Nicht jeder im Weltcup wird Didier Cuche nachtrauern. Klaus Kröll beispielsweise, einer der härtesten Konkurrenten der letzten Winter, will das Blatt Papier von «Blick»-Reporter Marcel Perren nicht unterschreiben, das Cuche über diese Saison hinaus zum Weiterfahren bewegen soll. Irgendwie verständlich. Denn der Neuenburger stahl dem Österreicher nicht nur in Kitzbühel, sondern nun auch in Garmisch die Show. Schlimmer noch. Cuche scheint derzeit unerreichbar für die Konkurrenz. Carlo Janka sagt: «Auf einer so kurzen Strecke darf man sich keine Fehler leisten. Ausser Cuche.»

Dabei entsprach der Saisonverlauf bis zu seinem Lieblingsrennen in Kitzbühel nicht jenem eines ganz grossen Meisters. Zwar gewann Cuche den Speed-Auftakt in Lake Louise und wurde danach im Super-G Zweiter. Doch das wars dann auch schon mit Top-Platzierungen. Über Rang 8 ist er nicht mehr hinausgekommen. Bis Kitzbühel und zur Ankündigung seines Rücktritts.

Es gab Leute, die ihm geraten haben, nach der Rücktrittsankündigung sofort aufzuhören. Weil sie befürchtet haben, Cuche wäre mental nicht mehr voll bei der Sache, was das Sturz- und Verletzungsrisiko erhöhen würde. Doch das Gegenteil scheint bisher der Fall zu sein. Cuche lässt selbst durchblicken, dass ihn die Entscheidung zum Rücktritt befreit habe. Und: Dass ihn zuvor die Gedankenspiele über seine Zukunft belastet haben. «Ich habe jetzt nicht mehr diese Hemmungen, Fehler zu machen.» Diese Sorge hätte ihn von Beaver Creek bis Wengen verfolgt.

Locker-lässig, befreit von jeglichem Ballast – so hat man Cuche auch in Garmisch nicht erlebt. Viel eher war er der knorrige Typ, der nach den Trainings kurz angebunden war. Der prägnant zwei, drei Fragen beantwortete, aber nicht mehr. Doch es war auch nicht der gehetzte Cuche der jungen Jahre, der verbissen versuchte, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und dabei nicht selten Enttäuschungen hinnehmen musste. Nein, Garmisch erlebte einen fokussierten Cuche. Einen, der die Gewissheit hat, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Der mit sich und seinem Umfeld im Reinen ist. Der aber trotz allem den Erfolgshunger eines Kannibalen hat. Und deshalb an den fünffachen Tour-Sieger Eddy Merckx erinnert, den wohl grössten Radfahrer aller Zeiten.

«Es ist egal, ob ich nun bei 18, 19 oder 20 Weltcup-Siegen angelangt bin», sagt Cuche. Um Statistiken kümmern sich andere. Doch den Stand in der Abfahrtswertung hat er gleichwohl im Auge. Und da stellt er befriedigt fest, dass er nun 69 Punkte vor Beat Feuz liegt. «Die letzten Abfahrten entsprachen nicht meinen bevorzugten Bedingungen. Ich habs halt gern etwas härter. Aber ich würde mich im Kampf um die kleine Kristallkugel sicher nicht abschreiben», sagt Wengen-Sieger Feuz, der nach zwei gröberen Patzern auf der alten Kandahar nur auf Platz 23 landete.

Der fünfte Triumph im Abfahrtsweltcup ist nun das letzte Ziel des Skifahrers Didier Cuche. Doch mit jedem weiteren Sieg werden die Stimmen, die ihn zum Rücktritt vom Rücktritt überreden wollen, lauter. Selbst der Österreicher Hannes Reichelt, der seine formidable Form in Garmisch mit Platz 3 bestätigte, sagt: «Didier ist ein cooler Typ. Mich würde es freuen, wenn er weiterfährt. Ausser natürlich in Kitzbühel.» Cuche selbst, ein Mann der klaren Worte, meint: «An solchen Tagen wäre es einfach zu sagen, ich fahre weiter. Aber ich bin froh, dass ich die Entscheidung getroffen habe.»

Nebenbei ist Cuche mit seinem zweiten Sieg in Garmisch nach 2004 die Revanche für die WM geglückt. Wobei Revanche ein grosses Wort ist. Schliesslich hat Cuche letztes Jahr nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen. Wie schon an der WM war Erik Guay sein härtester Konkurrent. Was nicht überrascht. Schliesslich ist Garmisch für den 30-jährigen Kanadier das, was Kitzbühel für Cuche ist – sein Jagdrevier. Der Abfahrtsweltmeister verlor gestern trotz eines Beinahe-Ausfalls nur 0,27 Sekunden auf Cuche und fuhr nun in Garmisch zum vierten Mal aufs Podest.

Neben Cuche gab es für die Schweizer kein weiteres Highlight. Der 10. Rang von Patrick Küng ist okay. Marc Gisin hält mit Position 14 an seiner Politik der kleinen Schritte – und zwar in die richtige Richtung – fest. Anders sieht es bei Carlo Janka (17.) aus, der im Sommer sein Setup auf eisige Pisten abgestimmt hat, was einen Exploit bei weicheren Bedingungen fast verunmöglicht. Oder bei Silvan Zurbriggen (18.), der in dieser Saison nicht auf Touren kommt. Schon fast peinlich war der Auftritt von Didier Défago (22.). Der Grund ist nicht die Platzierung, sondern ein verbaler Einfädler. «Hintereinander zwei gekürzte Abfahrten durchzuführen, ist keine gute Werbung für unseren Sport.» Ob Teamkollege Cuche diese Meinung teilt?

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