vermutlich noch nicht gewählt, doch der Schweizer wird mit Gewissheit ebenfalls einen emotionalen Schlusspunkt erfahren. Wann es so weit ist, wird er selbst entscheiden.

Doch wie sagt Andre Agassi so schön: «Roger Federer ist einmalig. Er ist magisch. Er kann aufhören, wann er will, denn er ist dann immer noch Federer.» Genau so ist es. «Federer ist Federer. Er ist einmalig. Er ist magisch. Er kann aufhören, wann er will, denn er ist dann immer noch Federer.»